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APA-Artikel 19. November 2015

CH: Unverbindliche Massnahmen gegen wirkungslose Antibiotika

Seit Jahrzehnten retten Antibiotika Millionen von Leben. Doch ihre Wirksamkeit lässt wegen übermässigem und teils unsachgemässem Einsatz nach. Nun will der Bundesrat etwas gegen die zunehmenden Resistenzen unternehmen.

Er hat am Mittwoch die Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) verabschiedet mit dem Ziel, die Wirksamkeit von Antibiotika für Mensch und Tier langfristig zu erhalten. Gesundheitsminister Alain Berset sprach vor den Bundeshausmedien von einer grossen Herausforderung für die öffentliche Gesundheit, der nur mit einem koordinierten Vorgehen aller betroffenen Kreise begegnet werden könne.

Die Strategie hat verschiedene Stossrichtungen. Dank umfassender Überwachung sollen Informationen zu Vertrieb und Einsatz von Antibiotika sowie zu Entstehung und Verbreitung von Resistenzen zur Verfügung stehen. Vorbeugende Massnahmen gegen Infektionskrankheiten sollen helfen, den Antibiotikaverbrauch zu senken, was laut Bundesrat ein wirkungsvoller Weg zur Reduktion von Resistenzen ist.

Dazu soll auch ein sachgemässer Antibiotikaeinsatz beitragen, was unter anderem mit Information, Bildung und Sensibilisierung von Ärzten oder Landwirten erreicht werden soll. Wenn es doch zur Resistenzbildung kommt, soll die Ausbreitung der resistenten Bakterien so gut wie möglich eingedämmt werden. Für spezifische Forschung will der Bundesrat 20 Millionen Franken bereitstellen.

Ob und welche Gesetzesänderungen zur Erreichung der Ziele nötig sind, ist noch nicht klar. Berset stellte jedoch klar, dass die Strategie nicht Vorschriften und Verboten zum Ziel habe, sondern ein "konzertiertes Vorgehen". Gleichzeitig erinnerte er daran, dass in der Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Personen wegen Antibiotikaresistenzen sterben. In der EU wird die Zahl der Toten auf 25'000 pro Jahr geschätzt.

Auch für Pascal Stupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit, sind verbindliche Vorschriften kein Thema. Beim Einsatz von Antibiotika seien keine starren Vorgaben möglich, solche könnten auch gar nicht kontrolliert und durchgesetzt werden. Es bleibe beim Grundsatz, dass der Arzt über die voll Therapiefreiheit verfüge.

In der Nutztierhaltung wurden Antibiotika bis 1999 als Wachstums- und Leistungsförderer eingesetzt. Noch heute bekommen Bauern von Tierärzten auf Vorrat Antibiotika ausgehändigt, zu welchen es keine Alternativen mehr gibt: Wenn sich gegen diese eine Resistenz entwickelt, ist die Medizin machtlos.

Die industrielle Tierhaltung gilt denn auch als Brutstätte für resistente Bakterien. Beispielsweise ist der Anteil von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) bei Schweizer Mastschweinen innerhalb von sechs Jahren von 2 auf 26,5 Prozent 2014 gestiegen. Diese Bakterien können beim Menschen lebensbedrohliche Infektionen auslösen. MRSA gehört zu den häufigsten Ursachen von kaum oder gar nicht therapierbaren Krankenhausinfektionen.

Auch in der Tiermedizin sind jedoch keine verbindlichen Vorschriften vorgesehen. Stattdessen sollen "klare Kriterien" für den Antibiotikaeinsatz definiert werden. Immerhin bei kritischen Antibiotika - quasi dem letzten Schutzwall - denkt der Bundesrat über verbindliche Regeln nach.

Diese sollen prinzipiell nicht mehr auf Vorrat an Tierhalter abgegeben werden dürfen. Auch die vorbeugende Anwendung soll eingeschränkt werden. Die Kriterien für die Verschreibung, Abgabe und Anwendung von kritischen Antibiotika sollen allenfalls rechtlich verankert werden, heisst es im Strategiepapier.

In der Vernehmlassung hatten sich Spitäler und Bauern positiv geäussert. Der Schweizer Tierschutz hingegen erteilte neuen Richtlinien zum Einsatz von Antibiotika eine Absage: Gesunde Tiere müssten in überschaubaren, gut gehaltenen Beständen gehalten werden. Mit neuen Vorschriften werde die Bevölkerung in falscher Sicherheit gewiegt.

apa.at

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