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APA-Artikel 10. Dezember 2015

Der Kampf der Krankenkassen gegen explodierende Arzneimittelpreise

Neue, wirkungsvolle Medikamente sind teuer. Für Patienten, die diese Mittel brauchen, ist das nachrangig. Die Kassen in Deutschland aber haben Angst, dass ihnen die Arzneimittelausgaben wieder aus dem Ruder laufen.

Nach einer kurzen Verschnaufpause steigen die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) wieder massiv an. 2014 legten die GKV-Ausgaben um mehr als neun Prozent zu, auf gut 33 Milliarden Euro. Schuld daran sind auch einige wenige innovative und wirkungsstarke Mittel wie das Hepatitis-C-Präparat Sovaldi oder das Krebsmedikament Zytiga - denn sie sind teuer. Neben diesen Fertigpräparaten schlagen sich inzwischen auch Rezepturen, die individuell vor allem für Krebs-Patienten angefertigt werden, immer stärker in den Ausgaben nieder.

Was hat der Gesetzgeber gegen überbordende Arzneimittelpreise getan?

Im Wesentlichen hat er durch zwei Mechanismen versucht, die Kosten zu dämpfen: 2011 trat eine Arzneimittelmarktneuordnung (AMNOG) in Kraft. Hersteller müssen danach bei Markteinführung eines neuen Präparates dessen Zusatznutzen für Patienten nachweisen. Können sie diesen Zusatznutzen nicht belegen, wird ein (niedriger) Festbetrag festgesetzt. Für Arzneimittel mit Zusatznutzen sollen die Preise (Erstattungsbetrag) zwischen Hersteller und gesetzlichen Krankenkassen (GKV) innerhalb eines Jahres ausgehandelt werden.

Das AMNOG sollte Einsparungen von jährlich zwei Milliarden bei den Arzneimittelausgaben bringen. Zusammen mit dem Herstellerabschlag von 16 Prozent, quasi ein Großkundenrabatt für die Krankenkassen, gelang das auch zunächst. Doch als der Gesetzgeber den Herstellerabschlag 2014 auf zuletzt sieben Prozent senkte, weil er glaubte, das AMNOG sei als Preisbremse ausreichend, stiegen die Ausgaben wieder massiv.

Was geschieht in dem einen Jahr der Preisfindung?

In diesem Zeitraum kann der Hersteller den Preis selbst bestimmen. Das nutzten die Pharmafirmen zuletzt bei der Markteinführung wirkungsstarker, innovativer Präparate wie Sovaldi weidlich aus. Bei den Krankenkassen war von "Mondpreisen" die Rede.

Inzwischen haben sich die Pharmaunternehmen mit ihrer Strategie auch auf die Neuregelung eingestellt. Mit nur geringen Änderungen können sie ein ähnliches Präparat im darauffolgenden Jahr wieder als Innovation verkaufen. So ist es nach Darstellung der Kassen zumindest bei Sovaldi gelaufen.

Was machen die Kassen?

Die Kassen stecken in einem Dilemma: Die Pharmaunternehmen bestimmen im ersten Jahr den Preis. Die Patienten aber wollen das Medikament, das ihnen hilft, sofort - egal was es kostet.

Der GKV-Spitzenverband versucht schon seit einiger Zeit, die Preise auch innerhalb dieses einjährigen Verhandlungszeitraums in den Griff zu bekommen. Er schlug unter anderem vor, dass der nach einem Jahr gefundene Preis (Erstattungsbetrag) rückwirkend zum Tag der Markteinführung gelten sollte.

Eine Alternative bringt die Barmer GEK jetzt ins Spiel: Für Arzneimittel, die für die Versorgung der Patienten besonders wichtig sind, soll es künftig eine Schnellbewertung direkt bei Markteintritt geben und dann eine neuerliche Kosten-Nutzen-Bewertung spätestens nach fünf Jahren. Das würde bedeuten, dass die Krankenkassen bei absehbar hochpreisigen Präparaten schon früh Einfluss auf die Preisgestaltung bekommen würden. Zudem könnte man bei einer Überprüfung nach drei bis fünf Jahren die tatsächliche Wirkung des Medikamentes aus der Praxiserfahrung heraus besser beurteilen.

Was zeigt die Debatte über massiv steigende Arzneimittelausgaben?

Die steigenden Kosten sind sicherlich zu einem Teil dem medizinischen Fortschritt geschuldet und einer alternden Gesellschaft, in der chronische Krankheiten zunehmen. Die Frage ist also nicht, ob die Ausgaben steigen, sondern wie sie steigen.

Es sei nicht grundsätzlich verwerflich, dass Pharmaunternehmen im Sinne ihrer Aktionäre versuchen, einen möglichst hohen Preis für ihre Produkte zu erzielen, sagt Barmer-Chef Christoph Straub. Doch die Krankenkassen, die zur Finanzierung des Gesundheitssystems verpflichtet sind, könnten nicht jeden Preis bezahlen.

An dieser Schnittstelle zwischen freier Marktwirtschaft und hoheitlichen Aufgaben im Gesundheitssystem ist offensichtlich wieder der Gesetzgeber gefragt, den regulatorischen Rahmen nachzujustieren.

apa.at

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