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APA-Artikel 29. Juni 2016

D: Steigende Haftpflichtprämien bringen Hebammen in Nöte

Eine Geburt ist mit Risiken verbunden. Dagegen müssen sich Hebammen absichern. Doch die Berufshaftpflichtversicherung wird immer teurer. Das bringt Hebammen in Not.

Viele der rund 23 000 Hebammen in Deutschland sehen sich in ihrer Existenz bedroht, weil sie die hohen Versicherungsprämien für ihre Berufshaftpflicht kaum noch zahlen können. "Die Prämien werden weiter steigen", sagte die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands, Martina Klenk, der Deutschen Presse-Agentur in Karlsruhe. Die nächste Erhöhung kommt am Freitag (1. Juli).

Notwendig ist aus Sicht des Verbandes eine "grundsätzliche Lösung", die alle in der Geburtshilfe Tätigen einschließt, auch Gynäkologen. Dies könne entweder über die gesetzliche Unfallversicherung geregelt werden, in die alle einzahlen und aus der Geschädigte Geld bekommen, sagte Klenk. Oder es müsse ein steuerfinanzierter Haftungsfonds kommen, aus dem Geschädigte im Notfall Geld bekommen.

Am Freitag steigt die Versicherungsprämie von derzeit 6274 auf 6843 Euro im Jahr, 2017 soll sie dem Verband zufolge gar auf 7639 Euro erhöht werden. Allein von der Prämie ab Juli müssten Hebammen mindestens 1954 Euro selbst stemmen - trotz des mit den Kassen ausgehandelten Sicherstellungszuschlags, nach dem die Hebammen einen Teil des Geldes wieder zurückbekommen sollen. Den nach langem Streit erzielten Ausgleich bewertet der Hebammenverband nur als Tropfen auf den heißen Stein.

"Das ist keine Lösung", sagte Klenk - nicht nur vor dem Hintergrund, dass der Ausgleich verspätet und nur unter bestimmten Bedingungen ausbezahlt werde. Denn die Prämien werden nach ihrer Prognose immer weiter steigen. "Und das nicht, weil wir schlampig arbeiten oder mehr Fehler machen." Hintergrund seien steigende Kosten, denn durch die medizinischen Möglichkeiten lebten Menschen mit Geburtsfehler länger.

In der Geburtshilfe entstehen verhältnismäßig wenig Schäden, dafür aber sehr große. Nach Angaben des Verbandes der Deutschen Versicherer GDV machen Schäden mit mehr als 100 000 Euro Leistungsumfang bei Hebammen mehr als 90 Prozent des gesamten Schadenvolumens aus. Ist ein Kind durch einen Geburtsfehler schwer geschädigt, leistet der Versicherer im Schnitt laut GDV heute 2,6 Millionen Euro. Von 2003 bis 2012 seien die Ausgaben für schwere Geburtsschäden um fast 80 Prozent gestiegen.

Weil Hebammen sich die laufenden Kostensteigerungen nicht mehr leisten könnten, geben sie Klenk zufolge seit Jahren "reihenweise" die risikoreiche Geburtshilfe auf - mit Folgen für Schwangere und junge Mütter. "Es droht eine dramatische Unterversorgung in der Geburtshilfe und in der Wochenbettbetreuung."

"Wir haben schon jetzt massive Versorgungsengpässe in Kliniken, die mit freiberuflichen Beleghebammen arbeiten, bei Hausgeburten und in Geburtshäusern", sagte Klenk. "In Großstädten wie auf dem Land." So habe erst vor kurzem das Geburtshaus Fulda geschlossen. Eine Reihe von Geburtshäusern biete nur noch Schwangerenvorsorge, Wochenbettbetreuung und Rückbildungsgymnastik an.

1991 gab es in Deutschland nach Angaben von Klenk noch 1186 Kliniken mit Geburtshilfe, 2010 waren es noch 807 und 2014 nur noch 725. Dies habe mit den Finanznöten der Kliniken zu tun, aber auch damit, dass es schlicht zu wenig Hebammen gebe. Sechs Hebammen, die für einen Schichtbetrieb nötig seien, gebe es oft nicht.

Grundsätzlich muss bei jeder Geburt eine Hebamme dabei sein. Die meisten Babys kommen im Krankenhaus zur Welt. Nur wenige Frauen entscheiden sich für eine Geburt außerhalb eines Krankenhauses, etwa in einem Geburtshaus oder zu Hause.

Von den rund 717 565 Kindern, die 2014 zur Welt kamen, wurden nur 11 391 nicht im Krankenhaus geboren. 147 352 Kinder - jedes fünfte Baby - wurden 2014 mit Hilfe einer freiberuflichen Hebamme geboren - in der Klinik, im Geburtshaus oder zu Hause.

apa.at

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