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APA-Artikel 16. August 2016

Expertin rät zur Vorsicht 2 - "Feuer am Dach" bei OP-Notwendigkeit

Schon das Sturzrisiko beträgt pro Jahr für über 65-Jährige bis zu 40 Prozent. Die Hälfte der Betroffenen benötigt dann eine medizinische Versorgung, zum Beispiel einen akuten chirurgischen Eingriff. Das ist aber unter Blutverdünnung mit einem starken Blutungsrisiko behaftet.

"Dabei darf man diese Gefährdung nicht als ein Problem ausschließlich von schwer gebrechlichen und hoch betagten Menschen ansehen. Es landete zum Beispiel schon ein 65-Jähriger mit blutverdünnender Behandlung nach einem Paraglider-Unfall auf dem Operationstisch", erzählte die Wiener Intensivmedizinerin Sibylle Kozek-Langenecker. Da ist dann buchstäblich Feuer am Dach, wenn die Betroffenen unter Antikoagulans-Therapie stehen.

Es gibt bereits mehrere der neuen NOAK-Medikamente. Allerdings existiert nur bei einem - mit dem Wirkstoff Dabigatran - seit kurzem ein von den Arzneimittelbehörden zugelassenes Gegenmittel (Antidot). Es handelt sich dabei um ein monoklonales Antikörper-Konstrukt (Idarucizumab), das als Infusion verabreicht wird und die Hemmung der Blutgerinnung durch Dabigatran praktisch sofort nach der Verabreichung aufhebt.

"Das ist wie das Drücken eines Lichtschalters. Gegenmittel zu den anderen bereits erhältlichen NOAKs befinden sich hingegen erst in Entwicklung", sagte die Intensivmedizinerin, die dazu auch über den Österreichischen Herzverband informiert hat. Das Anliegen der Expertin ist es, Patienten und Ärzte darüber aufzuklären, dass man schon bei Wahl der Mittel zur Blutverdünnung vorsichtig sein sollte. Die Verfügbarkeit eines Gegenmittels für den seltenen Akutfall mit der Notwendigkeit einer dringenden Operation sollte berücksichtigt werden, wenn man nicht zwei bis fünf Tage warten kann, bis eben die Wirkung der Mittel nachgelassen hat. Einzurechnen sei auch, dass sich der Wirkspiegel von Dabigatran bei Personen mit Nierenfunktionsstörungen erhöhen könne. Zwar lässt sich die Wirkung von Marcoumar zum Beispiel auch mit Vitamin K und der Gabe und von Gerinnungsfaktor-Konzentraten aufheben, aber das ist oft mit möglichen Komplikationen verbunden, etwa durch die Bildung von Gerinnseln bis hin zu Gefäßverschlüssen, Lungeninfarkt, Schlaganfall.

Laut Sibylle Kozek-Langenecker müsste eigentlich jedes Krankenhaus in Österreich das Dabigatran-Antidot vorrätig halten. "Seit der Zulassung Ende 2015 ist es bereits in etwa 120 von 160 Krankenhäusern verfügbar", sagte sie. Das Mittel sei relativ kostspielig. "Aber die Kosten für die Intensivstation, in welcher ein Operierter mit Blutung länger bleiben muss, sind noch höher", betonte sie. Und noch eine dringende Bitte äußerte die Expertin: "Alle Menschen mit Blutverdünnungs-Therapie sollten immer den entsprechenden Ausweis bei sich tragen." Sonst weiß niemand im Ernstfall, wie es um die Blutgerinnungssituation des Einzelnen stehen könnte.

apa.at

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