zur Navigation zum Inhalt
© AP Images / picture alliance
Sir Winston Churchill verwendete Zeit seines Lebens „Plain Language“; hierbei wird auf Effizienz Wert gelegt, um Missverständnisse zu minimieren.
 
Praxis 10. August 2017

Auf die richtige Fragetechnik kommt es an

Kommunikation – Teil 2. Die Gesundheitskompetenzen der Bürger sind in Europa ausbaufähig. Umso wichtiger erscheint es, im individualisierten Gespräch die Kernelemente der Unterhaltung gesondert hervorzuheben und zu kontrollieren, ob diese richtig und vollständig vom Patienten verstanden wurden.

In unseren Arztpraxen findet die Weitergabe von Informationen vorwiegend verbal statt. Es ist daher unerlässlich, die persönliche Situation des Patienten und damit einhergehend die individuellen Bedürfnisse (z. B.: sprachlicher oder kultureller Natur) einzuschätzen. Wie ausgeprägt sind die Gesundheitskompetenzen? Zu berücksichtigen gilt es auch, dass alle Menschen je nach Alter und Erfahrungsschatz unterschiedliche Lernstrategien entwickelt haben. Darauf aufbauend können unterstützend Demonstrationsobjekte, Diagramme, Bilder, Videos oder das mehrmalige wiederholen von Kernelementen in Form der Teach-Back-Methode den größtmöglichen Erfolg bringen ( AHC Media - Patient Education Management , 10/ 2000; http://bit.ly/2qrjZx2 und Agency for Healthcare Research and Quality, 12/ 2016; http://bit.ly/ 2luyn4d ).

Praxistaugliche Fragetechniken

Geringe Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen stehen unter Verweis auf die Gesundheitskompetenz in einem direkten Zusammenhang mit der Gesundheit einer Person und dessen Fertigkeit, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und anzuwenden. Umso wichtiger scheint es daher, Techniken im Arzt-Patienten-Gespräch zu verwenden, die diesem Umstand Rechnung tragen und gleichzeitig schnell, effektiv und einfach anzuwenden sind.

Folgende Techniken sind in der Lage, diese Forderungen zu erfüllen:

Compliance Anamnese. Dem Patienten wird verdeutlicht, dass das Verstehen der Diagnose und die damit verbundene Einhaltung des empfohlenen Therapieplans viele Menschen vor große Herausforderung stellt. Es wird damit signalisiert, dass der Betroffene mit seinen Problemen und Fragen nicht alleine ist und es Sinn macht, sich diesen neuen Herausforderungen gemeinsam mit dem behandelnden Arzt zu stellen. Wenn beispielsweise eine neue Therapie verordnet wird, dann kann darauf hingewiesen werden, dass bereits von anderen Patienten berichtet wurde, dass das empfohlene Verhalten eine gewisse Herausforderung darstellt. „Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?“ – könnte hierbei die Frage zur Compliance Anamnese sein.

Feedback holen. Hierbei geht der Experte gezielt auf die jeweilige Situation ein und bringt so in Erfahrung, wie die ausgesprochenen Empfehlungen in das tägliche Leben des Betroffenen integriert werden können. Wo sieht der Betroffene bereits vor der ersten Anwendung Schwierigkeiten auf sich zukommen?

Der Rollentausch. In diesem konkreten Fall tauschen die beiden Gesprächspartner ihre Rollen. Der Arzt gibt nun dem Patienten die Möglichkeit, Argumente vorzubringen, warum eine Handlung ausgeführt werden soll und eine andere nicht. Auf diese Weise kann der Experte besser erkennen, wie die Prioritätensetzung von Seiten des Patienten ist.

Das Premark-Prinzip. Handlungen, wie zum Beispiel Medikamenteneinnahmen, die an bestimmte Zeitpunkte oder Ereignisse gebunden sind, sollen mit einer anderen täglich stattfindenden Tätigkeit kombiniert werden. Für Patienten mit eigenem Hund könnte die Medikamenteneinnahme jeweils nach dem Morgenspaziergang angesetzt werden und damit bereits nach kurzer Zeit zur Routine werden.

Die persönliche Nutzen-Analyse. Mit der Frage, welchen persönlichen Nutzen sich der Patient beispielsweise von der bevorstehenden Therapie erwartet, werden die positiven Elemente nochmals betont.

Teach-Back-Methode. Mit dieser wohl wichtigsten Methode demonstrieren die Patienten Ihr Verständnis. Über verschiedene Zugänge wird von Seiten des Experten überprüft, ob der Patient die für ihn wichtigen Elemente richtig erklärt bekommen und erfasst hat. Mittels Fragen wie: - „Was erzählen Sie Ihrem Gatten zu Hause über Ihr Problem?“

- „Ich möchte sichergehen, dass ich Ihnen alles richtig erklärt habe. Können Sie mir bitte alles noch einmal erzählen, damit ich sichergehen kann, dass ich es gut gemacht habe?“

- „Zeigen Sie mir bitte jetzt noch einmal, was Sie alleine zu Hause machen sollen.“

Aufgrund der direkten Aufforderung wird der Betroffene dazu ermutigt, relevante Dinge zu wiederholen. Fehlende oder falsch wiedergegebene Inhalte müssen dann nochmals wiederholt werden. Je nach Thematik und Situation macht es Sinn, die Wiederholung durch den Patienten bereits nach drei bis fünf Kerninhalten zu starten (Chunk & Check). Die Anwendung der Teach-Back-Methode bei Diabetespatienten hat nachweislich dazu geführt, dass sich die Blutzuckerwerte bei den Kontrollen verbessert haben. Weiters wurde die Effizienz der Methode in mehreren anderen Studien nachgewiesen.

AskMe3. Die AskMe3-Initiative ist ein spezielles Weiterbildungsprogramm, das dazu erstellt wurde, um die Kommunikation zwischen dem Patienten und dem Gesundheitsexperten zu verbessern. Der Patient wird hierbei dazu motiviert, ein Teil des Behandlungsteams zu werden und sich stärker für die eigene Gesundheit einzusetzen (Stärkung des Empowerments und der Partizipation). Damit das geschieht, ist es notwendig, dass jeder Patient aus eigenem Antrieb nach dem Beratungsgespräch die folgenden drei Fragen selbst beantworten kann ( National Patient Safety Foundation NPSF, 5/ 2017; http://bit.ly/2akvlMI ):

- Was ist mein eigentliches Problem?

- Was muss ich jetzt machen, damit es mir besser geht?

- Warum ist für mich wichtig, dass ich mich daran halte?

In der Praxis bieten sich für die Implementierung des AskMe3-Konzeptes mehrere Möglichkeiten an, um mittels verbesserter Kommunikationsstrategie die Compliance und damit die Behandlungsqualität nachhaltig zu steigern.

Zu Beginn sollten die Kollegen und Mitarbeiter dafür sensibilisiert werden, wie prävalent geringe Gesundheitskompetenzen in der Bevölkerung ausgeprägt sind. Alle Personen, die in den Behandlungsprozess eingebunden sind, müssen daher eine Kommunikationsform wählen, die weder stigmatisiert noch auf wesentliche Inhalte verzichtet.

Effizient sprechen

Eine Sprache, in der Missverständnisse minimiert, auf mehrmaliges monotones Wiederholen verzichtet und auf Effizienz Wert gelegt wird, wird im Englischen als Plain Language bezeichnet. Eine Sprache, die immer wieder zu Unrecht in der Kritik steht. Sie ist weder anti-intellektuell, primitiv, eintönig noch qualitätsmindernd. Es ist die Sprache, die selbst Abraham Lincoln, Mark Twain und Winston Churchill zeit Ihres Lebens verwendet haben ( Kimble, 1995 The Scribes Journal of Legal Writing (5), pp. 51–85. http://bit.ly/2rlAFqT ).

Ein Fallbeispiel

In diesem Beispiel aus der Praxis sind sie als Leser nun gefordert, auf Basis der Ausgangslage und Problemstellung eine Beurteilung der Situation vorzunehmen. Wie hätte der Patientin bereits im Vorfeld besser geholfen werden können?

Es handelt sich um eine 53-jährige Frau mit Diabetes. In regelmäßigen Abständen wird die Frau, die aus einer niedrigen sozialen Schicht stammt, in den Notfalleinrichtungen des ansässigen Krankenhauses vorstellig. Der Grund dafür ist zumeist die starke Hyperglykämie. Die Frau gibt im Zuge der Gespräche an, mit der Wirkung von Insulin und den anderen verschriebenen Medikamenten vertraut zu sein.

Trotz Kenntnis über Diabetes und dem Vorhandensein von Insulin sind wiederkehrende Behandlungen im Krankenhaus notwendig. Laut Auskunft der verantwortlichen Personen kann der erhöhte Blutzuckerspiegel ohne gesundheitliche Folgen schnell wieder normalisiert werden. Im intensiven Gespräch mit einer Krankenschwester erbittet die Patientin gegen Ende der Behandlung noch eine kurze Insulin-Pumpen-Schulung. Dabei stellt sich heraus, dass die Diabetikerin das Insulin zuerst immer in eine Orange oder ein anderes Obst spritzt und diese dann isst.

Was hätte früher unternommen werden können, um sicherzustellen, dass die Injektionen richtig verabreicht werden?

Von der Gesamtbeurteilung der Situation her wird klar, dass die Patientin über Ihr Problem Bescheid wusste und daher Insulin zuführte. Dem unterweisenden medizinischen Personal war in der Vergangenheit aber nicht aufgefallen, dass die Betroffene über nur sehr geringe „Literacy-Skills“ verfügt und mit den schriftlichen Anweisungen im Umgang mit Diabetes bzw. Insulin überfordert war.

Keine Routinefragen

Hätte man in diesem Fall früh auf die Teach-Back-Methode und nicht wie sonst vielleicht üblich auf „Haben Sie noch Fragen?“ oder „Haben Sie alles verstanden?“ zurückgegriffen, so hätte man der Patientin viele Krankenhausaufenthalte ersparen können. Viel zu oft verleiten die beiden „Routinefragen“ dazu, aus Scham oder Gewohnheit mit „Ja“ zu antworten.

Werkzeuge wie die Teach-Back-Methode kombiniert mit dem AskMe3-Ansatz helfen dabei, zu überprüfen, ob die wesentlichsten Inhalte effektiv vermittelt und aufgenommen worden sind. Durch die Ermutigung zum Fragen sind aber gleichzeitig auch wieder die Experten in die Pflicht genommen, denn diese müssen dann in der Lage sein, die aufkommenden Fragen in einer Form zu beantworten, die die Patienten auch wirklich verstehen (Plain Language). Am Ende ergibt sich dadurch eine Win-Win-Situation für beide Gesprächspartner.

Die Teach-BackMethode ist die wohl wichtigste – im ärztlichen Gespräch jedoch ist sie weitgehend unbekannt.

Alexander Riegler

, Ärzte Woche 25/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Aktuelle Printausgaben