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APA-Artikel 18. April 2016

Schweiz: Embryountersuchung für Befürworter ein Gebot der Menschlichkeit

Die Befürworter der Präimplantationsdiagnostik werben für die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes, über die am 5. Juni abgestimmt wird. Ihnen geht es um das Wohl der betroffenen Paare und die Gesundheit der Kinder.

Eine optimale Behandlung für Paare mit Kinderwunsch sei nur mit der vorgesehenen Gesetzesänderung möglich, argumentiert das Komitee "Nochmals Ja zu einer fortschrittlichen Fortpflanzungsmedizin". In diesem sind alle Bundeshausfraktionen vertreten.

Der Name des Komitees verweist auf die erste Abstimmung zur Präimplantationsdiagnostik (PID): Am 14. Juni 2015 sagten Volk und Stände deutlich Ja zu einer Verfassungsänderung, welche die medizinische Voraussetzung für die Untersuchung von Embryos im Reagenzglas schafft. Nun geht es um die Änderung des Gesetzes, mit der das geltende PID-Verbot aufgehoben werden soll.

Heute dürfen die Untersuchungen erst während der Schwangerschaft durchgeführt werden. Die Paare müssen dann entscheiden, ob sie die Schwangerschaft abbrechen. Das führe zu einer "Schwangerschaft auf Probe" und zu einer weiteren künstlichen Befruchtung, sagte der Tessiner FDP-Nationalrat Ignazio Cassis am Montag vor den Bundeshausmedien. "Das ist in meinen Augen unmenschlich".

Wird das Fortpflanzungsmedizingesetz geändert, kann der Embryo schon vor der Einpflanzung in den Mutterleib untersucht werden. Nach Ansicht von Ruth Humbel (CVP/AG) ist die Vorverschiebung der Tests richtig: Je entwickelter ein Embryo sei, umso schützenswerter sei er, argumentiert sie.

Umstritten ist allerdings nicht nur die Aufhebung des geltenden PID-Verbots. Die Debatte drehte sich von Anfang an auch um die Frage, welche Tests erlaubt sein sollen. Der Bundesrat schlug ursprünglich eine zurückhaltende Regelung vor: Er wollte die PID nur jenen Paaren erlauben, die Träger schwerer Erbkrankheiten sind. Mit der Untersuchung vor der Einpflanzung in den Mutterleib kann ein Embryo ausgewählt werden, der nicht von der Erbkrankheit betroffen ist.

Das Parlament ging jedoch weiter: Die PID soll allen Paaren offen stehen, die ohne künstliche Befruchtung keine Kinder bekommen können. Bei diesen Paaren können die Embryonen auf bestimmte genetische Eigenschaften hin untersucht werden, etwa auf Chromosomenanomalien, zu welchen auch das Down-Syndrom (Trisomie 21) gehört. Davon würden rund 6000 Paare pro Jahr profitieren. In der Version des Bundesrats wären es 50 bis 100 gewesen.

Nach Ansicht der Gegner ist die Medizin damit auf dem Weg zur Eugenik. Mit den Untersuchungen werde zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben unterschieden, argumentieren sie. Mit der Zulassung der PID nehme der Druck auf die Eltern zu, solche Tests durchzuführen. Behinderte Menschen würden stigmatisiert.

Humbel bezeichnete das als "Angtsmacherei". Designer- und Retterbabys seien weiterhin verboten. Die Auswahl von Augen- oder Haarfarbe und anderer Eigenschaften sei unzulässig. Es gehe einzig um die Gleichstellung mit der Pränataldiagnostik, sagte sie. Heute seien Test vor der Einpflanzung des Embryos in den Mutterleib verboten. Danach seien sie aber bis zur 11. Schwangerschaftswoche zulässig. Für Humbel ist das "ethisch nicht einleuchtend".

Hingegen hat das Parlament nach Ansicht der Befürworter mit der Gesetzesänderung "strikte moralische und ethische Grenzen" eingehalten. Der Berner BDP-Präsident Enea Martinelli erinnerte auch an die Stellungnahme der nationalen Ethikkommission, die die Gesetzesänderung mehrheitlich befürwortet hat.

Ein weiteres Argument ist der so genannte PID-Tourismus. Die Schweiz habe heute neben Litauen das restriktivste Gesetz aller europäischen Länder, sagte Cassis. Dadurch wichen betroffene Paare in Länder aus, in welchen die Untersuchung von Embryos erlaubt sei. Dort würden sie aber oft nicht optimal behandelt, was zu Komplikationen führen könne.

Mit PID könnten insbesondere die Mütter vor seelischer und körperlicher Belastung geschützt werden, sagte der Zürcher Fortpflanzungsmediziner Bruno Imthurn. Die Behandlungsdauer sei kürzer, es drohten weniger risikoreiche Mehrlingsschwangerschaften. Ein Nein zur Vorlage würde der Schweiz zudem einen kaum einholbaren wissenschaftlichen Rückstand eintragen.

Das Ja zur PID fällt aber nicht allen Befürwortern leicht. Es brauche eine Abwägung, sagte die Zürcher SP-Kantonsrätin Min Li Marti. Für sie sei ausschlaggebend, dass mit der PID das Leid von Paaren, die Träger einer schweren Erbkrankheit seien, etwas gemildert werden könne. Das gleiche gelte für jene Paare, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können.

SP und die Grünen haben Stimmfreigabe beschlossen. Wie wenig die Frage mit Parteipolitik zu tun hat, zeigt sich an der breiten Zusammensetzung der Komitees: Während bei den Befürwortern alle Fraktionen vertreten sind, fehlen bei den Gegnern nur FDP und GLP.

apa.at

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