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Das Altern aufzuhalten - davon träumen viele Menschen. Vielversprechende Ansätze werden vor allem da verfolgt, wo das Geld locker sitzt.
 
Forschung 9. Jänner 2017

Jung bleibend alt werden

Altersforschung. Der Traum von der ewigen Jugend ist so alt wie die Menschheit. Einige Forscher sehen das Plasma als Jungbrunnen, andere die DNA-Reparatur, wieder andere setzen auf die Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Für Thomas Rando ist frisches Blut der ideale Jungbrunnen. Zwar gilt der „besondere Saft“ schon von jeher als belebend, doch so richtig ernst nahm das bislang kaum ein Forscher. Der Professor für Neurologie und Leiter einer Forschungseinrichtung zur Biologie des Alterns in Stanford ist jedoch überzeugt, dass im Blut junger Menschen alles Nötige vorhanden ist, um die biologische Uhr wieder zurückzudrehen. Diese Zuversicht schöpft er aus einigen spektakulären Tierversuchen.

Rando hat sich auf Muskelregeneration spezialisiert. Wie beim Menschen nimmt auch bei Mäusen im Alter die Fähigkeit ab, neues Muskelgewebe zu bilden. Bei Verletzungen entstehen zunehmend Narben, die Stammzellen schaffen es nicht mehr, verlorene Zellen vollständig zu ersetzen. Die Forscher um Rando haben älteren Mäusen diese Fähigkeit wieder zurückgegeben – sie nähten die Tiere mit jüngeren zusammen. Parabiose nennt man solche Experimente. Letztlich genügt es, die Haut der Nager an einer kleinen Stelle, etwa am Bein, zusammenzunähen. Nach einiger Zeit verbinden sich auch Blutgefäße, die Tiere teilen einen gemeinsamen Kreislauf.

In der Vergangenheit wurden mit Parabionten wichtige Erkenntnisse in der Immun- und Tumorbiologie erzielt. Anfang der 1970er-Jahre konnten US-Forscher das Leben älterer Mäuse um ein paar Monate verlängern, indem sie die Tiere mit jüngeren verbanden.

Regeneration der Stammzellen

Rando hatte vor den Mäuseversuchen lange gerätselt, weshalb die Regeneration im Alter nicht mehr funktioniert. „Stammzellen sind noch genug da, das ist nicht das Problem, aber sie reagieren nicht mehr so gut“, lautet eine seiner Erkenntnisse. Er wollte prüfen, ob dies am Milieu des älteren Körpers liegt. Und tatsächlich: Nachdem die alten Mäuse einige Zeit mit den jungen verknüpft waren, teilten sich die Muskelstammzellen nach einer Verletzung wieder ähnlich gut wie bei jungen Tieren und konnten die normale Architektur der Muskeln ohne Narbengewebe wiederherstellen.

„Wir können damit tatsächlich die Uhr zurückdrehen“, so Rando. Die Verjüngung betrifft nicht nur die Muskeln, sondern den gesamten Organismus. Die Herzfunktionen verbessern sich, die Myelinisierung im Nervensystem wird angeregt, und im Hippocampus bilden sich neue Nervenzellen. Aus diesem Grund finden sich ältere Mäuse wohl auch wieder besser in einem Labyrinth zurecht. Überall im Körper scheinen Stammzellen zu erwachen und die alte Regenerationsfähigkeit wiederzuerlangen. Dazu ist nicht einmal eine körperliche Verbindung nötig.,

Plasmatransfusionen haben offenbar eine vergleichbare Wirkung, sie könnten so auch ältere Menschen verjüngen. Derzeit läuft eine klinische Studie, bei der Patienten mit leichter bis moderater Alzheimerdemenz über vier Wochen hinweg Plasmainfusionen von jungen Spendern erhalten. Es soll untersucht werden, ob sich die Krankheitsprogression damit bremsen lässt.

Am besten wäre es aber, ganz auf Plasma zu verzichten und gezielt jene Faktoren zu verabreichen, die für die Verjüngung zuständig sind. Rando hat anhand der Parabionten einige davon isoliert. Der Notch-Signalweg ist wichtig für die Stammzellaktivierung, CSF 2 („colony stimulating factor 2“) und überträgt Verjüngungseffekte, die Konzentration des Faktors sinkt kontinuierlich mit dem Alter. Oxytocin scheint ebenfalls die Stammzellaktivierung zu begünstigen. Ein Gegenspieler ist das Zytokin CCL 11 („cc-chemokine ligand 11“), das die Neurogenese unterdrückt.,

Die entscheidende Frage lautet jedoch: Begünstigen die jeweiligen Faktoren nur ein gesünderes Altern, indem sie die Regenerationsfähigkeit bewahren, oder können sie wirklich die Lebensspanne verlängern? Dieser Beweis steht weiter aus, das Experiment aus den 1970er-Jahren ist noch nicht repliziert. Selbst bei Mäusen wäre es aufwendig, sie über Jahre hinweg mit Plasma oder verjüngenden Zytokinen zu versorgen. „Wenn wir die finanziellen Mittel für solche Experimente hätten, würden wir das tun“, erläuterte der Stammzellexperte Michael Conboy aus Berkeley in der Zeitschrift „Nature“.

Vielleicht müsste sich Conboy nur einmal auf der anderen Seite der San Francisco Bay umsehen: Dort sammeln sich die finanziellen Mittel bei der Firma California Life Company, kurz Calico. Dahinter steckt Google. Calico und Google sind bislang aber mehr durch markante Schlagzeilen als durch bahnbrechende Anti-Aging-Forschung aufgefallen. „Can Google solve death?“ titelte das „Time Magazine“ im September 2013, als Google die Gründung von Calico bekannt gab. Der Auftrag: die menschliche Lebensspanne zu verlängern. Calico kündigte Kooperationen mit Universitäten, Pharmafirmen und dem genealogischen Datensammler Ancestry an. Ob und woran das Unternehmen genau forscht, ist aber nicht bekannt.

Offensichtlich träumen auch andere Milliardäre aus dem Silicon Valley von einem langen Leben. Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal, gibt zu, dass er mindestens 120 Jahre alt werden will. Nach einem Bericht des Magazins „Fortune“ investiert er in diverse Biotech-Firmen und unterstützt die Methusalem-Stiftung des umstrittenen britischen Bioinformatikers Aubrey de Grey. Das Motto der Stiftung lautet „90 ist das neue 50“. Im Jahr 2030 sollen 90-Jährige noch so gesund und fit sein wie die 50-Jährigen heute. De Grey glaubt zudem, sämtliche Werkzeuge, um das Altern zu stoppen, seien in 25 Jahren verfügbar. Seine „Strategien zur Bekämpfung des Alterns“ setzen auf Gewebezüchtung und -regeneration, verbesserte DNA-Reparatur und eine beschleunigte zelluläre Abfallentsorgung. Die labile Mitochondrien-DNA würde er am liebsten komplett in den Zellkern verfrachten.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgen die Transhumanisten. Sie hoffen auf eine Verschmelzung von Bio-, Nano- und Computertechnologie. Mensch-Maschine-Mischwesen sollen dann nicht nur Alter und Krankheit überwunden haben, sondern auch mit einer künstlich verstärkten Intelligenz ausgestattet sein.

„Die Singularität ist nah“

Zu ihren Verfechtern gehört Ray Kurzweil, ein Pionier der künstlichen Intelligenz und Chefentwickler bei Google. Sein Credo: „Die Singularität ist nah.“ Gemeint ist der Zeitpunkt, an dem eine dem Menschen überlegene künstliche Intelligenz die Kontrolle über die Erde übernimmt.

Doch was, wenn sich all diese lebensverlängernden Wege als wenig tauglich erweisen sollten? Thomas Rando weiß einen kleinen Trost: Sport scheint die Stammzellen im Alter ebenfalls zu motivieren. „In jungen Mäusen bringt Bewegung wenig, aber in alten Mäusen kann körperliches Training die Regenerationsfähigkeit dramatisch verbessern.“ Er bleibt also mühsam, der Weg zu einem längeren Leben.

Quelle: Uro-News 2016, 20 (9)


Thomas Müller/ÄZ

, Ärzte Woche 1/2/2017

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