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APA-Artikel 16. Februar 2016

Kliniken kämpfen gegen Viren aus dem Netz

Im Umgang mit Viren, an denen Menschen erkranken können, sind Kliniken geübt. Doch es gibt eine neue Bedrohung: Computerviren. Befallen sie die Systeme, werfen sie die Kliniken um Jahre zurück - wie jetzt in zwei Fällen in Nordrhein-Westfalen.

Ob Mandelentzündung oder Bauchschmerzen - im Neusser Lukaskrankenhaus hängt derzeit alles an Papier und Stift. Eine Cyber-Attacke hat das IT-System der Klinik im Rheinland am vergangenen Mittwoch getroffen. Seitdem arbeiten die Ärzte und Angestellten wieder mit Zetteln, die mit der Hand geschrieben und aufwendig verteilt werden müssen. "Wir können beispielsweise Röntgenbilder machen, es läuft aber ab wie vor zehn Jahren", schildert Klinik-Sprecherin Ulla Dahmen die Arbeitsabläufe.

Nur zwei Tage nach dem Angriff in Neuss trifft eine weitere Cyber-Attacke das Klinikum Arnsberg im Sauerland. Der betroffene Server wird abgeschaltet, dann das komplette System heruntergefahren. Der Eindringling war wahrscheinlich in einem E-Mail-Anhang versteckt, "der besser nicht geöffnet worden wäre", wie ein Sprecher des Klinikums sagt. Der einfache und schnelle digitale Datenaustausch zwischen den Abteilungen ist für mehr als einen Tag unterbrochen. "Befunde mussten persönlich, per Telefon oder Fax übermittelt werden", sagt der Kliniksprecher.

Die beiden Fälle machen deutlich, wie empfindlich Kliniken im digitalen Zeitalter sein können - wenn sie sich nicht schützen. Viele Krankenhäuser haben komplett auf eine digitale Verwaltung von Patienteninformationen, klinischer Dokumentation und Finanzen umgestellt. Fällt die aus, wird es kritisch. "Wenn es kein Back-up gibt, beeinträchtigt ein Ausfall der Informations- und Kommunikationstechnik ein Krankenhaus erheblich", sagt Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). "Unsere Botschaft ist, dass man sich vorbereiten kann - man muss sich aber im Vorfeld damit befassen und nicht erst, wenn die Krise da ist."

Im Neusser Lukaskrankenhauses kämpft ein Krisenstab zusammen mit Experten gegen den Cyber-Angriff. Ein Krankenhaus mit 540 Betten im Offline-Modus, im Handbetrieb. "Die medizinische und pflegerische Versorgung der Patienten war jederzeit gewährleistet", betont die Sprecherin. Auch die meisten Operationen fänden statt. Aber auf geplante besonders große Eingriffe - ungefähr zehn pro Tag - verzichten die Ärzte derzeit. Zudem fahren Rettungswagen bei besonders schweren Notfällen andere Kliniken an.

Wie bei einem gefährlichen Virus im menschlichen Körper ging es auch bei der Schadsoftware in Neuss nach Schilderung der Klinikleitung darum, bei den ersten Anzeichen schnell ein Ausbreiten zu verhindern. Nach einer auffälligen Warnmeldung fuhren die Verantwortlichen die IT-Systeme herunter, um Patientendaten zu schützen. "Es gibt keinerlei Hinweise, dass Patientendaten abgeflossen sind", sagt die Sprecherin. Ein Erpressungsversuch ging bei der Klinik nicht ein.

Anders in Arnsberg. "Es sind Meldungen mit Geldforderungen hochgeploppt", sagte der Sprecher dieses Klinikums. Man habe die isolierten, befallenen Daten der Polizei übergeben.

"Wir haben bislang keine Erkenntnisse, dass es so etwas wie ein Muster von IT-Angriffen auf Krankenhäuser gibt", erläutert BBK-Präsident Christoph Unger. "Es gibt Kriminalität, etwa Erpresser, es gibt Versuche, an Daten zu gelangen, es gibt einfach Verrückte."

In Neuss lag nach Einschätzung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zumindest kein gezielter Angriff vor. Es handele sich um Schadsoftware, die Daten verschlüssele und so weit wie möglich gestreut werde, sagt ein Sprecher. "Ein gewisser Prozentsatz ist erfolgreich". Das BSI rät, nicht zu zahlen, Anzeige zu erstatten und vor allem: Daten regelmäßig zu sichern.

(Von Volker Danisch und Jonas-Erik Schmidt, dpa)

apa.at

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