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APA-Artikel 7. März 2016

Apothekertagung: Gentest auf Arzneimittelstoffwechsel 1

Für die Zukunft zeichnet sich eine Revolution im Medikationsmanagement ab. In den Apotheken könnte den Kunden ein einfacher Gentest angeboten werden, mit dem eine Prognose über Wirksamkeit, Unwirksamkeit, Verträglichkeit bzw. Unverträglichkeit von Arzneimitteln möglich wird, hieß es am Montag bei der Fortbildungstagung der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming (Steiermark).

"Stratipharm" heißt das System, das in einzelnen Apotheken bereits kostenpflichtig angeboten wird. Es wurde in Deutschland als Ergänzung zum herkömmlichen Medikationsmanagement zur Optimierung der Arzneimitteltherapie entwickelt. Der Patient geht in eine teilnehmende Apotheke und erhält dort ein Kit für die Entnahme eines Abstrichs von der Mundschleimhaut. In Deutschland wird das genetische Material auf 31 Gene bzw. Genvarianten untersucht, die für die Verstoffwechselung der meistverwendeten Arzneimittel im Körper verantwortlich sind.

Etwa eine Woche später erhält man eine Scheckkarte mit einem Code. In der Apotheke erfolgt dann durch den Pharmazeuten die Beratung, bei welchen Arzneimitteln keine, geringe oder Nebenwirkungen zu erwarten sind. Gemeinsam mit dem Arzt kann im Bedarfsfall die Medikation angepasst werden. Die Abwicklung über eine Apotheke stelle die fachgerechte Information des Patienten sicher. Die Zusammenarbeit mit dem Arzt könnte am einfachsten dadurch geschehen, dass er ebenfalls an dem System teilnimmt, sagte Andrea Exner-Rabensteiner, Geschäftsführerin des österreichischen Vertriebsunternehmens für das Produkt (Axeleris), gegenüber der APA.

Co-Entwickler von "Stratipharm" ohne direkte wirtschaftliche Verflechtung mit den Betreibern war der deutsche Experte Theodor Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. "Raus aus der Gauß-Kurve", betitelte er seinen Vortrag. "Arzneimittel werden zugelassen, wenn sie besser als Placebo sind. Man behandelt keine 'scharfen' Patienten, eine Gauß-Kurve." Die Aussage, dass ein Arzneimittel wirkt, ist nur statistisch zu sehen und bezieht sich eben auf die Probanden einer großen klinischen Studie. Ob der Einzelne später behandelte Patient von einem Arzneimittel profitiert, keine Wirkung aufweist oder gar toxische Nebeneffekte bekommt, wird damit nicht vorhergesagt.

Das hängt vor allem von der ererbten Gen-Ausstattung des Individuums ab. Dutzende Gene und ihre verschiedenen Spielarten (Polymorphismen) entscheiden darüber, ob ein Wirkstoff schnell oder langsam abgebaut wird. Solche Gene sind zum Beispiel Cytochrom P-Leberenzyme oder die Erbanlagen für Transporterproteine, welche Substanzen in Zellen hinein- oder herausschleusen.

Dingermann erläuterte: "So zum Beispiel sprechen 38 Prozent der Menschen auf bestimmte Antidepressiva nicht an, 40 Prozent nicht auf Asthma-Therapeutika, 43 Prozent nicht auf bestimmte Diabetes-Medikamente." Bei den Alzheimer-Medikamenten liegt die Non-Responder-Rate bei 70 Prozent, bei Krebsmedikamenten gar bei 75 Prozent. Und bei einem Gutteil der Medikamente lässt sich die Wirkung beim Einzelnen überhaupt nicht direkt feststellen.

apa.at

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