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Patientin mit vermindertem Längenwachstum des Unterkiefers vor und nach Distraktion.

Foto: medcoMMMunications

Prof. DDr. Gert Santler Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Klinikums Wels-Grieskirchen

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Prof. DDr. Werner Millesi Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im KH Hietzing der Stadt

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Doz. DDr. Oliver Ploder Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitären Lehrkrankenhauses Feldkirch

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DDr. Michael Malek Leiter der Abteilung Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie, AKH Linz

 

Fehlbiss mit Folgen

Eine notwendige Kieferkorrektur eliminiert nicht nur die funktionale Störung, sondern verbessert auch das optisch-kosmetische Erscheinungsbild.

Rund 3,2 Millionen Österreicher weisen einen „Fehlbiss“ auf. Mit 99 Prozent bilden zu lange Unterkiefer die Mehrheit der Fehlbildungen. Schwerwiegend wird die Situation, wenn es aufgrund dieser Fehlbildungen zu funktionellen Störungen kommt. Davon sind rund 40.000 Österreicher betroffen. Durch eine entsprechende Korrekturoperation kann ihnen geholfen werden, wie auf einer Pressekonferenz betont wurde.

 

Mögliche Folgen einer Fehlstellung des Kiefers sind beispielsweise Probleme beim Sprechen, Verspannungen der gesamten Gesichts-Nacken-Rückenmuskulatur, Fehlen des Mundschlusses – mit der Folge von erhöhter Kariesanfälligkeit und Parodontitis bzw. Schnarchatmung in der Nacht, chronischen Entzündungen des Halses oder der Lunge auf Grund des Mundatmens, hängenden Lippen oder verschiedensten Kauproblemen, die wiederum zu Störungen im Magen- Darmtrakt führen. Neben der Elimination dieser funktionalen Störung ermöglicht eine Korrektur auch eine erhebliche Verbesserung des optisch-kosmetischen Erscheinungsbildes. Im Falle einer nachweisbaren funktionalen Störung bezahlt die Krankenkasse diese Eingriffe.

Punktgenaue Gesichtsplanung

Grundlage für den Erfolg eines kieferorthopädisch-chirurgischen Eingriffes ist die möglichst perfekte Planung. „War diese früher vielfach mit enormen Kosten verbunden, verfügen wir seit wenigen Monaten in unserem Haus über einen Weg, der höchste technologische Standards zu vertretbaren Kosten kombiniert“, betonte DDr. Michael Malek, Leiter der Abteilung Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie im AKH Linz.

Die Vorbereitung umfasst drei Säulen. Beim Gesichts-Scan werden die Gesichtshälften des Patienten vermessen. Die Computertomografie des Schädels gibt Auskunft über die skelettalen, knöchernen Strukturen und ist Grundlage für ein dreidimensionales Schädelmodell, das im 3D-Drucker reproduziert wird. Hier bietet eine neue Technologie die kostengünstige Erstellung eines solchen Schädelmodells – die Modelle bestehen letztendlich aus Gips und Superkleber. Die dritte Säule ist das herkömmliche Gipsmodell des aktuellen Bissabdruckes, das ebenfalls eingescannt wird. Legt man all diese Daten gleichsam wie drei Bilder übereinander, benötigt man mathematisch-räumliche Referenzpunkte, die bei jeder Aufnahme gleich sind. „Diese Herausforderung haben wir mit der Ping-Pong-Waage gelöst, die bei allen Aufnahmen zum Einsatz kommt und als Referenzinstrument dient“, so Malek.

Knochenchirurgie mit Ultraschall

„Die Piezochirurgie trägt den speziellen Anforderungen der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie in besonderem Ausmaß Rechnung, da mittels Ultraschall Knochengewebe und Zahnhartsubstanz nahezu ohne Druck durchtrennt und das angrenzende Weichgewebe und Blutgefäße maximal geschont werden“, unterstrich Doz. DDr. Oliver Ploder, Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitären Lehrkrankenhauses Feldkirch. Der Vorteil – geringere Gefäßverletzungen – ist mit einer geringeren post-operativen Schwellung, einer schnelleren Wundheilung und einem minimierten Wundinfektionsrisiko verbunden. Die Piezochirurgie kommt auch bei Umstellungsoperationen, in der Implantologie und in der Rekonstruktiven Chirurgie zur Anwendung.

Kieferknochenverlängerung im Jugendalter

40 Prozent der Österreicher weisen einen Fehlbiss auf, jedoch nur bei jedem 100. ist eine Operation notwendig. „Für diese sollte jedoch möglichst das Ende des Wachstums abgewartet werden“, forderte Prof. DDr. Gert Santler, Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Klinikums Wels-Grieskirchen. Bei Männern also das 18. Lebensjahr, bei Frauen etwa ein Jahr früher.

Bei dem Eingriff werden nach einem Kieferknochenschnitt die beiden Kieferteile langsam auseinandergezogen, der dadurch entstehende Spalt füllt sich mit Kallus. Diese „Distraktion“ zieht den Kallus immer weiter auseinander und sorgt für ein längenadäquates Knochenneugewebe, das sich in der Folge in stabilen Knochen umwandelt. Durch die Anwendung neuer, kleiner Kallusdistraktoren, die versteckt unter der Haut direkt am Knochen fixiert werden, können äußere Narben vermieden werden. Ist die gewünschte Länge erreicht, dauert es etwa drei Monate, bis der Knochen voll belastbar ist. Dann kann der Fixateur endgültig entfernt werden.

Santler präsentierte den Fall einer Patienten, deren maximale Mundöffnung 2 mm betrug. Zugrunde lag eine Verwachsung des Kiefergelenks, die – im Ausland frustran operiert – zu einem verminderten Längenwachstum des Unterkiefers führte. Im ersten Schritt wurde das Kiefergelenk rekonstruiert. Damit betrug die Mundöffnung 47mm. In der zweiten Operation wurden der Unterkiefer beidseits um 23 mm verlängert.

Innovationen in der Implantologie

Eine weitere Indikation der Piezochirurgie stellt die Implantologie dar, beispielsweise zum Knochenaufbau bei mangelhafter Dicke und Struktur des Kieferknochens. „Der entscheidende Punkt des Verfahrens ist dabei die Schonung der Weichteile wie beispielsweise die empfindliche Sinusschleimhaut, damit Nerven oder Gefäße dabei nicht verletzt werden können“, hob Prof. DDr. Werner Millesi, Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im KH Hietzing der Stadt Wien, hervor.

Die Kallusdistraktion kann des Weiteren zur Verbesserung des Höhen/Dickenwachstum des Kieferkammes eingesetzt werden und auch die 3 D Navigation kommt in der Implantologie zur Anwendung.

 

Quelle: Pressekonferenz „Kieferchirurgie - Neueste technologische Fortschritte“, 27. Jänner 2011, Wien

Von Dr. Friederike Hörandl, Ärzte Woche 7 /2011

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