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APA-Artikel 7. März 2016

Apothekertagung: Betagte viel zu häufig unter "Psycho-Medikamenten"

Ein hoher Anteil alter Menschen steht ständig unter dem Einfluss psychotroper Arzneimittel gegen scheinbare Verhaltensstörungen, psychotische Symptome oder Depressionen. Verwirrtheit, ein hohes Sturzrisiko und viele Komplikationen seien oft die Folge, hieß es Sonntagabend bei der Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming (Steiermark).

Die Tagung (bis 10. März) beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Generalthema "Geriatrie und Medikationsmanagement". Ein wesentlicher Teil der Problematik ist dabei offenbar der Gebrauch von Antipsychotika, Antidepressiva sowie Schlaf- und Beruhigungsmitteln bei Betagten. Da die Verschreibungen oft noch zusätzlich zu einer durch sonstige Mehrfacherkrankungen bereits langen Liste an Arzneimitteln erfolgen, kann dies leicht zu schwerwiegenden Problemen führen.

Der belgische Klinische Pharmakologe und Geriater Mirko Petrovic (Universität Gent) zitierte dazu Daten aus einer Erhebung bei 1.730 Altersheimbewohnern im Durchschnittsalter von 85 Jahren (zu 78 Prozent Frauen). "Insgesamt nahmen 79 Prozent psychotrope Arzneimittel ein. Benzodiazepine (Schlaf-, Beruhigungsmittel; Anm.) nahmen 54 Prozent, Antipsychotika 33 Prozent und Antidepressiva 40 Prozent." Es sei nicht wirklich verständlich, dass 40 Prozent Antidepressiva erhielten, wenn nur ein bis neun Prozent der betagten Menschen wirklich die Kriterien einer schweren Depression erfüllten.

Abgesehen davon, dass sich die Vermutung aufdrängt, dass mit den Arzneimitteln ein Defizit an Zuwendung und vielen nicht-medikamentösen Maßnahmen (Ergotherapie etc.) zugedeckt werden könnte, gibt es eindeutige Daten über den potenziellen Schaden. "Die Mortalität von alten Menschen, die Antipsychotika erhalten, ist um den Faktor 1,5 bis 1,8 erhöht", sagte der Experte. Bei Demenzpatienten kann sich der Abbau der Hirnleistung in seiner Schnelligkeit vervierfachen. Ein teilweise drastisch erhöhtes Sturz- und Verletzungsrisiko (Oberschenkelhalsbrüche etc.) kann die Folge sein.

Auch viel zu hohe Dosierungen sind häufig. Das liegt daran, dass beispielsweise 80-Jährige nur noch die Hälfte der Nierenfunktion eines 20-Jährigen aufweisen. Die Ausscheidung der Wirksubstanzen wird dadurch verlängert, was zu schleichender Überdosierung führen kann.

"Ein über 65-Jähriger sollte nur noch höchstens die Hälfte der in den Beipacktexten empfohlenen Dosis an Benzodiazepinen erhalten. (...) Bei den Antidepressiva sollte nur ein Drittel bis zur Hälfte der normalen Dosis verwendet werden", sagte Petrovic.

Über dem allen sollte aber laut dem Experten der Grundsatz stehen, dass alle diese "Psycho-Medikamente" nicht "endlos" verabreicht werden sollten. Die Medikation sollte auf die Behebung von psychischen Erkrankungen ausgerichtet, regelmäßig auf ihre weitere Notwendigkeit überprüft und auch wieder beendet werden.

apa.at

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