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APA-Artikel 19. April 2016

"Bevor ich jetzt gehe": US-Arzt beschreibt seinen Kampf gegen Krebs

Als Neurochirurg hat er viele Menschen an Tumoren sterben sehen. Nun stirbt er selbst. Wie durchlebt ein Arzt eine Krebsdiagnose, Therapien, Rückschläge? Ein junger US-Mediziner erzählt davon in einem Buch - dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte.

Schock, Angst, schließlich ein Abfinden: Nach einer Krebsdiagnose durchlaufen Menschen oft verschiedene Gefühlsphasen. An seinen Gedanken, seinem Hoffen und letztlich der Kapitulation lässt ein junger Arzt in seinem Buch "Bevor ich jetzt gehe" teilhaben. Paul Kalanithi starb am 9. März 2015 mit 37 Jahren - in einem Krankenbett kaum 200 Meter entfernt von der Entbindungsstation, auf der acht Monate zuvor seine Tochter geboren wurde. Seine Frau Lucy kümmerte sich um die von ihm sehnlich gewünschte Veröffentlichung.

In den USA gelangte das Buch an die Spitze der "New York Times"-Bestseller-Liste, nun liegt es in deutscher Übersetzung vor. "Erleben Sie, wie Mut klingt, wie tapfer es ist, sich auf diese Weise zu offenbaren", schreibt der Arzt und Autor Abraham Verghese im Vorwort des Berichts. Nach einem ausführlichen Prolog schildert Kalanithi im ersten Teil des Buches seinen Werdegang und seine Arbeit als Arzt, im zweiten sein Leben als Patient und Familienvater.

Ehrgeizig und karriereorientiert wirkt Kalanithi in dem Bericht. Er hat wahnsinnig viel gearbeitet - und wird nun nie die Lorbeeren dieses Fleißes ernten. Krebs hat sich in seiner Lunge ausgebreitet, die Prognose ist düster. Kalanithi entscheidet sich mit seiner Frau dafür, ein gemeinsames Kind entstehen zu lassen, obwohl die Ehe bis zur Diagnose kriselte. Er durchlebt nun selbst, was er als Neurochirurg zuvor viele Male bei seinen Patienten erlebt hat - und schreibt es auf.

Kalanithi erzählt, wie er lange nach den ersten Symptomen einem Freund anvertraut: "Ich glaube, ich habe Krebs, Mike. Und nicht von der guten Art." Ein großer Schritt nach wochenlanger Grübelei. "Zum ersten Mal hatte ich es ausgesprochen." Er beschreibt, wie es war, zur Abklärung des Verdachts in "seine" Klinik zu kommen. "Ich bekam das Plastikarmband, das alle Patienten tragen, zog den vertrauten hellblauen Patientenkittel an und ging, vorbei an Schwestern, die ich mit Namen kannte, in ein Zimmer - das Zimmer, in dem ich im Lauf der Jahre mit Hunderten Patienten gesprochen hatte."

Aus seinen ersten Jahren als Arzt erzählt er, davon, dass die erste erlebte Geburt gleichzeitig der erste erlebte Tod war. Viele Notfallpatienten habe er betreut - nach Selbstmordversuchen, Schießereien, Kneipenschlägereien, Verkehrsunfällen. "Mitunter war das Gewicht der Situation spürbar. Anspannung und Leid lagen in der Luft." Mit einem Kollegen aus der Unfallchirurgie habe er einmal gescherzt: "Nun, der Mann könnte immer noch Senator werden, aber nur von einem kleinen Staat". Diese Art des Vergleiches für den Schweregrad einer Kopfverletzung habe sich dann eingebürgert im Team.

Kalanithi beschreibt, wie er umgeben von trauernden Angehörigen eines bei der Not-OP Verstorbenen das Mittagsbrötchen wieder aufklaubt und mitnimmt, das er nach dem Notfallruf abgelegt hatte. Und er erklärt, was winzige Fehler bei einer Hirn-Op für den Patienten bedeuten können. Nicht Beruf ist sein Job für ihn, sondern Berufung, das wird immer wieder deutlich. Mit dem Krebs im Körper sei es zunehmend schwerer geworden, die täglichen Dauer-Schichten durchzuhalten.

"Mit der körperlichen Schwächung brachen die Träume und meine Identität in sich zusammen, ich steckte im selben existenziellen Dilemma wie sonst meine Patienten", schreibt Kalanithi. "Der Tod, der mir bei der Arbeit so vertraut gewesen war, besuchte mich jetzt persönlich." An seinem letzten Tag als Arzt in der Klinik eilt ein nichtsahnender Kollege auf dem Weg zum Parkplatz auf ihn zu, dreht dann aber wegen seines piepsenden Pagers mit einem "Wir sprechen uns später" ab. "Im Wagen kamen mir die Tränen, während ich langsam ausparkte."

Zeit sei für einen Krebspatienten etwas Zweischneidiges, erklärt Kalanithi. Naheliegende Reaktion auf das Wissen um den baldigen Tod sei, sich in Aktivität zu stürzen, das verbleibende Leben voll auszukosten, zu reisen, alles zu erledigen, was man schon immer tun wollte. "Doch eine der grausamen Begleiterscheinungen von Krebs ist nicht nur, dass er die Zeit begrenzt, sondern auch die Energie, und damit reduziert er das Pensum, das man in einen Tag pressen kann, beträchtlich", schreibt er. "An manchen Tagen lebe ich lediglich weiter."

Letztlich sei Paul doch viel eher gestorben als für sie beide vorstellbar, schreibt seine Frau im Nachwort. Sein Krebs sei resistent geworden, als die Tochter mit fünf Monaten ihr erstes Weihnachten feierte. "Dieses Buch ist in gewisser Weise unvollendet, abgebrochen durch die rapide Verschlechterung von Pauls Zustand, doch dies gehört ganz wesentlich dazu, es ist die Wirklichkeit dessen, was Paul durchmachte."

"Bevor ich jetzt gehe" ist ein berührendes Buch, allein schon, weil es ein so junger Mensch ist, der aus dem Leben geht. Spürbar ist auch, dass es ein Konstrukt ist, kein fertiges Ganzes. Immer wieder wird deutlich, wie sehr Paul Kalanithi mit seinem Schicksal hadert, auch wenn er diese Reaktion zu unterdrücken sucht. Wie sehr er dabei schlingert, den richtigen Weg für den kleinen Rest seines Lebens zu finden. "Er hat einen großen Teil seines Lebens mit der Frage gerungen, wie man ein sinnvolles Leben führt", schreibt Kalanithis Frau Lucy auf den letzten Seiten. Das Schreiben des Buches dürfte Teil dieses Ringens gewesen sein.

apa.at

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