zur Navigation zum Inhalt
Prof. Dr. Gero Kramer, Universitätsklinik für Urologie, Medizinische Universität Wien
 
Onkologie 13. Februar 2017

VIDEO: Weniger herumreden und mehr Hinwendung

Gesprächsführung. Moderne Krebstherapien ermöglichen Patienten mit fortgeschrittenen Karzinomen eine längere Lebenserwartung. Dadurch werden Ärzte in der Kommunikation mit den Betroffenen mit Situationen konfrontiert, für die sie nicht entsprechend ausgebildet wurden. Vor allem diffuse und unklare Informationen sind für Patienten belastend, weshalb Ärzte sich klar und präzise ausdrücken und ein strukturiertes Vorgehen wählen sollten.

Es gibt viele Gründe, warum es schwierig ist, einem Patienten eine Therapieentscheidung und die Ziele, die damit verfolgt werden, zu vermitteln. Viele Therapien sind nur aufgrund einer Verlängerung des progressionsfreien Intervalls oder einer sehr geringen Lebenszeitverlängerung zugelassen. Die Vorhersage der Wahrscheinlichkeit eines möglichen Benefits und der möglichen Lebenserwartung sind nicht leicht zu diskutieren. Auch Begriffe wie „progressionsfreies Überleben“ sind schwer zu verstehen, nicht nur weil dem Menschen das Sensorium für statistische Wahrscheinlichkeiten fehlt. „Und natürlich spricht nicht jeder Patient auf die lebenszeitverlängernden Therapien an, und das muss man vorher ausdiskutieren“, erklärte Prof. Dr. Gero Kramer von der Universitätsklinik für Urologie, Medizinische Universität Wien.

Exakt und empathisch mit dem Patienten umzugehen, ist dabei genauso wichtig wie die Botschaft selbst. Ist die Botschaft besser und optimistischer, ist nicht nur die Zufriedenheit der Patienten, sondern auch die der Ärzte nach den Konsultationen höher (Fallowfield et al. Palliat Med 2002). Andererseits konnte eine rezente Studie zeigen, dass eine höhere Wahrnehmung des Mitgefühls durch den Patienten mit einem größeren Vertrauen zu dem jeweiligen Arzt assoziiert ist, und zwar unabhängig von der Art der Botschaft (Tanco et al. JAMA Oncol 2015).

Posttraumatische Folgen

Die zeitlichen Ressourcen sind in der heutigen Medizin so reduziert, dass der Onkologe immer in Gefahr gerät, in ungeeigneten Situationen mit dem Patienten über seine Krebsdiagnose zu sprechen. Damit der Patient die Botschaft auch verstehen und annehmen kann, sollten daher Ort, Zeit und Atmosphäre vor dem Gespräch gut gewählt werden. Dazu gehört möglichst ein helles Zimmer und eine lokale Situation, in der sich der Arzt in Ruhe auf den Patienten konzentrieren kann. Die Dauer des Erstgesprächs sollte mindestens eine halbe Stunde betragen.

Zwischen 25 und 80 Prozent der Patienten entwickeln eine diagnostizierbare, posttraumatische Belastungsreaktion, die signifikante Auswirkungen auf Adhärenz und Arbeitsfähigkeit hat. Diese bleibt sowohl für den Patienten als auch für den Arzt meist unerkannt, und macht sich oft erst Monate oder Jahre später durch einen Leistungsknick, Konzentrationsschwierigkeiten oder Flashbacks bemerkbar. „Auch aus diesem Grund biete ich jedem Patienten im Laufe einer uroonkologischen Behandlung eine psychoonkologische Therapie an“, sagte Kramer.

Ziele der Therapie definieren

Die Therapieziele des Onkologen sollten in das Setting des Patienten passen und auf die persönliche Befindlichkeit und die soziale Situation des Patienten abgestimmt sein. Daher sollte beim Erstgespräch dem Onkologen bewusst sein, nicht nur seine eigenen Vorstellungen durchbringen zu wollen. Letztlich kann der Arzt seine therapeutischen Ziele und Möglichkeiten mit den damit verbundenen Nebenwirkungen nur anbieten, und es ist der Patient, der die Therapieentscheidung trifft. Um sicher zu gehen, dass der Patient die oft komplexen medizinischen Informationen auch verstanden hat – bzw. auch weil viele Dinge in einem Erstgespräch nicht gehört oder vergessen werden – , ist es Standard, bereits im Vorhinein ein Zweit-, meistens auch ein Drittgespräch, anzubieten.

Da durch eine urologische Krebserkrankung bzw. Operation auch das Selbstverständnis, Körper- und Selbstwertgefühl eines Mannes bzw. einer Frau beeinträchtigt wird, spielt das Thema Sexualität und Intimität in der Uro-Onkologie eine besonders wichtige Rolle. Der Uro-Onkologe sollte diese Dinge aktiv ansprechen, und nicht erst auf entsprechende Fragen warten. Auch sollte besprochen werden, ob der Patient seinen Partner beim Erstgespräch oder erst beim Zweitgespräch, bei denen die Folgen der therapeutischen Ansätze für sein weiteres Leben erörtert werden, dabei haben möchte.

Zu wenig Zeit

In jeder Art und Weise und in jedem therapeutischen Stadium ist es wichtig, mit dem Patienten ehrlich umzugehen. Dabei sollte aber auch auf jeder Ebene der Erkrankung, im jeweils möglichen Setting, dem Patienten optimistische Antworten geben. Das heißt, dass man auch noch in einer Situation, wo es keine kausale Therapie mehr gibt, dem Patienten die Palliation anbietet. Gleichzeitig gilt es ihm zu vermitteln, dass diese Palliativmaßnahmen sehr wohl einen positiven Effekt auf seine Lebensqualität hat, und man als Arzt speziell auch in dieser Zeit für den Patienten da ist.

Je weniger man herumredet, desto besser ist es, das gilt auch für die Hinwendung des Patienten zu den Themen „Komplementär- und Alternativmedizin“. Allgemein gilt diese Hinwendung auch als Zeichen dafür, dass Ärzte zu wenig Zeit haben, um mit dem Patienten zu reden, und dass sie zu wenig beachten, dass auch der Patient etwas zum Kampf gegen die Krebserkrankung beitragen möchte. „Wir wissen aus eigenen Studien, dass nahezu 90 Prozent aller uroonkologischen Patienten in irgendeiner Form Alternativ- oder Komplementärmedizin verwenden. Es ist ganz wichtig herauszufinden, welche Alternativ- und Komplementärmedizin die Patienten einnehmen, um auch eventuelle Interaktionen zu verhindern“, sagte der Uro-Onkologe.

Der Tod als Versagen des Arztes

Auch in den Situationen, wo der Tod nahe ist und es keine therapeutischen Möglichkeiten mehr gibt, ist der Arzt verpflichtet, dem Patienten beizustehen. Oft ist der Druck so groß, dass er dies nicht mehr adäquat leisten kann. Der Tod, der in unserer Kultur nicht akzeptiert bzw. verdrängt wird, wird von vielen als Versagen der Behandlung oder der Ärzte angesehen. Als Folge davon ist der Arzt mit Schuldzuweisungen oder sogar Aggressionen konfrontiert, aber auch er selbst macht sich Vorwürfe und wirft sich ein Versagen vor.

Obwohl viele Daten zeigen, dass die Patienten von frühen und rechtzeitigen Diskussionen über palliative Therapien profitieren, haben viele Ärzte immer noch einen nihilistischen Zugang, was den Benefit einer qualitätsvollen palliativen Therapie angeht. Um die Situation für die Patienten auch hier zu verbessern, sind neue Ausbildungsformen und vor allem der Ausbau von Palliativstationen, in denen Patienten bestens versorgt werden können, sehr wichtig. „Wir wollen jedoch weg von diesen plakativen Palliativstationen, wir brauchen diese Palliativstationen im Setting, im Anhang zu jedem Krankenhaus, zu jeder Region. Und diese Ärzte, die diese Patienten behandeln, brauchen auch eine spezielle Ausbildung“, so Kramer.

Quelle: Lunchsymposium: Die chronische Krebserkrankung – Herausforderungen an das ärztliche Gespräch in der Uro-Onkologie, Fortbildungstagung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, 4. bis 5. November 2016 in Linz.

Von Reinhard Hofer

, Ärzte Woche 7/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Aktuelle Printausgaben