zur Navigation zum Inhalt
© ÖAV/Dueringer
 
Allgemeinmedizin 4. Jänner 2017

Gut für Körper, Geist und Seele: Sport in den Bergen

Umgebung wirkt. Jetzt ist es untersucht und bestätigt: Sport in den Bergen hat einen positiven Effekt auf die Gesundheit – psychisch und physisch. Der Österreichische Alpenverein (ÖAV) präsentierte kürzlich Daten dazu.

Bergsportler haben es schon geahnt, allerdings waren systematische Untersuchungen speziell zu den Effekten von Bergsport auf die Gesundheit bisher eher rar. Daher untersuchte ein wissenschaftliches Forschungsprojekt in einer Kooperation der Salzburger Paracelsus Medizinischen Privatuniversität PMU, der Universität Innsbruck und des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) mögliche positive Auswirkungen des Bergsports, um systematische Daten zu erhalten.

Bergwandern als exemplarischer Untersuchungsgegenstand

Als exemplarische Sportart wählte man Bergwandern zum Untersuchungsgegenstand, das mit 2,7 Millionen Aktiven über 15 Jahren die dritthäufigste Sportart in Österreich darstellt. Ein wichtiger Aspekt, der bisher in Studien zum Thema wenig beachtet wurde, war die sportliche Betätigung, die auch Höhenunterschiede überwindet und sich sowohl durch die äußeren Einflussfaktoren als auch durch die muskuläre Beanspruchung vom Sport in der Ebene unterscheidet. Frühere Studien hatten meist nur die Wirkung von Ausdauersport in der Ebene untersucht.

Zum Bergsport zählt eine ganze Bandbreite an Aktivitäten: Vom Bergwandern, Trekking, Klettersteiggehen über Hochtourismus, Skibergsteigen bis zum Sportklettern und Alpinklettern. Gemeinsam ist allen diesen Sportarten die Überwindung eines Höhenunterschieds – und dieser Aspekt scheint zumindest noch einen Zusatznutzen zu haben. Muskeln werden unterschiedlich beansprucht und die Art der Herausforderung kann sich ebenso vielfältig gestalten. Gemeinsam ist allen Aktivitäten in der Bergwelt, dass die Natur positive Wirkungen auf die Revitalisierung und eine Reduktion der Anspannungen erreicht.

Die angenehme Umgebung wirkt zusätzlich

So zeigten auch einige Studien bereits, dass die positive Wirkung der körperlichen Aktivität auf die psychische Gesundheit höher ausfällt, wenn die Landschaft frischer oder als angenehmere Umgebung empfunden wird. Ein Grund dafür könnte schlicht der visuelle Stimulus der Natur sein. Die Bergwelt als Umgebung der körperlichen Aktivität kann, so die Autoren der Studie „Effekte des Bergsports auf Lebensqualität und Gesundheit“, „zweifellos als angenehm bezeichnet werden.“ Dies zeigte sich auch in den besseren Ergebnissen in der Gruppe der Outdoor-Aktivitäten verglichen mit einer Interventionsgruppe auf dem Laufband im Fitness-Center.

Ganz allgemein zeigen Untersuchungen, dass körperliche Aktivität einen Schutz für die Entwicklung verschiedener körperlicher und seelischer Erkrankungen darstellt. Umgekehrt wirken sich psychische Erkrankungen auf die körperliche Gesundheit aus – schlechte Körperhaltung, Inaktivität, Suchtverhalten haben manifeste Folgen. Zwischen körperlicher Aktivität und Lebensqualität besteht darüber hinaus ein positiver Zusammenhang. Allerdings entsprechen nur 30 Prozent der europäischen Bevölkerung in ihrem Aktivitätsniveau den Empfehlungen zur gesundheitssteigernden körperlichen Aktivität, stellen die Autoren der Studie fest.

Körperliche Anstrengung in der Natur

Nun gibt es also die wissenschaftliche Bestätigung: Ausdauerbewegung in den Bergen ist gesund. Und zwar nicht nur körperlich sondern auch für Geist und Seele. „Speziell die Kombination aus körperlicher Aktivität und der Wirkung der Umgebung beim Bergwandern machen die Bewegung beim Bergwandern besonders effektiv“, stellen die Autoren fest. Bereits eine einzige Wanderung von etwa drei Stunden bringt positive Veränderungen der psychischen Gesundheit mit sich. Nach der Aktivität wurde ein signifikanter Anstieg der Stimmung und der Gelassenheit registriert (Effektstärke d > 0,8). Negative Gefühle wie Energielosigkeit und Angst sanken markant (d < -0,8). Der Vergleich mit Probanden auf dem Laufband ließ eine ähnliche Entwicklung erkennen, allerdings in einem weit geringeren Ausmaß (positive Dimension: Effektstärke d > 0,5; negative Dimension: d < -0,6). Bei den Probanden aus der Kontrollgruppe, die einer sitzenden Tätigkeit nachgingen, zeigte sich ein umgekehrtes Bild: Gehobene Stimmung und Gelassenheit verringerten sich, während Angst und Energielosigkeit anstiegen.

Signifikante Stressreduktion

Die positiven Effekte der sportlichen Aktivität auf den Körper wurden durch den reduzierten Cortisolspiegel und somit signifikante Stressreduktion bestätigt. Ein interessantes Detail ist laut den Forschern die Tatsache, dass die Anstrengung – gemessen an der Herzfrequenz – beim Bergwandern zwar objektiv höher war als in den Vergleichsgruppen am Laufband, aber nicht als anstrengender empfunden wurde. Daraus könne man schließen, dass die Umgebung beim Bergwandern von der körperlichen Anstrengung ablenken kann.

Die positive Wirkung speziell des Bergwanderns wurde und wird bereits erfolgreich als Ergänzung zur konventionellen Therapie bei depressiven Patienten eingesetzt. „Körperliche Aktivität führt bereits bei punktueller Anwendung zu beispielsweise über bildgebende Verfahren darstellbaren Veränderungen im Gehirn, wie gesteigerter Hirndurchblutung oder Stimulation der zerebralen Gefäßneubildung“, berichtete Doz. Dr. Reinhold Fartacek von der Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychiatrie, Christian Doppler-Klinik Salzburg – PMU. Es gebe auch Hinweise darauf, dass Ausdauertraining eine Stimulation der Synthese und des Umsatzes von Serotonin bewirkt und körperliche Aktivität rege die Neurogenese an, also die Bildung von Nervenzellen.

Reinhold Messner als „Mentor“

Wenn diese positive Wirkung auch bekannt ist, so ergibt sich bei Menschen mit depressiven Stimmungslagen oft das Problem der Umsetzung, da die Antriebslosigkeit der Aktivität meist entgegensteht. Die Frage stellt sich also, so Fartacek, wie es gelingen könnte, psychisch kranken Menschen und insbesondere Menschen mit Suizidrisiko den Stellenwert von körperlicher Gesundheit zu vermitteln und gesundheitsfördernde Elemente in der Gesamtbehandlung zu verankern.

Letztlich war es ein Kontakt mit dem Extrembergsteiger Reinhold Messner, der zu einem Forschungsprojekt der Salzburger Forschungsgruppe führte, die sich der Wirkung von Bergwandern auf das Suizidrisiko von Suizidhochrisikopatienten widmete. Die Ergebnisse bestätigten die Annahme: Es kam zu einer signifikanten Verbesserung der Hoffnungslosigkeit, der Depressivität, zu einer Abnahme der Häufigkeit von Suizidgedanken und zu einer Verbesserung der Ausdauerleistung. „Bergwandern“, so Fartacek, „hat einen bemerkenswerten ‚add on‘-Effekt.“

„Draußen sein in der Natur macht Menschen glücklich“, stellt der Glücksforscher Stefan Klein fest und zählt die vielschichtigen Aspekte auf: Körperliche Bewegung, ein Ziel zu verfolgen, die Gemeinschaft mit anderen. Die bei intensiver Bewegung ausgeschütteten Endorphine wirken berauschend und schmerzstillend, die Gemeinschaft selbst stellt einen erst in jüngerer Zeit anerkannten Wert für das Glück dar und Glücksgefühle sind in hohem Maße ansteckend. „Wir haben guten Grund zu der Annahme, dass Bergsteigen Menschen glücklich macht“, unterstreicht Klein.

Auch Sportklettern wirkt therapeutisch

Die hohe soziale und kommunikative Komponente des Sportkletterns betonte auch Dr. Veronika Leichtfried vom Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus der Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik – UMIT. Klettern ist heute bereits eine Breitensportart mit Ganzkörpereinsatz. „Die Greif- und Steigbewegungen beim Klettern stärken die Rücken- und Bauchmuskulatur und sorgen für eine verbesserte Rumpfstabilität. Klettern verbessert beinahe alle motorischen Fähigkeiten wir Koordination, Kraft und Beweglichkeit und trägt zu einer besseren Körperhaltung bei.“ Mittlerweile wird Klettern bereits in unterschiedlichsten Zusammenhängen sowohl bei körperlichen als auch bei psychischen Indikationen als therapeutische Maßnahme eingesetzt. Es hat auch einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit, so Leichtfried: „Es verbessert die Körperwahrnehmung und steigert das Selbstwertgefühl, daher wird es auch bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen eingesetzt.“

Durch Kooperationen mit den alpinen Vereinen in Österreich können im Bereich Bergsport kompetente und wirkungsvolle Möglichkeiten angeboten werden.

Quelle: Presseaussendung ÖAV und Tagungsband: www.alpenverein.at/bk/tagungsband_2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Aktuelle Printausgaben