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APA-Artikel 7. März 2016

Apothekertagung: Mehrfacherkrankung gravierender als Alter

"Geriatrie und Medikationsmanagement" lautet das Generalthema der diesjährigen Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer (Schladming/Steiermark). Weniger das Alter als die Mehrfacherkrankungen seien hier wichtig, sagte Sonntagabend die Grazer Expertin Regina Roller-Wirnsberger am Beginn der Vorträge.

"Wir sprechen nicht mehr von 'alten Patienten', sondern von multimorbiden Patienten. 2030 werden in Österreich mehr als zwei Millionen Menschen älter als 65 Jahre alt sein. Wir müssen uns darauf vorbereiten. Aber unser Gesundheitssystem ist derzeit überhaupt nicht darauf vorbereitet", sagte die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie.

Die Individualität des Menschen sei mit zunehmendem Alter immer ausgeprägter. Ein 52-Jähriger könne schon älter erscheinen als eine über 90-Jährige. Es komme eben auf den Gesundheitszustand hinter dem reinen Alter an.

Entscheidend ist offenbar die Anzahl der chronischen Erkrankungen, die sich da im Laufe des Lebens buchstäblich ansammeln. "Je älter, desto wahrscheinlicher ist es, dass man bei Menschen fünf und mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig findet. In der EU hatten 2010 zwischen 20 und 40 Prozent der Bevölkerung eine chronische Erkrankung. Zwei Drittel der Menschen im Pensionsalter leiden an zwei chronischen Erkrankungen. 80 Prozent der primären Arztkontakte und 30 Prozent der stationären Aufnahmen in Spitäler sind darauf zurückzuführen."

Gerade die Mehrfachkranken sind aber auch jene Patientengruppe, die oft von Allgemeinmedizinern, niedergelassenen Fachärzten verschiedenster Fachrichtungen, in Ambulanzen und Spitälern unterschiedlichste, gleichzeitig nebenwirkungs- und wechselwirkungsaffine Arzneimittel verschrieben bekommt. Das erfolgt oft durchaus mit wissenschaftlicher Fundierung, doch die ist oft inadäquat für diese Patientengruppe.

"Evidence Based-Richtlinien (Leitlinien zur Behandlung von Patienten auf der Basis von wissenschaftlichen Studien; Anm.) sind (jeweils) nur auf eine Erkrankung konzentriert. Die Hälfte der Leitlinien beruht auf Meinungen. Der Anteil der Mehrfachkranken ist am höchsten in der Gruppe der Hochaltrigen. Aber in 35 Prozent der klinischen Studien sind Patienten im fortgeschrittenen Alter ausgeschlossen", sagte die Geriatrie-Expertin.

Die Konsequenzen sind gravierend: Viele bei älteren Menschen verwendete Arzneimittel - und erst recht die Kombinationen für die verschiedenen vorliegenden Krankheiten - sind nie an diesen Patienten erprobt worden. Die offiziell empfohlenen Dosierungen sind für ältere Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion viel zu hoch.

Regina Roller-Wirnsberger nannte dazu ein Beispiel: "50 Prozent der Mammakarzinom-Patientinnen sind älter als 65 Jahre. Aber nur neun Prozent der Studienteilnehmerinnen waren älter als 65 Jahre."

Bezüglich der Mehrfachmedikation bei Mehrfachkranken - besonders bei Personen im höheren Alter - benötige man auch in Österreich einen neuen Systemansatz: Konzentration auf den Patienten statt auf einzelne Erkrankungen, kritisches Hinterfragen von Arzneimittelverschreibungen und Therapie insgesamt, und dabei eine umfassende Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern.

"Grenzentscheidungen" mit Abschätzung des Sinnvollen und des Möglichen seien gerade bei mehrfachkranken älteren Menschen an der Tagesordnung. Die Ärztin appellierte dabei an beide Berufsgruppen: "Es gibt überhaupt keinen Platz für Standesdünkel."

apa.at

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