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APA-Artikel 7. April 2016

Ökonomie und Effizienz im Krankenhaus: Königsweg, Irrweg, Scheideweg.

Können Spitäler mit den gleichen wirtschaftlichen Kriterien geführt und gemessen werden wie andere Wirtschaftsbereiche? Experten diskutierten darüber beim 13. Forum Hospital Management in Wien.

"Den menschlichen Weg in der Medizin nicht aus den Augen zu verlieren" und "Effizienz darf nicht zur Abschaffung des Menschlichen führen". So lautete der Grundtenor der Vortragenden beim 13. Forum Hospital Management, das gestern, 6. April 2016, im Studio 44 der Wiener Lotterien, stattgefunden hat. Ökonomen und Mediziner diskutierten auf Einladung von AKH Wien, Vinzenz Gruppe und WU Executive Academy beim Forum Hospital Management über das Thema Effizienz und Ökonomisierung im Krankenhaus.

"Ökonomisierung und Effizienz sind in einem Krankenhaus kein Widerspruch. Wir werden keinesfalls ökonomische Interessen über die Medizin stellen. Gute Medizin und Pflege sind aber nur möglich, wenn es eine gute ökonomische Basis gibt", sagte AKH-Direktor Dipl.-Ing. Herwig Wetzlinger in seinem Eröffnungsstatement.

Wir wollen den Ökonomisierungs-Stier bei den Hörnern packen", erklärte Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe. "Derzeit erleben wir intensive Debatten über die künftige Gestaltung unseres Gesundheitswesens. Die Diskussionen werden vor allem aus ökonomischem Blickwinkel geführt", so Heinisch. Während die einen in den Modellen der Primärversorgung eine sinnvolle Weiterentwicklung für Patienten sehen, befürchten andere dahinter einen großkapitalistischen Angriff auf Ordinationen. Es finden zurzeit Konzentrationen und Fusionen in der Spitalslandschaft statt. "Das sind Begriffe, die wir nur aus der Wirtschaft kennen. Wir haben es in Oberösterreich selber auch getan. Fusionen sind nichts Böses, sondern hervorragend, wenn man Kompetenzen bündelt."

Ao. Univ.-Prof. Johannes Steyrer in seinen einleitenden Worten: "Der Triumphzug des freien Marktes scheint ,unstoppable'. Die Schere zwischen Arm und Reich geht dabei immer weiter auf." Er wies auf das Dilemma unseres Gesundheitswesens hin: "Es ist effektiv, aber nicht effizient." Das Gesundheitssystem sei in Österreich nach wie vor ein Ort der Fairness. "Wir müssen im Gesundheitssystem die richtige Beziehung zwischen Markt und Heilung und zwischen Geld und Gerechtigkeit finden", fordert Steyrer. Effizienz diene dazu, Ziele zu erreichen. "Wenn aber Effizienz das Ziel aus den Augen verliert, dann bekommen wir ein Problem", sagte Steyrer.

Zahlreiche Gastreferenten näherten sich dem Thema des heurigen Forum Hospital Managements von verschiedenen Seiten. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Vortrag von Gastreferent Prof. Dr. Giovanni Maio, deutscher Mediziner und Philosoph vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg. "Wir können uns kein Missmanagement leisten. Wir müssen im Interesse der Beitragszahler einen guten finanziellen Einsatz garantieren. Gerade deswegen müsse man heute dafür kämpfen, dass in der Medizin keine industriellen Werte sondern Beziehungswerte vorherrschen. Der Medizinethiker kritisiert besonders das Diktat der Zeitökonomie. Maio: "Wenn sich heute Ärzte oder Pflegende Zeit für Patienten nehmen, geraten sie schnell in den Verdacht der Verschwendung." Menschen in Heilberufen seien aber nicht dazu angetreten, das Notwendigste zu tun. Gute Medizin werde damit verunmöglicht: "Wer krank ist, braucht nicht nur eine Reparatur sondern auch Einfühlsamkeit."

In die gleiche Kerbe schlug Fred Luks, Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien: "Effizienz kann, wenn sie sich vom Mittel zum handlungsleitenden Ziel wandelt, zu Nicht-Nachhaltigkeit, Dummheit und Krankheit beitragen", so seine provokante Hypothese. "Wenn Mittel zur Erreichung bestimmter Ziele knapp sind, ist der effiziente Umgang mit diesen Mitteln eine rationale Strategie. Wenn man besser versorgte Patientinnen und Patienten will, ist es sinnvoll, die für Gesundheit zur Verfügung stehenden Mittel effizient einzusetzen. Problematisch wird Effizienz dann, wenn Augenmaß und angemessene Mittelverwendung verdrängt werden - wenn Effizienzorientierung als Effizienzverbissenheit aus dem Ruder läuft."

Dr. Thomas Czypionka, Forschungsleiter des IHS, präsentierte einen europäischen Vergleich der Trägerstrukturen, Dr. Stefan Dorner, Stv. Leiter des Geschäftsbereichs Medizinmanagement und Sofortmaßnahmen im KAV Wien, sprach über sinnvolle Maßnahmen zur Verkürzung der Verweildauer der Patienten.

Univ. Prof. Dr. Gabriela Verena Kornek, Ärztliche Direktorin AKH Universitätscampus , berichtete über die Herausforderung einen humanistischen Weg zwischen Wirksamkeit und Finanzierbarkeit onkologischer Medikationen zu finden. Dr. Stephan Schulmeister, Mitarbeiter beim österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts, zeigte die Grundprinzipien von Sozialstaatlichkeit auf, insbesondere jene der solidarischen Absicherung gegen Grundrisiken des Lebens wie Krankheit, Unfall, Behinderung, Armut im Alter und Arbeitslosigkeit.

Mag. Anna Parr, Geschäftsleiterin der Vinzenz Gruppe, Dr. Wolfgang Mückstein, Arzt für Allgemeinmedizin und Christoph Sauermann, Geschäftsführer von Mediclass stellten drei verschiedene Modelle einer leicht zugänglichen regionalen Patientenversorgung vor.

Vorträge des 13. Forum Hospital Management gibt es zum Download hier.

apa.at

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