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Praxis 13. Februar 2017

PHC kann derzeit gar nicht funktionieren

Die vielfach geforderte Stärkung der Primärversorgung muss derzeit zwangsläufig scheitern. Grund dafür sei der zersplitterte Aufbau des heimischen Gesundheitswesens, sagt Ökonom Pichlbauer. Ein PHC-Team ohne Hausärzte sei nicht vorstellbar.

Die Gesundheitspolitik wünscht sich den Ausbau der Primärversorgung in Österreich – über Zentren oder Netzwerke. Diese ist aber unter den aktuellen Gegebenheiten schwierig zu organisieren, hieß es bei einer Tagung von „Allgemeinmedizin Plus“ (AM Plus) in Kooperation mit Organisationen von insgesamt elf Gesundheitsberufen in Wien.

Neben Allgemeinmedizinern nahmen an der Tagung Vertreter praktisch aller relevanten Gesundheitsberufe (Pflege, Apotheker, Diätologen, Ergo- und Physiotherapeuten, Hebammen, Logopäden, Klinische Psychologen, Ordinationsassistenten und Sozialarbeiter) teil.

Neben der Darstellung der aktuellen Situation bei den sogenannten „Primärversorgungszentren“ (Wien, Oberösterreich) wurden auch konkrete Fallbeispiele für eine optimale Versorgung chronisch Kranker im Rahmen solcher Kooperationen diskutiert. Einfach wird die Stärkung der Primärversorgung nicht, stellte sich bei der Tagung heraus.

„Primary Health Care ist ein Versorgungskonzept. Es geht um die Versorgung einer Bevölkerungsgruppe in einer ambulanten strukturierten Zusammenarbeit aller Primärbehandler“, sagte der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer.

Ein PHC-Zentrum oder ein Netzwerk müsse alle ambulant oder mobil erbringbaren Leistungen in medizinischer und pflegerischer Hinsicht abdecken können. „Eine PHC-Ordination oder ein Netzwerk, das keine Hausbesuche macht, ist keine Primärversorgung. (...) Es gibt kein PHC-Team ohne Hausärzte.“

Vorbild Großbritannien

Der Stärkung und Erweiterung der Primärversorgung in Österreich als Teil des solidarisch und öffentlich finanzierten Gesundheitswesens stehen die extrem komplexen Strukturen, Verantwortlichkeiten und Finanzierungsströme entgegen. Pichlbauer listete von der Prävention über Diagnose, Therapie, niedergelassenen und stationären Bereich bis hin zur Rehabilitation und zur Palliativmedizin die verschiedenen Strukturen auf. Fazit: „Primary Health Care funktioniert nur, wenn es ein einheitliches Gesundheitswesen gäbe. [...] Mit der derzeitigen Systemarchitektur (Krankenkassen, Bund, Länder, Gemeinden, Pensionsversicherung etc.; Anm.) ist eine abgestufte Versorgung nicht möglich“, sagte Pichlbauer. Offen ist auch, wie die Problematik überwunden werden kann, dass viele Versorgungsleistungen (z. B. Physiotherapie, Psychotherapie, Versorgung durch Diätologen etc.) oft nur in beschränktem Ausmaß, nur zum Teil oder gar nicht bezahlt werden. Pichlbauer stellte übrigens das staatliche britische Gesundheitssystem (NHS) als positives Modell dar. In Großbritannien gibt es allerdings seit Jahren immer wieder heftige Kritik an herrschenden Versorgungsengpässen. Mängel hat auch die OECD festgestellt. Erst in der jüngsten Vergangenheit kam es deshalb zu heftigen Debatten im Parlament in London.

Nach einem ersten Projekt in Wien-Mariahilf eines Primary Health Care-Zentrums als Gruppenpraxis auf der Basis von drei Kassenverträgen hat Anfang Jänner in Enns in Oberösterreich ein Primärversorgungsmodell mit 4,5 Allgemeinmedizinerstellen (sechs Personen), diplomiertem Pflegepersonal und Angehörigen weiterer Gesundheitsberufe die Arbeit aufgenommen. In der Einführungsphase erfolgt eine Pauschalhonorierung durch Sozialversicherung und Land Oberösterreich auf Basis einer Einkommensgarantie für die Ärzte und einer Abgeltung der tatsächlichen Kosten. Zuvor gab es auch eine Anschubfinanzierung. Das Projekt ist zunächst auf fünf Jahre geplant, wie AM Plus-Leiter Erwin Rebhandl darstellte. Gemeinsam mit einem zweiten Allgemeinmediziner ist er dabei, ein ähnliches Projekt mit Jänner kommenden Jahres in Haslach an der Mühl in Oberösterreich zu realisieren. Auch in diesem Fall ist eine Evaluierung nach fünf Jahren vorgesehen.

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