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APA-Artikel 26. November 2015

Alzheimer Austria: "Bei Versorgung fehlt es an allen Ecken und Enden"

Rund 130.000 Österreicher leiden an Demenz, 500.000 weisen eine Vorstufe der Krankheit auf. Laut aktuellen Studien soll sich die Zahl der Betroffenen in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Gleichzeitig gibt es immer weniger Forscher und Pflegekräfte. "Bei der Versorgung fehlt es an allen Ecken und Enden", sagte Andreas Winkler, Vizepräsident von Alzheimer Austria, am Donnerstag in Wien.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben weltweit 47 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. "Das ist für die Angehörigen eine Katastrophe, weil die Krankheit den Verlust der Autonomie und Pflegebedürftigkeit bedeutet. Es ist keine harmlose Erkrankung, bei der man nur ein wenig vergesslich wird", betonte Winkler bei einer Pressekonferenz anlässlich des 25-jährige Jubiläums der Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria. Ein Drittel aller älteren Personen, die in Österreich pro Jahr sterben, lebten ihm zufolge mit einer Demenzdiagnose. "Wir haben es mit einer Krankheit zu tun, die sich epidemiehaftig ausbreitet. Das riesige Problem dabei: Die Forscher verlassen das Gebiet." Eine Heilung der Krankheit rücke damit in weite Ferne.

Bereits nach vier Jahren verlassen rund 70 Prozent der Wissenschafter den Bereich der Demenzforschung, weil sie nicht als erfolgsversprechend gilt und es laut Winkler "lohnendere Betätigungsfelder" gibt. Vor allem in der medikamentösen Behandlung der Krankheit liege die Misserfolgsrate bei 99,6 Prozent. Präventive Behandlungsmethoden würden allerdings greifen. "Alzheimer beginnt bereits rund 30 Jahre vor den ersten Symptomen. Übergewicht, Diabetes, wenig Bewegung, Depressionen, Rauchen und ein niedriges Bildungsniveau begünstigen die Krankheit. Eine aktuelle finnische Studie, die diese Faktoren berücksichtigte, konnte belegen, dass sich das Alzheimerrisiko durch die Prävention dieser Risikofaktoren um 30 Prozent verringern ließe", sagte Winkler.

Durch die wachsende Zahl an Demenzkranken in Österreich werden nach Schätzungen der Experten in den nächsten Jahren 20.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Doch schon jetzt mangelt es an qualifizierten Fachkräften, in wichtigen Anlaufstellen wie Gedächtniskliniken würde stetig Personal abgebaut. "Die Angehörigen sind der größte Pflegedienst im Land", erklärte Antonia Croy, Präsidentin von Alzheimer Austria, und plädierte für leistbare Entlastungsangebote. "Wir müssen Fortschritte in der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf machen. Außerdem ist die Einstufung des Pflegegeldes ungerecht", betonte sie. Eine 24-Stunden-Hilfe, die mit 500 Euro Pflegegeld unterstützt wird, sei für viele nicht leistbar.

Damit sich Betroffene und Angehörige auch stundenweise Betreuung holen können, hat Claudia Knopper die Internetplattform "Die Alternative. Stundenweise betreut" gegründet. Hier können sich selbstständige Personenbetreuer und Angehörige kostenlos vernetzen und nützliche Informationen erhalten. "Anders als die 24-Stunden-Hilfe wird die stundenweise Betreuung aber nicht finanziell unterstützt", erklärte Knopper. Kritik übte auch Alzheimer Austria-Ehrenmitglied Lotte Tobisch-Labotyn, Präsidentin des Künstlerheimes Baden, in dem auch demente Personen leben. "Ich bin überzeugt, wenn die Sache lukrativer für die Medizin wäre, würde man ein Heilmittel finden. Was die öffentliche Unterstützung angeht, kann man nur auf die Barrikaden gehen und sagen: Drei von Zehn werden selbst an Demenz erkranken. Also schauen Sie, dass Sie endlich genügend Geld dafür hergeben."

(S E R V I C E: Hilfe und Informationen finden Betroffene und Angehörige unter www.alzheimer-selbsthilfe.at und unter stundenweisebetreut.at)

apa.at

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