zur Navigation zum Inhalt
© Armin Weigel / picture alliance
Wer an Parkinson erkrankt ist, kann das kaum verstecken. Wissenschaftler schicken Betroffene nun auf die Tanzfläche oder in die Turnhalle.

Henk Blanken ist einbekannter holländischer Journalist und Autor, niederländisch: „schrijver“, der sich vor seiner Erkrankung im Jahr 2011 – mit 51 Jahren – intensiv mit dem digitalen Wandel seiner Branche beschäftigt hat.

(c) Sander Koenen

 
Neurologie 5. März 2017

„Es geht übel aus“

Parkinson. Das vergangene Jahr war eins zum Abhaken für Henk Blanken. Der Autor, der davor noch im Fitness Center trainieren konnte, geht seitdem am Stock und hat starke Schmerzen in den Beinen. Dennoch hasst er die Krankheit nicht: „Ich habe einfach Pech gehabt.“

Warum schreiben Sie ein Buch über die eigene Parkinson-Krankheit? Weil Sie es können oder weil Sie etwas mitteilen wollen?

Blanken: Beides. Natürlich, ich bin ein professioneller Autor, seit meinem 18. Lebensjahr, als ich begann für Zeitungen zu arbeiten. Als ich 2011 krank wurd, habe ich beschlossen, das Schreiben nicht aufzugeben. Das war das Beste, was mir passieren konnte in der Situation, dass ich immer noch schreiben konnte. Es ist das, was ich am Leben am meisten liebe. Ich könnte nicht leben ohne mein Schreiben.

Was ist für Sie der ärgerlichste Umstand, mit dem Sie seit 2011 leben müssen?

Blanken: Der Verlauf meiner Parkinson-Krankheit war bis vergangenen Sommer einigermaßen erträglich. Seit damals leide ich allerdings unter Bewegungsstörungen in meinen Beinen, Muskelkrämpfen, die sehr schmerzhaft sind, vor allem in der Früh und am Abend. Die Krämpfe sind so stark, dass ich kaum noch aufstehen kann. Am Nachmittag kann ich ein bisschen herumgehen, gestützt auf einen Gehstock oder mithilfe eines Rollators.

An einer Stelle des Buches sagt ein Kollege zu Ihnen: Je schlechter du dich fühlst, desto besser für die Story. Trifft das auch zu, wenn es um das eigene Leben geht?

Blanken: Das ist eine typische zynische Bemerkung, wie sie Journalisten gerne machen, wenn sie unter sich sind. In gewisser Weise stimmt das. Je fesselnder die Geschichte ist, desto besser für den Leser. Es ist wunderbar über die verschiedenen Ausprägungen und Symptome meiner Behinderung schreiben zu können, darüber, dass man nicht mehr richtig gehen kann, dass ich so viele Dinge vergesse, dass ich meinen Geschmacksinn verloren habe. Ich schreibe über das, was von einem Mann, der krank ist, übrig bleibt, wie er mit seiner Situation umgeht, mit der Scham. Das Beste was ich tun kann, ist mich selbst und meine Behinderung zu akzeptieren. Wenn ich die Geschichte so schreiben will, dass die Geschichte den Leser packt, dann muss ich ins Detail gehen, dann muss ich auch den Harndrang beschreiben, der mich überall überkommen kann. Es ist erträglicher, seit ich akzeptiert habe, dass ich selbst dieser Mann bin, dem das alles zustößt. Das Schreiben hilft.

Haben Sie sich je gefragt: Warum ich?

Blanken: Nie. Ich lebe mit der Krankheit, jeden Tag, ich ertrage sie, ich akzeptiere sie, ich schreibe über sie. Andere Patienten haben nicht so viel Glück. Die Tatsache, dass ich meine Geschichte erzählen kann, gibt mir so viel, dass ich das Gefühl habe, dass ich durch die Krankheit mehr gewonnen als verloren habe. Ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist, aber genau so fühle ich.

Abseits vom Schreiben, gibt es Dinge, die sich trotz Ihrer Krankheit verbessert haben?

Blanken: Mein Charakter hat sich verändert. Ich war der Typ Mann, der 80 Stunden die Woche arbeitet, daneben Bücher schreibt, der sich zu wenig um seine Familie und seine Freunde kümmert. Ein hartgesottener Journalist halt. Ich bilde mir ein, dass ich ein wesentlich besserer Mensch bin als vor meiner Diagnose, dass ich netter bin als damals.

Wie nennen Sie die Krankheit? Das Böse?

Blanken: Viele Patienten nennen sie „P“, das steht für Parkinson. Sie ist weder gut noch böse. Ich hatte einfach Pech.

Es heißt Tanzen und sogar Martial Arts verbessern die Motorik von Parkinsonpatienten. Welche Erfahrungen haben Sie mit sportlichen Aktivitäten gemacht?

Blanken: Mir hat der regelmäßige Besuch eines Fitness-Centers sehr geholfen, das Training hat die Progression der Krankheit verlangsamt, auch in meinem Fall. Bevor die Dystonie begonnen hat, hat sich mein Zustand zwei Jahre lang durch gezieltes Fitness-Training gebessert, ich konnte sogar wieder Tennis spielen, ich konnte laufen. Was ich anderen Patienten raten kann, ist dies: „keep moving“. Hört nicht auf, euch zu bewegen.

Sind die statistischen Informationen über den typischen Verlauf einer Parkinson-Krankheit, die Ihnen die Ärzte zur Verfügung stellen, hilfreich. Oder sind diese gemittelten Jahre, in denen die Krankheit noch nicht voll ausgebrochen ist, eher frustrierend, weil sie eben nicht unbedingt auf Ihr Leben zutreffen müssen?

Blanken: Es heißt, dass man acht bis zehn Jahre nach der Diagnose leben kann, bevor es wirklich hässlich wird. Ich habe immer gedacht, dass dieser Zeitpunkt noch sehr weit entfernt ist und dass ich eines Tages einfach zusammenbrechen würde.

Die Wahrheit ist: Es ist eine Entwicklung, die bei jedem Patienten anders verläuft. Du weißt eigentlich nicht, was als nächstes mit dir passiert. Alles was du weißt ist, dass es keine Heilung gibt, dass es immer schlechter wird, man stirbt nicht daran, aber – es geht übel aus.

Wie soll man sich an Sie erinnern?

Blanken: Das ist eine schwierige Frage, es gehört zu meiner Krankheit, dass ich sehr schnell emotional reagiere. (Pause) Was ich mir am meisten wünsche ist, dass sich meine Kinder an mich erinnern, sie sollen mit nicht bemitleiden. Außerdem möchte ich, dass man sich an mich als Autor erinnert.

Buchtipp

Henk M. Blanken

Da stirbst du nicht dran

Was Parkinson mir gibt

Hardcover, 240 Seiten;

2017 Patmos Verlag

ISBN 978-3-8436-0850-3

20,60 EUR

Inhalt

„Parkinson gibt mir mehr, als es mir nimmt.“ Das sagt Henk Blanken. Stundenlang im Garten sitzen und die Wolken am Himmel beobachten, dafür hatte er vor der Diagnose keine Zeit. Als viel beachteter Journalist stand er immer unter Strom. Jetzt stolpert er, zittert, hat seine Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle, wird vergesslich. Das zwingt zur Langsamkeit. Als er von der Diagnose erfährt, ist seine Reaktion: „Das ist eine gute Geschichte.“ Es geht um das Annehmen des körperlichen und - noch beängstigender - des geistigen Verfalls, aber auch um die Frage, wie lange ein Leben lebenswert ist.


Martin Křenek-Burger im Gespräch mit Henk Blanken

, Ärzte Woche 10/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Aktuelle Printausgaben