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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 16. Mai 2017

Farm im Darm

Nicht der Apple a Day, sondern ein vielfältiges Mikrobiom soll den Doctor Away halten.

Mehr als eineinhalb Kilogramm wiegen die Bakterien in unserem Darm. Und bevor jemand auf die Idee kommt, das überschüssige Gewicht durch eine gezielte Antibiotikatherapie ins Klo zu spülen, sollte nochmals darauf hingewiesen werden, dass wir diese unsere Darmflora brauchen, wie einen Bissen glutenfreies Brot.

Diese Einsicht ist nicht selbstverständlich, denn als man vor mehr als 100 Jahren entdeckt hat, dass der Stuhl und damit auch der Darm voll von Bakterien ist, war der zweite logische Gedankengang: Wie kann man diesen Eindringlingen den Garaus machen? Das Image unserer Mitbewohner hat sich in den letzten Jahren jedoch derart verbessert, dass man sogar versucht, mit Präparaten, die Omni, Bio, oder Eu als Vornamen tragen, die Darm-WG um einige Millionen Mitbewohner zu erweitern. Sogar die Stuhltransplantation steht zur Verfügung, bei der, etwas weniger vornehm, durch den Hintereingang bevölkert wird.

Warum man sich so lange Zeit nur wenig um die offenkundige wertvolle Funktion des Mikrobioms gekümmert hat, mag auf dem Gefühl fußen, dass man doch eher selbst für seine Gesundheit zuständig sein möchte und nicht ein Haufen ekliger Organismen, die man im Normalfall mit ätzenden Scheuermitteln von der Toilettenbrille zu entfernen versucht, damit der Po nicht nur hygienisch, sondern sogar klinisch rein ist. Heute möchte man gut zu seinen Mitbewohnern sein, sie nicht überfordern mit hochgezüchtetem Weizen aus dem Tullnerfeld, Fruktose aus der Fertigpizza oder Glutamat vom traditionellen Chinesen am Eck. Man hört indes davon, dass man neuerdings nicht nur Beamte, sondern auch sein Mikrobiom anfüttern kann. Durch gezielte Auswahl seiner Nahrungsmittel lassen sich bestimmte Bakterienarten heranzüchten wie Küchenkräuter im Hochbeet. Ein solch inneres „urbanes Gardening“ kann sogar Städtern Spaß machen. Statt am Handy mit „Hay Day“ einen virtuellen Bauernhof zu betreiben, kann mein seine reale Farm im Darm hegen und pflegen.

Wenn statt der Tiefkühlpizza mit Artischockenherzen, Topinambur oder Chicorée auf dem Speiseplan stehen, freuen sich die Darmbewohner. Auch wenn den meisten Darmbewohner-Behausungen dabei die Freude am Essen vergeht. Man ist derart begeistert vo diesem Mikrobiom, das beim Abnehmen hilft, Depressionen besiegen kann oder gemeinsam mit dem „Darmhirn“ sogar mittelschwere Sudokus lösen kann, dass man als Patient fürchten muss, vom Arzt seines Vertrauens erst nach seinem Mikrobiom begrüßt zu werden. So sehr ich mich auch freue, dass dieser unterschätzten Subkultur in unserem Körper endlich die gebührende Aufmerksamkeit zukommt, bin ich skeptisch, ob die Darmflora so glücklich über die biotechnologisch gepimpten Turbo-Joghurts in unseren Müslischüsseln ist, wie die Hersteller.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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