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© Markus Zeh
Kleine Bäche in der Schweiz sind stark mit Pestiziden aus der Landwirtschaft belastet. Oft über lange Perioden.
 
Gesundheitspolitik 18. April 2017

Resistente Mischkulanz

Umweltschutz. Der große Antibiotikaeinsatz lässt sich mittlerweile in den großen Flusssystemen Europas nachweisen. Kleine Bäche sind vor allem mit Pestiziden verseucht.

Gewässerschutz ist kein Thema, das von der Checkliste verschwinden darf. Anfang vergangenen Monats ließ die MedUni Graz mit einer Untersuchung aufhorchen, wonach die Donau stark mit multiresistenten Keimen belastet ist. Hintergrund: Der Einsatz von Antibiotika für Mensch und Tier führt über die Ausscheidungen und das Abwassersystem auch zu einem steigenden Eintrag in Boden und Gewässer. Auch antibiotikaresistente Bakterien werden so in die Umwelt getragen und möglicherweise weit verbreitet. Mittlerweile sind sie so häufig, dass sie auch in den großen europäischen Stromsystemen nachgewiesen werden können. In den kleinen Bächen steigt die Belastung mit Pestiziden, Insektiziden und Fungiziden. Und das in einem Land, das mit seinen Naturschätzen wirbt wie kein zweites – die Schweiz.

Die Zahl der dort nachgewiesenen Stoffe ist sehr hoch: 128 verschiedene Wirkstoffe aus Acker-, Gemüse-, Obst- und Weinbau haben die Forschenden in den Proben nachgewiesen, 61 Herbizide, 45 Fungizide und 22 Insektizide. In 80 Prozent der Proben wurde die Anforderung der Gewässerschutzverordnung (≤0.1 µg/L) von mindestens einem Stoff nicht eingehalten – in allen fünf untersuchten Bächen während über 60 Tagen, in zwei Bächen praktisch während der gesamten Studiendauer. Von einzelnen Substanzen wurden Konzentrationen bis 40 µg/L festgestellt. Kurzzeitige Spitzen dürften noch höher liegen, denn alle Proben wurden mindestens über einen halben Tag gemittelt, schreiben die Autoren im Fachblatt Aqua & Gas 04/2017 ( bit.ly/2p5n0OT ).

Toxische Mischungen

Weil der Wert von maximal 0.1 µg/L pro Einzelstoff in der Gewässerschutzverordnung über das wahre Risiko für Organismen zu wenig aussagt, haben die Forschenden die Analysedaten auch mit ökotoxikologischen Qualitätskriterien verglichen. Zusätzlich wurden Biotests mit Algen und Bachflohkrebsen durchgeführt und die Vielfalt an wirbellosen Tieren untersucht. Denn im Schnitt wurden in jeder Probe nicht eine, sondern 20 bis 40 Substanzen gefunden. Die Resultate lassen wenig Interpretationsspielraum: In allen Gewässern wurden Kriterien zur chronischen Ökotoxizität teilweise um ein Vielfaches überschritten. In vier Gewässern wurden selbst Konzentrationen überschritten, ab denen der Pestizidmix für empfindliche Organismen ein akuttoxisches Risiko ist, maximal über zwei Monate lang. Die in einem der Bäche ausgesetzten Bachflohkrebse zeigten, einhergehend mit hohen Pestizidkonzentrationen, erhöhte Mortalitätsraten und lethargisches Verhalten. Die Bewertung ergab an allen Stellen die Noten unbefriedigend und schlecht.

Für Stephan Müller, Leiter der Abteilung Wasser des Bundesamts für Umwelt, bestätigen die Ergebnisse, dass Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft – neben den Mikroverunreinigungen, die via Kläranlagen ins Gewässer gelangen – die aktuell bedeutendsten stofflichen Verunreinigungen der Schweizer Oberflächengewässer sind. Dies gelte in den kleinen Bächen; sie sind von Interesse, da sie Rückzugsort und „Kinderzimmer“ für Wasserlebewesen seien, insbesondere für Fische.

Spitalskeime in der Donau

Die Belastung der Donau mit Spitalskeimen ist nicht minder gefährlich, sagt PD Dr. Gernot Zarfel (Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin) – beispielsweise die sogenannten „ESBL-produzierenden Varianten“. Sie können sehr wichtige, weil häufig eingesetzte Antibiotika unwirksam machen. Auch seien Isolate gefunden worden, die auf Intensivstationen sehr gefürchtet sind: „Eines der Isolate trug sogar die Neu-Dehli-Metallo-Beta-Laktamase und war gegen nicht weniger als 18 von 20 der getesteten Antibiotika resistent.“ Wenn solche Varianten mittlerweile in der Donau nachweisbar seien, so sei das ein Symptom dafür, wie verbreitet sie sind. Wie bedeutend die Rolle von Fließgewässern an der konkreten Verbreitung von Resistenzen ist, wollen die Grazer Hygieniker nun untersuchen ( bit.ly/2o1ir98 ).

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Prozent der in einer Donau-Untersuchung gefundenen Bakterienisolate zeigten Multiresistenzen. Die Probennahme und Analyse wurde von der MedUni Graz durchgeführt.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 16/2017

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