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Alles was Recht ist: Nachbau einer sieben Quadratmeter großen Gefängniszelle
 
Leben 16. Mai 2017

Alles was Recht ist – NÖ Landesausstellung in Pöggstall

Im südlichen Waldviertel wird heuer die Geschichte der Rechtssprechung, ausgehend von der Mariatheresianischen Constitutio criminalis, einem Meilenstein der heimischen Gesetzgebung, aufgearbeitet.


Zu sehen sind neben dem Nachbau einer Gefängniszelle Objekte wie ein Henkersbeil, ein Galgenpfahl oder eine Schandfiedel, die als Ehrenstarfe für zanksüchtige Frauen eingesetzt wurde. Zudem warten interaktive Stationen – so können Besucher etwa ein Phantombild erstellen.

Üblicherweise wird das eher trockene Thema Rechtsgeschichte über den wohligen Grusel erzählt, den mittelalterliche Folter und die hierzulande bis ins 18. Jahrhundert praktizierten Hexenverbrennungen und Zauzbereiprozesse, bei den Besuchern auslösen. Die Schau in Schloss Pöggstall geht einen anderen Weg. Mit einem Berg an Büchern wird laut der wissenschaftlichen Leiterin Elisabeth Vavra die „Flut an Gesetzen" symbolisiert. Wer an den „Rädern des Schicksals" dreht, erfährt Strafen für Verbrechen einst und jetzt.

Die Ausstellung ist in fünf Kapiteln unterteilt, die einen Rückblick auf die Entwicklung der Rechtsprechung im historischen Kontext gewähren und aktuelle Fragen aufgreifen: Wo bewegen wir uns gemeinsam hin – wie gestalten wir miteinander unsere Welt, im Kleinen wie im Großen. Wiesind Menschen früher miteinander umgegangen – und wie handhaben wir das jetzt und hier. Die Schau informiert nicht nur, sie richtet Fragen an ihre Gäste: Reden oder richten? Versöhnen oder vergelten? Verfolgen oder vergessen? Fragen oder foltern? Demonstrieren oder dulden?

Im ersten Abschnitt werden maßgebende Strafbücher des 19. Jahrhunderts, die teils bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus Gültigkeit hatten, dargestellt. Interaktive Installationen führen in die Welt des Gerichts ein.

Der zweite Abschnitt widmet sich dem Thema Strafe und deren unterschiedlichsten Formen – im historischen Kontext werden diese in Bezug zur gegenwärtigen Situation gesetzt. Themen wie die Körperstrafe oder das Wegsperren werden ebenso beleuchtet wie neue Lösungsansätze: Wie funktioniert und was bedeutet Diversion? Wann tritt sie ein? Bei welchem Vergehen kommen Sozialstunden als Tatausgleich in Frage- wie agiert ein Mediator beziehungsweise agieren Konfliktparteien?

Der dritte Teil der Schau ist dem Unrecht im Nationalsozialismus gewidmet. Rechtsverständnis und Verbrechen des Regimes werden unter einem gesellschaftlichen Blickwinkel betrachtet. Was trug die zivile Bevölkerung zu den Geschehnissen bei? Welche Handlungsoptionen hatten jene, die in einer Täterrolle waren? Außerdem wird die juristische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von 1945 bis in die Gegenwart beleuchtet.

Abschnitt Nummer vier beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der Folter. Vom Spätmittelalter bis hin in die Gegenwart: Folter als Teil des Untersuchungsverfahrens das zur Wahrheitsfindung dient. Obwohl bis heute 155 Länder der UN-Konvention gegen Folter beigetreten sind, ist sie weiterhin existent.

Brisant und aktuell ist der letzte Raum der Ausstellung: Abschnitt fünf rollt die Geschichte der Menschen- und Grundrechte auf, die mit der Entstehung der modernen Verfassungsstaaten im ausgehenden 18. Jahrhundert eng verbunden sind. In diesem Teil der Ausstellung werden die Gäste einerseits mit den Meilensteinen dieser Entwicklung konfrontiert, andererseits mit gegenwärtigen Verletzungen der Menschen- und Grundrechte.

Betreten können Besucher den Nachbau einer sieben Quadratmeter großen Gefängniszelle, die der vorgeschriebenen Größe eines Pkw-Parkplatzes gegenübergestellt wird.

„Alles was Recht ist" wurde laut Vavra als inklusive Ausstellung gestaltet und umfasst Stationen für Sehbeeinträchtigte und Blinde sowie Gehörlose, auch Leichter-Lesen-Texte sind zu finden. Zudem sei versucht worden, das Thema „möglichst locker aufzubereiten" - etwa mit Ausschnitten aus bekannten Gerichtsfilmen.

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