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© Robin Utrecht / picture alliance
Geburtshilfe in den Niederlanden: 160 Ärztezentren sind 24/7 geöffnet.
 
Praxis 13. März 2017

Der Rund-um-die-Uhr-Arzt

Patientenfreundlichkeit. Im Europa-Vergleich liegt Österreich im Mittelfeld. Spitzenreiter sind die Niederlande. Die Chance am gleichen Tag einen Termin beim Hausarzt zu bekommen ist in Bulgarien, Albanien und Serbien größer als hierzulande, allerdings ist dort oft Schmiergeld fällig.

Nach jedem Arztbesuch das Geldbörsl rausholen und dem Arzt die Geldscheine mehr oder weniger diskret über den Tisch schieben – Hausarztbesuch rund 30 Euro, Facharzt 55 bis 60 Euro): In Belgien ist das normal, für zugereiste Österreicher gewöhnungsbedürftig, da man von der Versicherung nur zwischen 17 und 30 Euro zurückerhält. Das liegt daran, dass belgische Ärzte frei über ihr Honorar entscheiden können, und sich die wenigsten an den gesetzlichen Vorschlag halten. Kein Wunder: Allgemeinmediziner sollten nur rund 18 Euro pro Termin berechnen.

Und freut man sich beim ersten Besuch der Notfallambulanz noch darüber, dass man extra Verbandsmaterialien oder eine Flasche Hustensaft für das kranke Kind gleich mitbekommt, ist spätestens bei Erhalt der Krankenhausrechnung klar, dass jeder Tupfer säuberlich verrechnet wurde; auch hier wird nur ein Teil der Kosten rückerstattet.

Österreich ohne Stockerlplatz

Wartezeiten beim Arzt sind dafür so gut wie unbekannt, und Belgien jubelt über einen ausgezeichneten vierten Platz im Euro Health Consumer Index 2016 ( bit.ly/2juCVTI ). Dieser seit 2005 jährlich veröffentlichte Report berücksichtigt 35 Länder in Europa (nicht nur EU Staaten) und analysiert die Konsumentenfreundlichkeit der Gesundheitssysteme bei Patientenrechten, Zugang zu Gesundheitsdiensten oder Behandlungsergebnissen. Die Medaillenränge 2016 lauteten: Gold geht an die Niederlande, Silber und Bronze jeweils an die Schweiz und Norwegen. Österreich ist im guten Mittelfeld auf Platz 10, Schlusslichter sind Montenegro und Rumänien. Negativ ausgewirkt haben sich in der Bewertung Österreichs unter anderem die hohen Gesundheitskosten pro Kopf sowie die Tatsache, dass Abtreibungen nicht innerhalb des staatlichen Gesundheitssystems durchgeführt werden, was zu einer „Verzerrung der Abtreibungsstatistiken“ führt, bemängeln die Autoren. Belgien wird dafür gelobt, die Qualität der Behandlungsergebnisse sowie das Überwachen und die Meldesysteme in den Griff bekommen und zusätzlich den „wahrscheinlich besten Zugang zu Gesundheitsdiensten in Europa“ zu haben.

Was der Sieger Niederlande richtig macht: Gelobt werden hier vor allem die Vielzahl der Gesundheitsversicherungsträger, die miteinander in Wettkampf stehen, und die rege Teilnahme von Patientenorganisationen, die wesentlichen Anteil an politischen Entscheidungen und Strategien haben; „außergewöhnlich hoch“ ist auch der Grad der Mitbeteiligung von Patienten an ihrer Behandlung. Außerdem habe das holländische Gesundheitssystem den Zugang zur Gesundheitsversorgung verbessert: Seit 2015 wurden 160 allgemeinmedizinische Zentren eröffnet, die 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche geöffnet sind – angesichts der geringen Größe des Landes bedeute dies für so gut wie jedermann den Zugang zu einer offenen Klinik, betonen die Autoren.

Schwächen beim Nachbarn

Und da wir ja gern nach Deutschland schauen: Unser Lieblingsnachbar wurde auf Rang 7 eingestuft, „das am wenigsten restriktive und am stärksten Konsumenten-orientierte Gesundheitssystem in Europa“: Hier könnten Patienten jede Form jeder Behandlung jederzeit und überall aufsuchen, was als „super Quantität, weniger gute Qualität“ interpretiert wird. Die traditionelle Schwäche des deutschen Systems sei die große Anzahl relativ kleiner allgemeiner Krankenhäuser, was zu mittelmäßigen Scores der Behandlungsqualität geführt hat; dies scheint sich aber, so wird wohlwollend vermerkt, in den letzten Jahren stark gebessert zu haben. Auch bei den Wartezeiten sind die Deutschen top: Die Autoren des Reports amüsierten sich über eine Studie des Deutschen Bundesministeriums für Gesundheit, in der die Wartezeiten für den Zugang zur Primärversorgung nicht in Monaten, Wochen oder Tagen (wie in anderen Ländern), sondern in Minuten gemessen wurde.

Jederzeit ein Arzt verfügbar

Apropos Zugang zu Gesundheitsdiensten: Wie rasch man einen Termin beim Hausarzt bekommt, zeigt laut Report keine Korrelation mit dem Bruttoinlandsprodukt eines Landes, seinen Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitssystem oder der verfügbaren Ärztedichte. Albaner und Mazedonier haben demnach kein Problem, am selben Tag eines Anrufs einen Termin zu erhalten, während das in Irland, Schweden und Finnland grundsätzlich nicht möglich scheint. Österreichs Punktezahl in dieser Frage erlaubt die klare Schlussfolgerung „manchmal ja, manchmal nein“. Der Bericht verweist außerdem auf „recht unerwartete Länder“, in denen der Hausarzt verpflichtet ist, allen bei ihm registrierten Patienten 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche telefonisch zu Verfügung zu stehen (leider versäumen es die Autoren, diese Länder auch namentlich zu nennen).

Auch die Frage der Schmiergelder wurde im Bericht untersucht. Auf die Frage, ob man als Patient erwarte, inoffizielle Bezahlungen zu tätigen, waren drei Antworten möglich: Niemals (grün) – gelegentlich, kommt auf die Situation an (gelb) – und ja, häufig (rot). Die Farbverteilung ist seit 2008 grundsätzlich stabil: Die üblichen Verdächtigen sind rot (Albanien, Bulgarien, Serbien), die meisten EU-Länder plus Schweiz und Norwegen sind grün, doch Frankreich und Österreich sind gelb eingefärbt – „trotz recht aggressiver Proteste der nationalen Ärztekammern“, wie es im Bericht heißt.

Und die Kosten einer grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung? Die entsprechende Richtlinie trat 2013 in Kraft, und nun hat die EU Kommission erstmals Daten veröffentlicht. Demnach war Österreich das einzige Land, dessen Kosten für eine grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung 2014 mehr als 1 Euro pro Kopf betrug. Gefolgt werden wir von Norwegen, Schweden, Belgien und Slowenien, diese Länder geben zwischen 20 und 80 Cent pro Kopf aus, danach folgen Polen, Irland und Zypern mit ein paar Groschen, und die restlichen Länder sparend sich diese Kosten entweder völlig oder haben dazu bislang noch keine Daten geliefert.

Für Detailverliebte: Im November 2017 veröffentlichen die OECD, das Europäische Observatorium für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik und die Kommission gemeinsam ein „Gesundheitsprofil“ für jeden einzelnen EU-Mitgliedsstaat.

Wer einen detaillierteren Bericht zur Lage nationaler Gesundheit wünscht, kann auf den „Health at a Glance 2016“ (bit.ly/2jA9yEE) zurückgreifen, ein 200 Seiten starker Bericht über den Gesundheitsstatus der EU-Bürger und -innen, und sich dort unter strg+f „Austria“ (222 Treffer) die österreichischen Daten rauspicken. (Die gute Nachricht: Zwischen 1990 und 2014 stieg die Lebenserwartung in den EU-Mitgliedsländern von 74,2 Jahre auf 80,9 Jahre.)

Lydia Unger-Hunt

, Ärzte Woche 11/2017

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