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© Georg Hochmuth / picture alliance
Prof. Dr. Wolfgang Schütz: „Vielleicht haben wir zu wenig insistiert, gegen das Arbeitszeitgesetz und die sicher nicht optimale neue Ärzteausbildungsordnung.“
 
Gesundheitspolitik 19. März 2017

„Da steht man an“

Interview. Elf Übel, an denen die medizinische Versorgung krankt, benennt der langjährige Rektor der MedUni Wien, Wolfgang Schütz, in seinem neuen Buch. Die Neo-Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner zählt eher nicht dazu, die Ärztekammern und schwache Politiker dafür umso mehr.

Eine österreichische Gesundheitsministerin ist aufgrund der Kompetenzzersplitterung eigentlich ohnmächtig. Trauen Sie Rendi-Wagner dennoch zu, wichtige Vorhaben umzusetzen?

Schütz:Sie wird zu kurz im Amt sein, um ein nationales Spitalskonzept gegen die Länder durchzusetzen und das föderalistische Prinzip im Spitalswesen zu eliminieren und eine Gesundheitsfinanzierung aus einer Hand zu schaffen, das schafft sie auch nicht, wenn im Herbst 2018 gewählt wird. Das ist eine Mammutaufgabe. Die Crux ist natürlich, dass wir zu viele Spitäler haben. Als Ersatz brauchen wir patientennahe Einrichtungen wie die PHC-Zentren, gegen die sich aber die Ärztekammern aus mehreren Gründen wehren. Das wird ein wesentlicher Punkt sein, dass sie die PHC-Zentren gegen den Willen der Ärztekammern errichtet. Sie hätte schon das Zeug, diese Großvorhaben umzusetzen, dafür müsste sie aber auch nach der Wahl im Amt bleiben.

Sie bezeichnen die Ärztekammer als ein Übel. Als 2005 die erste E-Card im Burgenland gesteckt wurde, waren alle nervös, heute diskutiert keiner mehr ernsthaft über den Sinn der Karte. Schießt die Ärztekammer mit ihrer Kritik an ELGA und E-Medikation übers Ziel hinaus?

Schütz: Jedes neue EDV-System erfordert am Anfang eine gewisse Mehrarbeit – es gibt natürlich EDV-Systeme, die nie laufen, da weiß ich Lieder davon zu singen – aber ohne diese kommt man nicht über die Runden. Offensichtlich wehren sich die Ärzte gegen jeden Handgriff der noch dazukommt, auch wenn sie sich später dafür etwas ersparen.

Was spricht für ELGA?

Schütz: Ein Punkt, der nie dazugesagt wird: Es laufen immer mehr Patienten in die Spitalsambulanzen. Dort ist immer ein anderer Arzt als der Hausarzt, der die Patienten nicht kennt und jede Untersuchung von Null starten muss. Durch ELGA ersparen sich die Ärzte auf jeden Fall einiges an Geld und Aufwand.

Wo wir von Geld sprechen: Für die bis 2018 laufende Leistungsvereinbarungsperiode der Universitäten kommt das Geld (ca. 100 Mio. Euro, Anm.) aus der Ministerreserve? Wie geht es weiter?

Schütz: Diese 100 Millionen sind in der kommenden Periode, 2019 bis 2021, nicht vorhanden. Dazu kommt noch die zehnprozentige Gehaltserhöhung, die den Ärzten auf den Universitäten vertraglich zugesichert wurde, ab 1. Jänner 2019. Über diese Finanzierung, 150 Millionen Euro, spricht niemand. Die Ärzte müssen sie kriegen. Woher das Geld kommen soll, weiß niemand.

Als einzelner Arzt kann ich mich bei meiner Standesvertretung bedanken. Sie hat eigentlich einen guten Job gemacht.

Schütz:Die Republik und die Gebietskörperschaften werden versuchen, Budgetmittel umzuschichten. Der KAV hat das sogar schon versucht. Nachdem einigen Ärzten bis zu 40-prozentige Gehaltserhöhungen zugesagt wurden, hat man 2015 versucht, Ärzte einzusparen. Das wurde durch eine Indiskretion an die Medien vereitelt. Jetzt versucht der KAV, Nachtdienste einzusparen, einfach um die erhöhten Ärztegehälter, auf die man nicht vorbereitet war, abzudecken. Dagegen gab es Demonstrationen mit Tinnitus erregenden Trillerpfeifen, die Ärzte eigentlich nicht verwenden sollten, wenn sie streiken. Wenn untertags weniger Ärzte da sind, braucht man insgesamt mehr Ärzte. Beides wird nicht gehen, Gehaltserhöhung plus mehr Ärzte, das ist nicht finanzierbar.

Sie waren mehr als ein Jahrzehnt Rektor der MedUni Wien. Warum haben Sie nicht das eine oder andere der von Ihnen beschriebenen Übel abgestellt?

Schütz: Wir haben das gemacht, was in unserem Einflussbereich liegt, und das hat auch funktioniert. Wir haben 2004 eine neue Universität gründen müssen. Wir haben bei Null begonnen, mittlerweile sind wir in einigen Rankings die beste heimische Universität. Wir haben ein neues Doktoratsstudium eingeführt, aber bei gewissen Dingen steht man an, etwa bei der Wurzel allen Übels, beim Arbeitszeitgesetz. Wenn es eine Richtlinie gibt, die in Österreich rigider umgesetzt wird, als die EU-Vorgaben es verlangen, dann steht man an. Mein Buch beschäftigt sich mit einem drohenden Ärztemangel. Die MedUni und die Ärztekammer waren 2008 schon so weit, den Ärzten – so wie in Deutschland – die Approbation nach dem Studium zu geben, dass sie letztlich bessergestellt sind und nicht mehr als sogenannter „Spritzenferdl“, der nichts tun darf, herumlaufen müssen. Die Ärztekammer ist dann wieder abgesprungen. Dann kam 2015 ein neues Ärztegesetz, das eine neue Ausbildungsordnung zur Folge hatte, auf die wir als medizinische Universität keinen Einfluss hatten. Sie führt jetzt dazu, dass wir immer weniger Allgemeinmediziner bekommen, weil die sich schon in der Ausbildung als Ärzte zweiter Klasse fühlen.

Vielleicht haben wir zu wenig insistiert, gegen das Arbeitszeitgesetz und die sicher nicht optimale neue Ärzteausbildungsordnung. Und: Wir wollten den Ärzten nicht so viel Geld geben, wie sie bekommen haben. Das Ministerium hat dem Druck der Ärztekammer nachgegeben und uns die zusätzlichen 100 Millionen Euro praktisch aufgedrängt. Das ist Geld, das der Forschung jetzt fehlt.

Wolfgang Schütz

Eintritt nur nach Aufruf

Manz Verlag 2017, 234 S., Hardcover 21,90 Euro

ISBN 978-3-214-02474-1

Wolfgang Schütz im Gespräch mit Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 11/2017

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