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Karl Baedeker recherchiert vor Ort für seine Ausgabe des Frankreich-Reiseführers von 1915.
 
Leben 9. Jänner 2017

Gut situiert, männlich, Reiter

Tourismus-Steinzeit. Backpacker und All-Inclusive-Urlauber gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kulturwissenschaftlerin Ulrike Czeitschner erkundet ihre Reise-Hot-Spots.

ÖAWMit dem Kamel durch den Vorderen Orient? Was heute eine Abenteuerreise wäre, war für den Urlauber anno 1875 durchaus nicht ungewöhnlich. Da war es praktisch, dass im „Baedeker“-Reiseführer Entfernungen nicht nur in Kilometern, sondern auch in Kamel-Stunden angegeben waren. Die kleinen Büchlein im roten Leineneinband fanden sich um die Jahrhundertwende in so manchem Reisegepäck, heute sind sie für die Wissenschaft eine ergiebige Quelle zu frühem Tourismus und den zeitgenössischen Sichtweisen auf andere Kulturen.

Die Kulturwissenschaftlerin Ulrike Czeitschner vom Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat den Reiseführer des Leipziger Verlags von 1875 bis 1914 untersucht und mit digitalen Methoden für die weitere Forschung aufbereitet. Der Name des neuen Forschungsvorhabens lautet travel!digital ( bit.ly/2i50UsQ ).

Czeitschner: „Fernreisende in der zweiten Hälfte des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts hat man sich – wenig erstaunlich – überwiegend männlich, gebildet, gut situiert und mit viel Zeit ausgestattet, vorzustellen. Durchschnittliche Reisen in außereuropäische Länder dauerten zwischen einem und mehreren Monaten, je nachdem, welches Reiseziel und welche Anreiseroute gewählt wurden. Die Hin- und Rückreise nach und von Indien etwa nahm gut drei Wochen in Anspruch.“

Syrien hat 1875 noch keine Eisenbahn, auch Landstraßen sind nicht vorhanden. Man musste also reiten. Aus diesem Grund ist der Maßstab zur Sinaihalbinsel im „Baedeker“ nicht nur in Kilometern, sondern auch in Kamel-Stunden angegeben. Indien war leichter zu bereisen, aufgrund eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes. Darüber hinaus standen Automobile und Sänften zur Verfügung. Czeitschner weiter: „Die Must-See-Plätze jener Zeit ähnelten heutigen Anziehungspunkten. Allerdings zählten auch Industriebauten und Fabriken zu den Sehenswürdigkeiten.“ Neben der Perlmoschee in Agra und dem Goldenen Tempel von Amritsar in Indien, gehören die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, die ägyptischen Pyramiden und Abu Simbel sowie die Antikensammlungen von Neapel über Athen bis Kairo zu den beliebten Zielen. Auch in die USA wurde gereist, zum Canyon des Colorado, dem Muir-Gletscher oder zu den Niagara-Fällen, wo man eine Bootsfahrt auf der „Maid of the Mist“ unternehmen konnte, eine Tour, die bis heute angeboten wird.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 1/2/2017

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