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APA-Artikel 21. Oktober 2015

Stammzelltherapie an Kindern: Ärztin verteidigt Eingriffe

Geistig schwerbehinderten Kindern aus aller Welt sind in Düsseldorf Stammzellen ins Gehirn gespritzt worden, bis die Behörden einschritten. Nun steht eine Medizinerin wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht - und verteidigt die umstrittene Methode.

Zehn Minuten sei sein Sohn Ricardo bei der Geburt ohne Sauerstoff gewesen, berichtet der Vater (29), als Zeuge eigens aus Italien nach Düsseldorf gereist. Das Neugeborene hatte schwerbehindert überlebt, es musste mit einer Sonde ernährt werden, konnte sich kaum bewegen. Es wird etwas entwickelt, das seinem Sohn helfen könnte, erfuhr der verzweifelte Vater damals. "Es wird mit Stammzellen experimentiert."

Vor fünf Jahren: Die Eltern reisen mit ihrem inzwischen zwei Jahre alten Sohn nach Düsseldorf. Dort werden ihm in einer Privatklinik für eine fünfstellige Summe Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen, aufbereitet und durch die Schädeldecke ins Gehirn gespritzt. Doch es kommt zu Komplikationen, Ricardo stirbt.

Inzwischen sitzt die behandelnde Ärztin (59) auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts. Staatsanwalt Christoph Kumpa wirft ihr fahrlässige Tötung vor. Die Methode sei schon damals wissenschaftlich höchst umstritten gewesen und die Aufklärung der Eltern vor der Operation unzureichend.

Die Angeklagte wirkt beim Prozessauftakt mitgenommen. "Es fällt ihr sehr schwer, hier zu sein", sagt ihr Anwalt Pierre Gärtner. "Was sie gemacht hat, ist weit entfernt von jeder Strafbarkeit."

Als evangelische Pfarrerstochter hat sie sich beruflich kranken Kindern gewidmet. "Ich durfte in der DDR kein Abitur machen, weil ich nicht in der FDJ war." Deswegen wird sie erst Krankenschwester, später doch noch Kinderärztin. Sie entwickelt ein Mini-Endoskop für Kinderkörper, ist von minimalinvasiven Methoden begeistert, arbeitet in Afrika und im Jemen.

Nach einer Forschungsstelle an der Uni Köln wird sie von der Düsseldorfer Privatklinik der Firma X-Cells angeworben. Dort behandelt sie geistig schwerbehinderte Kinder aus aller Welt mit Stammzellen, mehrere Hundert Kinder insgesamt. Sie habe zwölf Stunden am Tag gearbeitet und sei heute noch überzeugt: "Wir haben unglaubliche Erfolge damit erzielt. Kinder, die mit der Sonde ernährt werden mussten, konnten plötzlich essen."

Die Kinder seien schulmedizinisch austherapiert gewesen, sagt ihr Anwalt. "Es war ein Heilversuch, eine Außenseiter-Methode, wissenschaftlich nicht anerkannt. Das haben wir immer klar gesagt", betont die Neurochirurgin. Die Eltern seien darüber schriftlich und mündlich umfassend aufgeklärt worden, auch über das tödliche Risiko des Eingriffs von 0,5 Prozent.

Die Therapie sei damals als Versuch befristet zugelassen gewesen. Dass die neue Methode aus der Fachwelt viel Gegenwind bekommt, weiß sie, hält sie aber für normal und spornt sie eher an. "Extrem aufwendig" habe sie die Eingriffe und die Erfolge mit ihrem Kollegen dokumentiert.

Dass der zweijährige Ricardo nach Hirnblutungen stirbt, sei eine sehr seltene Komplikation bei der Punktion gewesen, einer weltweit anerkannten Standardmethode. Die Stammzellen seien nicht die Ursache, behauptet die Medizinerin.

Der Privatklinik war Ende April 2011 von der Kölner Bezirksregierung und dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium die Stammzelltherapie verboten worden. Die Klinik ist inzwischen geschlossen und die Betreiberfirma pleite. Die angeklagte Neurochirurgin arbeitet inzwischen nicht mehr als Ärztin, sondern wieder in ihrem alten Beruf als Kinderkrankenschwester.

Von Frank Christiansen, dpa

apa.at

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