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© Herbert Neubauer / picture alliance
Männerriege: Vizepräsident Steinhart, Kurienobmann Wiegele und Turnusärzte-Funktionär Kornhäusl am Streiktag der Ärztekammer im vergangenen Dezember. Die Kammer ist eine Männerdomäne. Frauen haben es schwer, sich durchzusetzen.
 
Gesundheitspolitik 13. März 2017

„Keine Zeit für Egotrips“

Gläserne Decke. Frauen sind rar in Spitzenfunktionen der Ärztekammer. Wird sich nach der Wahl 2017 etwas daran ändern? Standespolitik wird weiblicher, die Sitzungskultur anders – aber die Änderung erfolgt im Schneckentempo. Einziger Ausweg: die Quote?

Ob es schwierig sei, sich in der männerdominierten Kammer zu behaupten? „Ja!“, sagt Dr. Gertrude Winhofer, stellvertretende Obfrau der Kurie Niedergelassene Ärzte und Leiterin des Genderreferats der ÄK Burgenland. „Das Netzwerk der Männer ist nach wie vor enorm. Viele Frauen sind anfangs motiviert, scheiden dann aber aus, weil sie nicht gehört werden oder den oft rauen Umgangston nicht akzeptieren.“ Für niedergelassene Ärztinnen sei es noch schwieriger. Denn ihnen werde einerseits mehr Zeit und Empathie abverlangt. Dies spiegle sich oft in den niedrigeren Krankenscheinzahlen wieder. Und sie seien andererseits immer noch mehr von Mehrfachbelastungen betroffen. Die Folge: „Ein ewig schlechtes Gewissen, entweder Familie oder Ordination zu vernachlässigen.“

Elf Ärztinnen finden sich in Spitzenfunktionen in den Länderkammern (Präsidium und Kurienleitung), das Burgenland ist mit einer 2. Vizepräsidentin und drei Frauen in der Kurienleitung führend. Im Präsidium ist sonst nur in der Steiermark noch eine Spitalsärztin, als Finanzreferentin, vertreten. Stellvertretende Kurienobfrauen sowohl für Angestellte als auch für niedergelassene Ärzte, gibt es in Niederösterreich und Tirol; ausschließlich für Angestellte in Wien, Oberösterreich und Vorarlberg. Reine Männervereine sind – auf die Chefebene bezogen – die Salzburger, die Kärntner und die Österreichische Ärztekammer. Werden die Frauen bei den Wahlen die männerdominierte Kammer aufmischen? In den wahlwerbenden Gruppierungen haben sie es teilweise schon geschafft: Insbesondere bei den angestellten Ärzten, und da wiederum bei den Turnusärzten, finden sich Spitzenkandidatinnen in vielen Listen an erster Stelle.

Besonders spannend dürfte es in Kärnten werden, weil dort sowohl der amtierende Präsident als auch sein stärkster Kontrahent nicht mehr als Spitzenkandidaten ihrer Fraktionen zur Verfügung stehen. Bei einem entsprechenden Wahlerfolg ihrer Liste („Preiß & Team“, Kärntner Spitalsärzteverband) bekennt sich OÄ Dr. Petra Preiß dazu, als oberste Ärztevertreterin zur Verfügung zu stehen.

„Klar ist es wichtig, die Interessen von Ärztinnen von repräsentativen Betroffenen vertreten zu lassen, die selbst erlebt haben, was man auf dem Weg zu beruflicher Anerkennung als Frau zu überwinden hat“, sagt die Herz-Gefäß-Chirurgin. Sämtliche ärgerliche und unproduktive Konflikte der vergangenen Jahre in der Kärntner Kammer wurden von Männern ausgetragen: „Wenn wir weniger Ego und mehr Hirn einbringen, muss eine Lösung auch bei Themen wie dem Wohlfahrtsfonds möglich sein!“ Grundsätzlich merke man schon, dass die Kammer weiblicher wird, meint Preiß. Umso grotesker sei es, dass es beim medizinischen Nachwuchs mehr als 60 Prozent Frauen gebe, auf Ebene der ÖÄK aber Null. „Der Weg nach Wien geht über die Wahl im Bundesland!“

Auch die Wiener Kammer wird – mit über 30 Prozent Frauen als Vorstandsmitglieder – zusehends weiblicher. „Es gibt sicher noch Luft nach oben. Ein 50-Prozent-Anteil wäre wünschenswert“, meint Dr. Marina Hönigschmid, stv. Kurienobfrau bei den Angestellten Ärzten. Ihr Wahlziel ist, ihre Funktion beizubehalten. „In dieser bin ich die höchstrangige Vertretung aller Ausbildungsärztinnen und -ärzte in Wien und kann aktiv mitgestalten. Ich trage ihre Anliegen in die Österreichische Ärztekammer, die damit bundesweit bearbeitet werden“, erklärt sie, warum sich das Engagement auszahlt. „Bei den Verhandlungen zu neuen Arbeitszeitmodellen im Wiener KAV konnte ich alle überzeugen, dass 25-Stunden-Dienste und 12,5 Stunden-Dienste nebeneinander existieren können. So kann sich jeder das Modell auswählen, das für ihn passt.“

Auch für die Arbeitsbedingungen im niedergelassenen Bereich können Ärztinnen in der Kammer viel bewirken. „In Tirol hat eine frühere Frauenreferentin die bezahlte Karenz für niedergelassene Ärztinnen erreicht“, sagt Dr. Doris Schöpf, stv. Kurienobfrau in der ÄK Tirol. Sie selbst habe in erster Linie im Team der Kurie gearbeitet, Stichworte Kassenverhandlungen, bezahlter Nachtbereitschaftsdienst für Allgemeinmediziner, Mammgrafieprojekt „Modell Tirol“. Doris Schöpf möchte ebenfalls ihre Funktion nach der Wahl beibehalten.

Die gesamte Ärztekammer noch stärker aufzumischen, wünscht sich Dr. Martina Hasenhündl, stv. Obfrau der niedergelassenen Ärzte in Niederösterreich. „Warum sollte das Präsidium Männern vorbehalten sein?“, fragt sie. Eine möglichst ausgeglichene Aufteilung der politischen Funktionen zwischen Männern und Frauen sei wichtig, um die Interessen von Ärztinnen auf Länder- und auf ÖÄK-Ebene zu vertreten. Welche Rolle sie selbst dabei künftig einnehmen werde, lässt Hasenhündl offen, dies würden die Wählerinnen und Wähler entscheiden. Ihr persönliches Ziel sei jedenfalls, die politische Arbeit auch in Zukunft maßgebend mitzugestalten. Das mache sie sehr gerne im Team.

„Wichtig wäre auch, alte, von Männern geschaffene Strukturen in der Kammer aufzubrechen und frauenspezifische Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen“, bringt Hasenhündl einen weiteren, aus ihrer Sicht wichtigen Aspekt ein. „Auch für junge Männer ist die Politik der ,grauen Männer‘ nicht mehr zeitgemäß. Sie wünschen sich ebenso eine moderne Standespolitik!“

Ein Ziel der Modernisierung der Kammern müsse sein, Frauen das politische Engagement zu erleichtern, stimmt Spitalsärztin Preiß mit ihrer niedergelassenen Kollegin überein. „Man muss Termine gut und lang vorausplanen, darf Sitzungen nicht unendlich ausufern lassen und darf vor allem nicht Zeit sinnlos für Egotrips vergeuden“, hebt sie im Kontext mit der für Frauen besonders relevanten Zeitfrage hervor. Es werde noch ein paar Jahre dauern, aber in absehbarer Zeit würden Frauen dann auf höchster Kammerebene adäquat präsent sein.

Es braucht eine Quotenregelung

„Wenn sich die Arbeitsbedingungen im Job verbessern, werden wir sicher bald mehr Frauen in Ärztekammerfunktionen bekommen“, gibt sich auch Marina Hönigschmid optimistisch. Bereits bei den aktuellen Wahlen sollte sich zum Positiven verändern, dass österreichweit mehr als zwei Frauen unter den fast 40 Präsidiumsmitgliedern sind.

Gertrude Winhofer könnte sich in Zukunft auch Persönlichkeitswahlen wie in der Politik vorstellen, damit stimmenstarke Frauen mehr Chancen in der Kammer haben. „Zumindest sollte eine Quotenregelung her, dass unter den Präsidenten und an der ÖÄK-Kurienspitze ein gewisser Frauenanteil Pflicht wäre“, argumentiert sie. „Wenn die Arbeit sinnvoll gleichmäßig verteilt würde, wäre vieles machbar!“

In Wien werden bei der bevorstehenden Ärztekammerwahl insgesamt 17 Fraktionen antreten. Acht Fraktionen, die bereits beim Urnengang 2012 angetreten sind, stellen sich der Ärzteschaft erneut zur Wahl. Hinzugekommen sind neun neue Fraktionen. Gewählt wird am 25. März.

Isabella Csokai

, Ärzte Woche 11/2017

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