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APA-Artikel 13. November 2015

Ärzte halten Gesetzeslage zu Sterbebegleitung für nicht zeitgemäß

Vertreter des Verbandes der Intensivmedizinischen Gesellschaften Österreichs (FASIM) haben bei einer Pressekonferenz am Freitag in Wien die Gesetzeslage in Bezug auf die Sterbebegleitung kritisiert. "Die Entwicklungen in der Medizin decken sich nicht mit dem, was einmal in der Rechtsprechung gedacht wurde", sagte Andreas Valentin, Mitglied der Bioethik-Kommission.

Anlass für die Kritik der Mediziner war der Vorwurf der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen, mit dem ein Salzburger Arzt im Oktober konfrontiert wurde: Der Anästhesist soll einer 79-jährigen Patientin in einem Salzburger Spital Morphin-Infusionen in so hoher Dosis verabreicht haben, dass die Frau laut einem Gutachten daran gestorben ist. Die Patientin hatte zuvor einen Kreislaufkollaps in einem Seniorenheim erlitten und vermutlich durch eine Herzdruckmassage zwölf Rippenfrakturen und einen Bruch des Brustbeins davongetragen. Während der lebenserhaltenden Therapie im Krankenhaus seien Sekrete in der Luftröhre festgestellt worden, die zu den Atemproblemen der Frau beigetragen haben, zudem habe sich eine Lungenentzündung angebahnt.

Nachdem der Arzt dem Neffen der Patientin, wie er bei einer Verhandlung Anfang Oktober zu Protokoll gab, mitteilte, dass sich seine Tante in kritischem Zustand befinde, erklärte der Neffe, es sei nicht der Wunsch seiner Tante gewesen, künstlich am Leben gehalten zu werden. Daraufhin wurde die Intensivtherapie eingestellt und in eine Komforttherapie umgelenkt. Damit die Frau dabei keine Schmerzen, Angstzustände oder Atemnot erleiden musste, wurde ihr Morphin verabreicht. Nachdem die Patientin starb, wurde dem Arzt zunächst fahrlässige Tötung vorgeworfen, im Prozess erklärte die Richterin schließlich ihre Unzuständigkeit und ging von einem Anschuldigungsbeweis in Richtung Mord aus.

"Wir sind zutiefst betroffen, dass die 79-jährige Frau gestorben ist. Aber wir wehren uns entschieden dagegen, dass Kollegen aufgrund eines pathologischen Gutachtens kriminalisiert werden", sagte FASIM-Präsident Claus Krenn am Freitag. Das Gutachten des Pathologen blende wesentliche medizinische und ethische Aspekte aus. "Es wird nur darauf Bezug genommen, welche Substanzen im Körper festgestellt werden können. Ein Pathologe kennt aber weder den lebenden Patienten, noch die Krankengeschichte", verdeutlichte Krenn. Zudem sei das im Blutspiegel nachgewiesene Morphin laut Barbara Friesenecker von der Allgemein-Chirurgischen Intensivstation der Medizinischen Universität Innsbruck kein Indikator für die tatsächliche Wirkung des Medikaments. "Wenn der Patient vorher schon ähnliche Medikamente genommen hat, muss man das Mittel für die gleiche Wirkung höher dosieren, weil sich der Körper daran gewöhnt", sagte sie. Die verstorbene 79-Jährige wäre aufgrund einer Osteoporose-Erkrankung mit einem Schmerzpflaster behandelt worden.

Die Ärzte kritisierten, dass sie sich indirekt von der Justiz gezwungen sähen, alle zur Verfügung stehenden lebenserhaltenden Therapien immer und pauschal anwenden zu müssen. "Als Arzt muss man erkennen, ob sich die Erkrankung eines Patienten verbessern kann oder ob der Sterbeprozess bereits begonnen hat. Hat der Prozess bereits begonnen, darf man ihn auf keinen Fall durch medizinische Maßnahmen verlängern", betonte Petra Innerhofer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI). Man müsse die negativen Symptome des Patienten behandeln und akzeptieren, dass er nicht mehr medizinisch kuriert werden könne.

"Die fortgeschrittene Medizin hat den Grat zwischen Leben und Tod verschoben. Sterben wird heute von medizinischen Entscheidungen begleitet, und jemand muss die Verantwortung für den Prozess, der zum Tod führt, übernehmen. Das wird in der Justiz nicht bedacht", erklärte Valentin. FASIM-Präsident Claus Krenn betonte, dass der Fall des Salzburger Arztes die heimische Ärzteschaft tief emotionalisiere, aber auch verunsichere. "Wenn jemandem für die Komforttherapie bei der Sterbebegleitung eine Mordanklage droht, ist das etwas, mit dem wir nicht umgehen können." Laut Friesenecker würde das die gesamte Palliativmedizin infrage stellen. Eine Besserung der Situation würden unter anderem Patientenverfügungen bringen. "Wir haben immer ältere Patienten, die schwere Koerkrankungen mitbringen. Diese schwierigen Entscheidungen werden sich für uns also häufen. Eine Verfügung erleichtert den Entscheidungsprozess", betonte Friesenecker.

apa.at

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