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Fotos (3):  Nanut/Regal
Neben den Sitzbänken stammt auch der Seziertisch, dessen Arbeitsfläche aus Marmor verarbeitet wurde und im Zentrum des Amphitheaters steht, aus dem 19. Jahrhundert.

Die mit Schnitzdekor versehene Möblierung ist in Form eines antiken Amphietheaters angeordnet und vollständig im Originalzustand erhalten.

Erfreulicherweise ist die Restaurierung des historischen Anatomietheaters geplant.

 
Leben 4. Dezember 2011

Der verborgene Anatomiesaal am Schillerplatz

Ein vollständig erhaltenes historisches „Theatrum Anatomicum“ besteht noch in Wien.

Bei Vorlesungen knackst es recht störend im Gebälk. Verwunderlich ist das allerdings nicht. Knarrt doch in diesem Hörsaal, einem der letzten historischen „Anatomischen Theater“ in Europa, die original erhaltene Holzmöblierung aus der Bauzeit des Gebäudes (1872–1877). Der Heilkunst diente dieses anatomische Amphitheater allerdings nie. Kunststudenten wurden hier in die Geheimnisse des menschlichen Körpers eingeführt. Der im Souterrain der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz in Wien gelegene Anatomiesaal ist noch heute in Verwendung.

 

Die Anatomie ist die Schnittstelle zwischen dem doch meist recht unterschiedlichen Weltbild der Medizin und dem der Kunst. Das Wissen um die Anatomie des Menschen ist für den Künstler fast ebenso wichtig wie für den Arzt. Dieses Wissen ist und bleibt ein Fundament sowohl der Heilkunst als auch der bildenden Kunst. Auch wenn es in beiden Fächern oft bald verloren geht.

Jahrhundertelang haben sich Kunst und Anatomie gegenseitig beeinflusst und befruchtet. Neugierige und mutige Anatomen, Maler und Bildhauer haben trotz strengster Verbote heimlich seziert und verstießen damit gegen ein ungeheuerliches Tabu. Tote galten schon bei den alten Römern als unantastbar und die Beschäftigung mit menschlichen Leichen als „magieverdächtig“. „Zauberhandlungen mit Leichen“ gehörten zu den schwersten Verbrechen und bedeuteten für jeden „Magier“ unweigerlich den Tod. Selbst Galen, dessen anatomisches Werk bis ins späte Mittelalter dogmatisch als die „Anatomie des menschlichen Körpers“ galt und keinen Widerspruch duldete, sezierte wahrscheinlich keine Menschen. Abgesehen von Beobachtungen, die er bei verletzten Gladiatoren machte, war er gezwungen, aus der Anatomie von Affen und Schweinen auf die des Menschen zu schließen. Ein Umschwung zugunsten der Wissenschaft kam erst um das Jahr 1500, nachdem Papst Sixtus, zumindest halboffiziell, erlaubt hat-te, Körper zu öffnen. Renaissancekünstler wie Leonardo da Vinci, Michelangelo, Dürer und Raffael vertauschten oft den Bleistift oder Pinsel mit dem Skalpell. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sind die anatomischen Zeichnungen Leonardos dem des großen Anatomiereformers Andreas Vesal mehr als ebenbürtig. Möglicherweise haben Leonardos Studien die des Vesal sogar beeinflusst.

Wie ein antikes Amphitheater

Bald war die Anatomie in der Wissenschaft so wichtig, dass man für sie eigene Anatomiesäle in Form von antiken Amphitheatern baute. Parallel mit der Entwicklung der medizinischen Anatomie entwickelte sich auch die Künstleranatomie als unentbehrliches Hilfsfach an den Kunsthochschulen Europas. In Wien ersuchte bereits 1735 der Kammermaler Jacob van Schuppen, Präfekt der 1692 gegründeten und damit ältesten Kunstschule Mitteleuropas, um die Überlassung einer Leiche für Sezierübungen. Ob seiner Bitte entsprochen wurde, ist nicht bekannt. Einer der bedeutendsten Künstleranatomen an der Wiener Akademie war Johann Martin Fischer (1740–1820). Er war kein Mediziner, schuf aber nach der Leiche eines plötzlich verstorbenen Jünglings einen perfekten Muskelmann, der Generationen von Kunststudenten als Lehrbehelf diente und ihm selbst die Ernennung zum Professor der Bildhauerkunst und Anatomie an der Akademie der bildenden Künste in Wien einbrachte. Sein „Muskelmensch“ mit dem erhobenen rechten Arm kann auch heute noch im Foyer der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste in Wien bewundert werden.

Das nach Plänen von Theophil Hansen erbaute Akademiegebäude am Schillerplatz wurde 1877 feierlich eröffnet. Im Konzept des Architekten waren der Anatomiesaal und der diametral im Gebäude gegenüberliegende Aktsaal so etwas wie die Zentren des Hauses. Leben und Tod lagen sich hier symbolisch gegenüber. Der Chirurg Anton von Frisch (1849–1917) war vermutlich der Einzige, der in diesem Hörsaal tatsächlich sezierte. Er war Professor für Anatomie an der Akademie, habilitierte sich für Chirurgie und erhielt 1889 das Primariat der urologischen Abteilung an der Poliklinik in Wien. Frisch war es, der die Urologie als selbständiges Fach an der Medizinischen Fakultät etablierte.

Im Originalzustand erhalten

Die mit Schnitzdekor versehene, noch vollständig vorhandene Möblierung und der Seziertisch aus Marmor im Zentrum des Amphitheaters sind im Originalzustand erhalten. Die Imitationsmalerei an den Bänken und am Podium soll hochwertige Hölzer vortäuschen. Freilegefenster ermöglichen den Blick auf die einst üppige, in pompejanischem Rot gehaltene Wand- und Deckenmalerei. Die Restaurierung dieses historischen Anatomietheaters, eines der letzten Europas, ist geplant. Untersuchungen des Instituts für Konservierung und Restaurierung konnten das Gestaltungskonzept Theophil Hansens rekonstruieren. Erschwerend für die angedachte Restaurierung ist jedoch die Tatsache, dass der Hörsaal noch in Verwendung steht. Zu konservieren und wiederherzustellen ist also „ein verwendungsfähiges Denkmal“, betont Prof. Mag. DI Wolfgang Baatz vom Institut für Konservierung und Restaurierung der Akademie der bildenden Künste, „und knacksen soll es auch nicht mehr.“

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 48 /2011

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