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Urologie 5. August 2005

Das nächtliche Polyurie-Syndrom

Die Klage älterer Patienten, nachts "so häufig Wasser lassen zu müssen" und eventuell "gar nicht mehr halten zu können", muss multidimensional betrachtet werden. Prim. Dr. Franz Böhmer, SMZ-Sophienspital, Wien: "In erster Linie sind klinisch einfach fassbare Ursachen und Möglichkeiten wie Harnwegsinfekte, Drangsymptomatik beziehungsweise sogar Inkontinenz bei neurologischen Krankheitsbildern, Herzinsuffizienz und endokrine Probleme in Betracht zu ziehen."

In der Geriatrie tauchen durch die wissenschaftlichen Aktivitäten neue und sehr wichtige Erkenntnisse zur Nykturie des älteren Menschen aus. Prinzipiell scheint es viele Gründe zu geben, warum ältere Menschen nachts häufiger auf die Toilette gehen müssen. 
"Bei genauerer Diagnostik zeigt sich bei vielen geriatrischen Patienten jedoch ein nächtliches Polyurie-Syndrom, teilweise auf dem Boden eines gleichzeitig bestehenden Vasopressin-Defizites", so Böhmer. Dieses Phänomen zeigt mit zunehmendem Alter eine hohe Inzidenz.

Einschränkung der Lebensqualität

Es kommt zu einer empfindlichen Störung des Schlafes und somit der Regenerationsphase des alten und hochbetagten Menschen. Dadurch werden die subjektive und objektive Lebensqualität eingeschränkt, zusätzlich können eine Inkontinenz induziert und Sekundärereignisse bis hin zu Stürzen provoziert werden.

Böhmer: "Die im Vergleich zu jüngeren Menschen teilweise erhöhte nächtliche Urinproduktion älterer Patienten ist durch die möglicherweise physiologisch abgeschwächte Nachtzunahme der Ausschüttung des antidiuretischen Hormons bedingt und wird im Zusammenhang mit einer reduzierten Blasenkapazität als Ursache für den ein- bis zweimaligen nächtlichen Toilettengang im Alter gesehen."
Kommen noch zusätzlich pa- thophysiologische Einflussfaktoren dazu, tritt schnell eine Inkontinenz auf. Ältere schränken dann ihre Flüssigkeitsaufnahme ein, um das nächtliche Wasser lassen zu reduzieren, und riskieren damit eine Dehydratation mit den nachfolgenden erhöhten Risken (zum Beispiel Stürze).

Abklärungsgang

"Unabhängig davon stellt der nächtliche häufige Uringang, zum Teil sogar verbunden mit Inkontinenz, eine nicht zu vernachlässigende Störung des Nachtschlafes dar, der im Alter per se häufig als unterbrochen, wenig erholsam und verkürzt erlebt wird", so Böhmer.
Abzuklären sind bei einer solchen nächtlichen Polyurie mit teilweiser Inkontinenz als erstes Harnwegsinfektionen.

Weitere Ursachen für eine möglicherweise bestehende Drangkomponente sind zerebral-neurologische Probleme, medikamentöse Einflüsse und aus organischer Sicht in erster Linie eine Herzinsuffizienz. Liegt eine deutliche Verschiebung des Verhältnisses von Tages- und Nachturinproduktion zugunsten der Nacht vor (größer als 35 Prozent), muss differenzialdiagnostisch auch an ein nächtliches Polyurie-Syndrom (NPS) gedacht werden. Die verminderte Bildung von Argininvasopression (AVP oder antidiuretisches Hormon, ADH) kann die Ursache sein.

Vasopressin wird in separaten Ganglienzellen gebildet und in den supraoptischen und paraventrikulären Nuclei des Hypophysenhinterlappens gespeichert. Von dort aus kann es an das Gefäßsystem abgegeben werden. Seine Hauptwirkungen sind Wasserretention, Urinkonzentration und Reduktion des Urinvolumens durch Steigerung der Tubuluspermeabilität. Die Konzentration des antidiuretischen Hormons kann im Urin und im Plasma gemessen werden. Der normalerweise zu beobachtende Anstieg des ADH während der Nacht reduziert die nächtliche Urinproduktion und damit die Toilettengänge sowie die Gefahren einer nächtlichen Inkontinenz. Die vermehrte nächtliche Produktion zur Einschränkung der Urinmenge nimmt mit zunehmendem Alter ab. Bei Hochbetagten kann es sogar zu einem vollständigen Wegfall der nächtlichen Anhebung kommen.

Quelle: Vortrag von Prim. Dr. Franz Böhmer, SMZ-Sophienspital, Wien, auf der 11. Jahrestagung der Medizinischen Gesellschaft für Inkontinenzhilfe Österreich in Innsbruck

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