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Gynäkologie und Geburtshilfe 21. Dezember 2013

Verletzte Weiblichkeit

Sexualprobleme nach onkologischer Therapie.

Schon die Diagnose „Krebs" stellt für jeden Betroffenen ein psychisches Trauma und einen massiven Einschnitt in die bisherige Lebensführung dar. Zur Angst kommen körperliche Symptome  der Erkrankung, dann auch die Begleiterscheinungen der Strahlen-, Chemo- und Hormontherapie. All dies beeinträchtigt selbstverständlich auch das Sexualleben der Patienten massiv.

Besonders in der gynäkologischen Onkologie führen Veränderungen des Körperbildes häufig zu Unsicherheit und Scham. Man meint, für den Partner nicht mehr liebens- und begehrenswert zu sein und verweigert jede Intimität.   „Viele therapeutische Maßnahmen verändern aber nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern haben auch wesentlichen medizinischen Einfluss auf das Sexualleben der Frau bzw. des Paares", erklärt Prof. Dr. Christian Dadak, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien: Chemotherapie beeinflusst alle Phasen des sexuellen Zyklus. Unter der Therapie mit monoklonalen Antikörper haben die Frauen mit Müdigkeit, Knochenschmerzen, grippeähnlichen Symptomen, Gewichtszunahme und reduzierter Libido zu kämpfen. Antiangiogenetische Substanzen verursachen oft  Durchfälle und Hochdruckerkrankungen, was ebenfalls die sexuelle Aktivität beeinträchtigen kann. Anti-Östrogene vermindern die vaginale Lubrikation, wodurch der Geschlechtsverkehr schmerzhaft werden kann.

Nach überstandener Erkrankung, vor allem in der Rehabilitationsphase, wird das Interesse an Sexualität wieder größer. Hier kann es nun zu Problemen von Seiten des Partners kommen: Missverständnisse führen zu Vermeidung sexueller Kontakte trotz vorhandener Wünsche und Bedürfnisse.  „Der Partner reagiert oft abwartend - teils aus Unsicherheit, teils, weil er die Frau schonen möchte - was die Frau dann noch mehr verunsichert", berichtet Dadak.

Vaginalatrophie durch Krebstherapie

Sexuelle Probleme bei onkologischen Patientinnen beginnen häufig mit der Vaginalatrophie nach Chemo- und /oder antihormoneller Therapie.  Lokale oder auch systemische Hormongaben können hier helfen, sofern sie nicht aufgrund der Krebserkrankung kontraindiziert sind. „Wenn Hormone kontraindiziert sind – hauptsächlich beim Mammakarzinom – dann kann die lokale Therapie mit Hyaluronsäurepräparaten, Feuchtcremen und –zäpfchen oder  Gleitmittel helfen", so Dadak.  Gleitmittel sind auf Wasser-, Silikon- oder Ölbasis erhältlich.

Attraktiv trotz Mastektomie

Brustkrebspatientinnen leiden besonders häufig an Störungen ihrer Sexualität, da neben allen anderen krebstypischen Störfaktoren bei ihnen noch dazu ein Körperteil betroffen ist, der als „Symbol" der Weiblichkeit gilt und Quelle körperlicher Lustempfindungen war. „Auch wenn den Frauen bewusst ist, dass ihr Frau-Sein nicht allein durch die Brust definiert wurde und dass die Lebensbedrohung durch den Krebs schlimmer war als die operativen Veränderungen, wird der Verlust der Brust als Bruch in der weiblichen Identität erlebt, und zwar in jedem Alter", berichtet Dadak. Patientinnen mit brusterhaltender Operation leiden darunter zwar weniger stark als Patientinnen, bei denen eine totale Mastektomie nötig war, dennoch fühlen sich auch diese Frauen in ihrer Weiblichkeit verletzt.

„Wie stark aber eine Mastektomie im Einzelfall die Sexualität nachhaltig beeinflusst, hängt entscheidend von der Qualität des Sexuallebens vor der Krebserkrankung ab", sagt Dadak. Untersuchungen zeigen jedenfalls, dass Ehemänner und Partner ihre Frauen auch nach Mastektomie immer noch sexuell attraktiv finden. Trotzdem befürchten viele betroffene Frauen, nicht mehr schön und begehrenswert zu sein. Und Frauen, die zur Zeit der Brustoperation keinen Partner hatten, haben Angst, wie ein zukünftiger Partner auf die operierte Brust reagieren wird.

Vulvakarzinom

Die radikale Vulvektomie mit Entfernung der regionalen inguinalen Lymphknoten kann zu einer deutlichen Verengung des Introitus führen. Das Eindringen des Penis wird oft schon aus Angst vor Schmerz vermieden und jeder Sexualkontakt verwehrt. Hier können Gleitmittel helfen sowie das vorsichtige Dehnen mit Fingern oder Dildos. Eine chirurgische Option bei zu engem Introitus ist die Lappenplastik, die zwar ein aufwändiges, aber lohnendes Verfahren ist, wie Dadak berichtet. Im umgekehrten Fall, also bei klaffender Vulva, ist Beckenbodentraining hilfreich.

Zervixkarzinom

„Auch wenn heute versucht wird, bei einer Wertheimschen Radikaloperation die Nervenbahnen im Becken zu schonen, kann es durch eine postoperative Narbenplatte im Beckenbodenbereich zu einer Störung der Nervenbahnen kommen", sagt Dadak. Diese kann eventuell die sexuelle Funktion, aber auch die Kontinenz beeinträchtigen. „Eine regelmäßige vaginale Östrogenapplikation kann hilfreich sein, die Verwendung von Gleitmitteln ist essenziell."

Studien mit Langzeitüberlebenden des Zervixkarzinoms haben übrigens eine hohe Zufriedenheit mit dem Sexualleben ergeben: „91 Prozent der Befragten erfreuen sich an der Sexualität", berichtet Dadak. „Bei einem Drittel der Befragten hat es jedoch Probleme unmittelbar nach der Therapie gegeben."

Ovarialkarzinom

Nach einem Ovarialkarzinom kann der Ausfall der endogenen Hormonproduktion zu vaginaler Trockenheit und Libidoverlust  führen. Große Narben und ein eventueller künstlicher Darmausgang beeinträchtigen ebenfalls die Sexualität der betroffenen Frauen.

Mann leidet mit

„Manchmal liegt das Problem aber auch beim Partner, der nach der überstandenen Erkrankung seiner Frau mit der Wiederaufnahme des Geschlechtsverkehrs überfordert ist,  und so haben wir oft auch männliche Sexualprobleme zu berücksichtigen, die man ansprechen sollte", berichtet Dadak. „Man muss bedenken, dass eine Krebserkrankung auch für den Partner ein Schock ist: ein traumatisches Geschehen, das unerwartet eingetreten ist und außerhalb seiner Kontrolle liegt."

Reden hilft

„Die Erfahrung zeigt, dass sexuelle Probleme am schnellsten dann gebessert werden, wenn man mit dem Partner darüber spricht,  eventuell  unter Einbeziehung eines  Therapeuten", so Dadak. Ohne Kommunikation  kann es zu schwerwiegenden psychischen Problemen kommen: vom Libidoverlust über Alkohol- und  Medikamentenmissbrauch bis hin zu schweren Depressionen und sogar Suizidgedanken .

Zwei Therapieoptionen kann Dadak anbieten: Sexualtherapie und Psychotherapie, wobei „die Sexualtherapie den Schwerpunkt auf die Sexualstörung legt und die Gesamtpersönlichkeit nur insoweit berücksichtigt, als es zur Beseitigung des sexuellen Problems notwendig erscheint."

Ärzte sollten ihre Patientinnen auf die Möglichkeit sexualtherapeutischer Gespräche mit Einbeziehung des Partners hinweisen. „Onkologische Beratung muss auch Sexualberatung enthalten", betont Dadak. „Sexuelle Probleme sollten – unabhängig vom Alter der Patientin – vom Arzt angesprochen werden. Veränderungen und Beeinträchtigungen müssen erklärt werden, und zwar auf einer verständlichen sprachlichen Ebene."

Erlaubt ist, was gefällt

Manchmal müssen Krebspatientinnen und ihre Partner neue Wege in der Sexualität finden. „Jede Form des sexuellen Kontaktes ist gut, wenn sie beiden Partnern Befriedigung bereitet,  mag sie in den Augen anderer noch so ungewöhnlich erscheinen", sagt Dadak. Ältere Patientinnen wünschen sich oft nur Intimität und zärtliche Berührungen ohne sexuelle Handlungen.

Zum Kaschieren von Narben, Verziehungen oder Größenunterschieden der Brust oder auch zum Verdecken eines künstlichen Darmausgangs empfiehlt sich die Verwendung von Miedern und speziellen Dessous. „Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt", meint Dadak.

Quelle: Vortrag im Rahmen des Kongresses „Menopause – Andropause – AntiAging", 5.- 7. Dezember 2013, Wien

C. Lindengrün, springermedizin.at

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