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© Medizin Uni Ibk

© Uwe Zucchi / dpa

 
Gesundheitspolitik 13. Februar 2017

Am eigenen Leib

Impfmüdigkeit. Wer hat noch Angst vor Diphtherie oder Polio – der Erfolg der Impfungen ist gleichzeitig ihr größter Feind.

Der starke Anstieg an Masernfällen in den ersten Wochen des Jahres – es wurden mehr Fälle registriert als im gesamten Vorjahr – hat Impfexperten alarmiert. Impflücken bei den Masern tun sich auf, nicht zuletzt in Tirol. Aber auch bei anderen Krankheiten, vor allem beim Keuchhusten, gibt es Defizite beim Impfschutz von Erwachsenen. Die Durchimpfungsrate bei Masern liegt in Österreich im Schnitt bei 87 Prozent, gefordert sind 95, um eine Herdenimmunität gewährleisten zu können. Noch dazu sind die Jahrgänge 1966 bis 1976 nicht in ausreichendem Maße geschützt, da zu dieser Zeit Totimpfstoff eingesetzt wurde, sagt der Hygieniker Reinhold Würzner.

Andere Baustelle: Im Vorjahr sind in Österreich 80 FSME-Erkrankungen registriert worden. Das waren 16 Fälle mehr als im Jahr 2015. „Die Mehrzahl betrifft Menschen ab 40 Jahren, da die Auffrischungsintervalle häufig nicht eingehalten werden oder auf die Impfung ganz vergessen wird“, sagte Ursula Kunze vom Zentrum für Public Health an der MedUni Wien in einer Aussendung des Pharmakonzerns Pfizer.

Doch nicht nur hierzulande gibt es Probleme mit dem Impfschutz. Allein seit Anfang des Jahres sind in der Schweiz 21 Personen an Masern erkrankt. Betroffen sind Kinder und Erwachsene in allen Landesteilen. Zum Vergleich: Im ganzen Vorjahr wurden 70 Fälle verzeichnet. Das Lager der Skeptiker erhält starken Zulauf. Masernpartys erfreuen sich großer Beliebtheit. Der Medizin-Journalist Bernd Ehgartner spricht von „Medizindiktatur“ und „Bevormundung“, wenn von Impfpflicht die Rede ist. Dass die Impf-Skepsis hausgemacht ist, darauf weist Würzner hin. Der Tiroler Impfaufklärer nimmt sich selbst bei der Nase: „Experten wie ich müssen mehr rausgehen“.

 

Beim Impfen geht es nicht nur um Eigenschutz, sondern auch um Nächstenliebe

Reinhard Würzner tut mehr als er müsste, wenn er wie zuletzt am 12. Tiroler Impftag gegen die grassierende Impfmüdigkeit anredet. In manchen Tiroler Bezirken ist zum Beispiel die Durchimpfungsrate für Masern mit deutlich unter 70 Prozent besonders niedrig, die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt 95 Prozent. „Das ist mein Hobby, ich habe keinen Auftrag.“ Er sei der Meinung, dass Experten viel mehr „rausgehen“ müssten, um Impfskeptiker mit Argumenten zu überzeugen. „Das zu schaffen wäre mein Anspruch.“

Zu schaffen machen Würzner Berichte von Masernpartys und von Eltern, die gewollte Ansteckung als eine Art Lernprozess für ihre Kinder ansehen. „Manche sagen zwar, dass die Impfung eine gute Sache sei, sie würden aber trotzdem wollen, dass ihr Kind auf eine Masernparty geht, um die wirkliche Infektion durchzumachen, damit das Immunsystem trainiert wird.“ Lange Zeit hätten Wissenschaftler nicht gewusst, ob an dieser Überlegung nicht doch etwas dran sei. Würzner: „Die Überlegung war: Natürlich muss man das überleben, aber von denen, die es ohne schwerste Schäden überleben, hat man angenommen, dass diese gestärkt aus der Krankheit hervorgehen.“ Mittlerweile sei sicher, dass das Gegenteil stimme, die Maserninfektion sei so gravierend, dass das Immunsystem auf Jahre hinaus gestört ist. „In den ersten fünf Jahren nach einer Masernerkrankung ist man anfällig für alle anderen Erkrankungen, die Masern-Viren schlagen eine Bresche in das Immunsystem, die nachwirkt.“

Weh tut Würzner, dass die Durchimpfungsraten des Krankenhauspersonals so niedrig ist. Aus Befragungen zur Influenza-Impfung weiß man, dass das Pflegepersonal und Menschen in therapeutischen Berufen Durchimpfungsraten von weniger als einem Drittel aufweisen. Würzner dazu: „Das ist paradox, denn das müsste ein Personenkreis sein, der wissenschaftlichen Argumenten zugänglich ist. Der Mensch kommt heutzutage mit den richtigen Krankheitsbildern nur noch selten in Kontakt.“ Kein Wunder, dass man sich nicht mehr so vor einer Erkrankung fürchtet, wie noch unsere Urgroßeltern vor Diphtherie oder Kinderlähmung. Dafür fürchtet man sich absurderweise vor Impfungen. Echte Impfschäden bei etablierten Impfungen haben jedoch Seltenheitswert, die Wahrscheinlichkeit liege „im Bereich von 1 zu 10 Millionen“, sagt Würzner. Es sei wahrscheinlicher einen Lottogewinn einzustreifen, als einen echten Impfschaden zu erleiden. Zum Thema „nicht gemeldete Schäden“, meint der Innsbrucker Mediziner, dass sich Patienten bei Komplikationen auch an einen Patientenanwalt wenden könnten, „das muss nicht über den behandelnden Arzt laufen“. Beim Impfen gehe es nicht nur um Eigenschutz, sondern schon auch um Nächstenliebe, „denn mit einer Impfung schütze ich ja auch die Familienmitglieder, die zu jung oder zu gebrechtlich sind für Impfungen, oder mir anvertraute kranke Menschen“. Außerdem wird das Thema Impfung im Lehrplan stiefmütterlich behandelt. „Wir wissen, dass einige Personengruppen im Gesundheitssystem gegen Impfungen eingestellt sind.“

Zurück zur Masern-Impfung: Die Jahrgänge 1966 bis 1976 seien, auch wenn man in der Kindheit zweimal geimpft wurde, heute nicht mehr ausreichend geschützt. Grund dafür ist der damals verwendete Totimpfstoff. „Nach einer Totimpfstoffgabe muss man immer wieder auffrischen, sonst ist der Schutz weg. Deshalb muss man aufrufen, dass diese Menschen ihren Impfstatus überprüfen und sich gegebenenfalls impfen lassen. Das wäre kein Problem, wenn die Durchimpfungsrate über 95 Prozent läge. Dann könnte man sagen, es ist egal.“

Prof. Dr. Reinhard Würzner, Sektion f. Hygiene und Medizinische Mikrobiologie, MUI

Wir impfen dreimal so viel wie in den achtziger Jahren und haben nur lückenhafte Kontrollen

Der Dokumentarfilmer und Medizin-Autor Bert Ehgartner gehört nicht zu den Impfverteuflern, sonst hätte er seine fünf Kinder nicht gegen Masern impfen lassen. Andere Impfungen seien hingegen veraltet, wie die Diphtherie- und die Tetanus-Impfungen, und in ihrer Zusammenstellung und ihrem Wirkprinzip nicht mehr auf dem letzten Stand. Ehgartner weiter: „Bei diesen Impfungen wäre es dringend nötig zu prüfen, ob diese überhaupt noch zeitgemäß sind, und ob das tatsächlich stimmt, dass die Diphtherie zurückkehren würde, wenn man aufhören würde zu impfen, oder ob es bei der Tetanus tatsächlich wichtig ist, Kinder zu impfen. Wenn man sich die Schadensverläufe anschaut, liegt das Durchschnittsalter der Tetanuspatienten bei 80 Jahren.“ (Anm. d. Red.: jedes Jahr sterben ca. zehn Menschen in Europa an Tetanus).

Bei der Diphtherie sei bekannt, dass es sich um eine Krankheit handle, die mit großem Elend zu tun habe und als Kriegsfolge auftreten könne. Man habe festgestellt, dass die Impfung schlecht schütze und sich die Krankheit nicht in Gegenden mit einer intakten Gesundheitsversorgung ausbreite.

Von einer Impfpflicht hält Ehgartner nichts. Diese sei eine „diktatorische Maßnahme“, er sehe jetzt schon „das Problem, dass sich die Menschen wie in einer Medizin-Diktatur vorkommen. Sie haben das Gefühl der Bevormundung durch die Politik und die Behörden. Wenn ich eine Impfpflicht ausspreche, ohne vernünftige Argumente zu bringen, dann ist das ein Eingriff in die persönliche Gesundheitswahrnehmung und Verantwortung der Eltern – und das wird vielfach Widerstand auslösen.“

Generell sei die Debatte zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern oft eine dumme. „Die Impfbefürworter versuchen die Impfgegner lächerlich zu machen. Diese wiederum igeln sich ein mit irgendwelchen Verschwörungstheorien ein und bestärken einander im Internet mit unhaltbaren Argumenten.“ Eine Impfpflicht würde den Graben zwischen den beiden Lagern nur noch mehr vertiefen.

Wie man mit Impfschäden transparent umgehe, habe man 2009 und 2010 in Skandinavien studieren können. Dort traten nach Impfungen gegen die Schweinegrippe-Typ H1 N1 Fälle von Narkolepsie auf. Erklärung: Durch eine zufällige Ähnlichkeit eines verwendeten Proteins mit einem körpereigenen Protein im Gehirn wurde eine Autoimmunreaktion ausgelöst.

„In Skandinavien wurde offensiv aufgeklärt, woran das lag. Es gab keine Tabus und keine Scheuklappen. In Österreich wäre das völlig unmöglich gewesen, weil es bei uns keine Möglichkeit gibt gesundheitsbezogene Daten mit dem Impfen zu verbinden und zu untersuchen. Bei uns gibt es kein Impfregister, man wüsste überhaupt nicht, wie man vorgehen soll, um eine geimpfte Gruppe mit einer ungeimpften zu vergleichen“, sagt Ehgartner, der gerade an einem Buch und einem Film zum Thema arbeitet, die 2018 erscheinen sollen.

Der Vorzug eines allgemeinen Impfregisters wäre die Überprüfung von Verdachtsfällen und offenen Fragen. Beispiel gefällig? „Welche Nebenwirkungen gibt es nach der Zeckenimpfung, stimmt es dass es zu einer Häufung von Rheumafällen kommt, wie mehrfach vermutet wurde.“ Die Initiative müsste von den Gesundheitsbehörden ausgehen.

„Man muss sich diese Fahrlässigkeit einmal vorstellen: Wir impfen heute dreimal so viel wie in den achtziger Jahren und es gibt nur eine lückenhafte Kontrolle.“

Bert Ehgartner, Wissenschaftsjournalist, Autor und Dokumentarfilmer

Martin Křenek-Burger, Ärzte Woche 7/2017

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