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APA-Artikel 15. März 2016

Dickdarmkrebs: Jährlich viele Todesfälle in Österreich verhinderbar

Pro Jahr erkranken in Österreich rund 5.000 Menschen an Dickdarmkrebs. Die meisten dieser Erkrankungen könnten verhindert oder bei Entdeckung im Frühstadium geheilt werden. In Vorarlberg hat man damit sehr gute Erfolge erzielt. Das belegt eine Studie, welche die Österreichische Ärztekammer am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien vorstellte. In Österreich fehlt eine flächendeckende Vorsorge.

Zwischen Februar 2007 und Dezember 2015 wurde im Rahmen des Vorarlberger Programms bei 30.501 Menschen im Alter ab 50 eine qualitätsgesicherte Vorsorge-Kolosopie durchgeführt. "Wir haben in diesem Zeitraum mehr als 26 Prozent der infrage kommenden Zielgruppe erreicht. Vor Einführung des Programms war jeder zweite diagnostizierte Dickdarmkrebsfall bereits im metastasierten Stadium. Die Sterblichkeitsrate lag bei 50 Prozent. Nun werden nur noch 8,7 Prozent der Fälle im metastasierten Stadium diagnostiziert. (...) Die Sterblichkeit sank innerhalb von fünf Jahren von 50 Prozent auf 40 Prozent", sagte Michael Jonas, Präsident der Vorarlberger Ärztekammer und Gastroenterologe. Mit einem flächendeckenden Dickdarmkrebsvorsorge- bzw. Früherkennungsprogramm müssten theoretisch jährlich Hunderte Todesfälle in Österreich vermeidbar sein.

Dahinter steckt das Faktum, dass sich die meisten Dickdarmkarzinome über viele Jahre hinweg langsam aus gutartigen Darmpolypen entwickeln. Die österreichischen Empfehlungen lauten auf eine Vorsorgekoloskopie ab dem Alter von 50 Jahren alle sieben bis zehn Jahre. Damit könnten gutartige Darmpolypen rechtzeitig entdeckt und zumeist im Rahmen der Darmspiegelung auch einfach ohne operativen Eingriff entfernt werden. Wird ein Karzinom im frühen Stadium entdeckt, ist die Heilungschance hoch. Hat der Tumor bereits Fernmetastasen gesetzt, ist die Krankheit damit in den meisten Fällen unheilbar.

Das hat Leid und Kosten zur Folge. Jonas sagte dazu: "Die Behandlung eines Patienten mit metastasiertem Darmkrebs kostet im Durchschnitt 235.700 Euro." Im Rahmen des Programms in Vorarlberg wurde eine volkswirtschaftliche Rechnung über Nutzen und Kosten eines österreichweiten Koloskopie-Programms durchgeführt. Insgesamt könnte ein solches Projekt demnach innerhalb von zehn Jahren zu volkswirtschaftlichen Einsparungen von 4,5 Milliarden Euro führen, davon wären allein 27 Prozent Einsparungen für Aufwendungen im Gesundheitswesen (810 Millionen bis 1,2 Milliarden Euro). In Österreich lag die Beteiligungsrate an den Koloskopieuntersuchungen laut dem Vorarlberger Ärztekammerpräsident zwischen 2007 und 2015 nur bei 6,7 Prozent (Vorarlberg: 26,2 Prozent).

"Nach zehn Jahren könnte in Österreich die Krankheitshäufigkeit von Patienten mit der Diagnose Darmkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium um fast 1.600 verringert werden", sagte Jonas. Im zehnten Jahr eines solchen Programms würden die Kosten für ein flächendeckendes Damkrebsvorsorge-/Früherkennungsprogramm bei 33 Millionen Euro liegen. Hinzu kämen noch 25 Millionen Euro für notwendige Folgeuntersuchungen.

Der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, Johannes Steinhart, äußerte bei der Pressekonferenz massive Kritik an Defiziten im Bereich der Vorsorge- und Früherkennungsmedizin. Grundsätzlich sollten diese Aktivitäten zu den wichtigsten Fortschritten für mehr Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen gehören. "Man kann mit einer Diagnose im Frühstadium bei Krankheiten mit relativ geringen Mitteln eine Heilung erreichen." Man erspare den Betroffenen "vieles an persönlichem Leid". Für die Volkswirtschaft bedeute das zusätzlich einen Gewinn.

Steinhart ortete auf mehreren Ebenen Defizite und Stagnation: "Seit sechs Jahren haben wir einen Stillstand bei den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen. Das ist besorgniserregend." Das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm funktioniere nicht optimal: "Prinzipiell sehr gut gemeint, in der Realisierung nicht ganz laufend. Wir haben punktuelle Rückgänge (bei der Zahl der Mammografie-Untersuchungen; Anm.) von 40 Prozent, im Durchschnitt um 15 Prozent pro Jahr." Das reine Einladungsprogramm für die Frauen per Brief sei "gescheitert". Und schließlich sei es in jedem Fall besser, wenn man Krebserkrankungen früher entdecke. Die Honorierung für die ärztliche Beratung sei hier mangelhaft. "Wir haben da notorisch Baustellen."

apa.at

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