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APA-Artikel 8. März 2016

Apothekertagung: Reisemediziner - Medien übertreiben Epidemiegefahr

Regelmäßig machen Krankheitsausbrüche weltweit Medienschlagzeilen: von der Geflügelpest bis zu Ebola und dem Zika-Virus. Für den Wiener Reise- und Tropenmediziner Herwig Kollaritsch steckt dahinter mediale Übertreibung. Das gelte auch für eine angebliche TBC-Gefahr durch Flüchtlinge, sagte er am Dienstag bei der Fortbildungstagung der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming (Steiermark).

"Es ist augenblicklich das mediale Interesse, das aus medizinischen Mücken einen medialen Elefanten macht. Hier liegt eine völlige Unverhältnismäßigkeit vor", sagte Kollaritsch im Rahmen seines "Reisemedizinischen Update" bei der Tagung (bis 10. März).

Ein klassisches Beispiel sei dafür Ebola gewesen. "Das war eine Drei-Länder-Epidemie. Alle haben gesagt, dass es keinen Impfstoff gebe und das so weiter gehen werde", betonte der Experte. Stattdessen hätte man mit den klassischen Anti-Seuchen-Maßnahmen durch das Auffinden von Erkrankungsfällen, Quarantänemaßnahmen und der Behandlung der Betroffenen die ausschließlich in Westafrika existente Epidemie wieder zum Verschwinden gebracht. Im Rahmen der 2014/2015 aufgetretenen Epidemie wurden in Westafrika fast 21.000 Fälle registriert. Etwa 8.200 Menschen starben. Abgesehen davon gab es weltweit nur wenige Fälle einer Verschleppung der Infektion in andere Staaten.

Mittlerweile sind die Arbeiten zur Entwicklung einer Ebola-Impfung weit fortgeschritten. Mit einer der beiden Kandidatvakzine konnte laut Kollaritsch eine fast hundertprozentige Effektivität erzielt werden. Zwar sei noch unklar, wie lange der Impfschutz nach einer Immunisierung anhalte, doch selbst wenn die Vakzine nur relativ kurz wirke, werde man damit eine neue Epidemie mit massiver Weiterverbreitung der Infektion unterbrechen können.

Rasch ausgebreitet hat sich vor allem in Mittel- und Südamerika das Zika-Virus. Am 4. März seien dort bereits 41 Staaten betroffen gewesen. Doch hier sei nicht die Erkrankung für den Betroffenen selbst, sondern die Missbildungsrate bei Ungeborenen nach der Infektion von Schwangeren das offensichtlich größte Problem. "In 60 bis 80 Prozent verläuft die Erkrankung asymptomatisch, beim Rest ist es eine milde, fieberhafte und selbstlimitierende Erkrankung", sagte Kollaritsch. Iin einer vor wenigen Tagen im New England Journal of Medicine erschienenen Studie werde die Missbildungsrate mit 18 Prozent angegeben. Das Risiko ist nach einer Röteln-Infektion in der Frühschwangerschaft mit 70 Prozent deutlich höher.

Vorsicht ist auf jeden Fall angebracht. "Der Nachweis des Kausalzusammenhangs zwischen der Mikrozephalie bei Neugeborenen und dem Zika-Virus ist vor allem aus den USA erbracht worden", sagte Kollaritsch. Schwangere Reisende hätten in den betroffenen Regionen derzeit eigentlich "nichts zu suchen". "Epidemiologisch relevant ist die Übertragung (des Zika-Virus; Anm.) durch Stechmücken. Alles andere ist Unfug", stellte der Experte fest. In seltenen Fällen könne es aber auch zu sexueller Übertragung kommen.

Übertrieben sind laut dem Reise- und Tropenmediziner mit jahrzehntelanger Erfahrung auch die immer wieder in Politik und Medien auftauchende "Seuchengefahr" durch Flüchtlinge. "Nach allem, was man bisher gesehen hat, stellt der Flüchtlingsstrom eine weit geringere epidemiologische Bedrohung dar, als es in den Medien dargestellt wird. Natürlich sehen wir aber Einzelfälle von Infektionen."

Das gelte auch für die angebliche Tuberkulosegefahr. "Das ist überhaupt der große Unfug", sagte Kollartisch. Im Vergleich zum Status vor und während der aktuellen Entwicklung habe man keine Veränderungen in der Zahl der Tuberkuloseerkrankungen gesehen. "Syrien gehört beispielsweise auch nicht zu den Ländern, wo die TB so dominant ist." Die Tuberkulose sei auch nicht so leicht übertragbar.

apa.at

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