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APA-Artikel 13. Oktober 2015

Wer Apotheken schwächt, schadet der Gesundheit

Einem Bericht des Autors Christian Höller zufolge (DiePresse.com, 6. Oktober 2015), lassen sich im österreichischen Gesundheitssystem durch die Freigabe des Apothekenmarktes jährlich 180 Millionen Euro einsparen. Zu diesem Schluss kommt laut Höller eine Studie des Consultingunternehmens Kreutzer Fischer & Partner.

Die IGEPHA als Interessenvertretung der Hersteller von rezeptfreien Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten in Österreich warnt hingegen vor unüberlegten Liberalisierungsschritten: "Es ist ohne weiteres nachvollziehbar, dass Arzneimittel über alternative Vertriebswege billiger verteilt werden können als durch Apotheken", sagt IGEPHA-Geschäftsführerin Mag. Christina Nageler. "Ebenso sicher dürfte es aber auch sein, dass jährlich ein Milliardenbetrag an Arzthonoraren eingespart werden könnte, wenn man persönliche Konsultationen durch einen Internet-Doktor ersetzen würde."

Anstatt "Milch-Mädchen-Rechnungen" anzustellen, sollte versucht werden, anhand wissenschaftlich fundierter gesundheitsökonomischer Kosten-Nutzen-Betrachtungen sinnvolle Konzepte für eine patientenorientierte und sichere Gesundheitsversorgung zu entwickeln.

Hunderttausende Apothekenbesuche pro Tag

Die positiven Aspekte, die mit einem kostenfreien und niederschwelligen Zugang zu professionellen Ansprechpartnern in der Apotheke verbunden ist, ließen sich dabei nicht immer in Geld ausdrücken, seien aber bei mehreren hunderttausend Apothekenbesuchen pro Tag in Österreich ein relevantes Gegengewicht zum reklamierten Einsparbetrag von 180 Millionen Euro.

Prof. Dr. Uwe May, Professor für Gesundheitsökonomie mit Schwerpunkt Pharmaökonomie an der Hochschule Fresenius, erläutert, wie sich der Nutzen der Apotheke darüber hinaus durch folgende Fakten wissenschaftlich belegen lässt.

"Eine zweite professionelle Instanz, die speziell auf die Optimierung der Arzneitherapie hin ausgebildet wurde, trägt dazu bei, dass nach der richtigen Diagnose und Verordnung des Arztes auch die ebenso erfolgsentscheidende Anwendung der Therapie verbessert wird."

Der Anteil der richtig angewendeten Arzneimittel liege derzeit bei kaum mehr als 50 Prozent. Die Kosten für diese sogenannte "Non-Compliance" werden, so Uwe May, beispielsweise in Deutschland auf bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Selbst wenn man nur von einem geringen Beitrag der Apotheken zur Verbesserung der Therapie ausginge, sei offensichtlich, dass sich die Kosten des Apothekensystems in Österreich volkswirtschaftlich rechnen.

Zentrale Bedeutung kommt den österreichischen Apotheken im Rahmen der Self Care zu. "Repräsentative Bevölkerungsbefragungen zeigen, dass ein Großteil der Österreicher bei leichteren Gesundheitsstörungen wie z. B. Erkältungen gerne auf die Möglichkeit einer Selbstbehandlung mit sogenannten OTC-Präparaten zurückgreift, die freiverkäuflich in der Apotheke erhältlich sind", erläutert Dr. Gerhard Lötsch, Präsident der IGEPHA.

Self Care hilft dem Gesundheitssystem beim Sparen

Wie wichtig OTC-Präparate für die Gesundheitsversorgung der Österreicher sind, ließ die IGEPHA in einer Studie untersuchen. Demnach spart jeder Euro, der in Österreich für selbstgekaufte rezeptfreie Präparate ausgegeben wird, dem Gesundheitssystem im Durchschnitt rund fünf Euro an direkten Kosten ein. Gäbe es keine freiverkäuflichen Arzneimittel und Gesundheitsprodukte, so wäre ein Patientenansturm auf die Arztpraxen zu befürchten, der sich mit 13 Millionen zusätzlichen Arzt-Arbeitsstunden zu Buche schlagen würde.

"Die Förderung der ärztlichen Hausapotheken, des Medikamenten-Versandhandels und die Lockerung der Apothekenpflicht sind auf längere Sicht nicht mit dem Fortbestand eines flächendeckenden Apothekensystems vereinbar", warnt Gesundheitsökonom Uwe May. Diese Form der "Rosinenpickerei" entziehe den Apotheken ihre Existenzgrundlage mit der Folge, dass in Zukunft die wohnortnahe Apotheke auch dann nicht mehr verfügbar ist, wenn sie gebraucht werde.

OTC-Verkauf fördern, Apotheken stärken

Der im "Presse"-Artikel zitierte Vorschlag, den Verkauf von rezeptfreien Medikamenten "wie in Ungarn und Kroatien" für den Drogeriehandel freizugeben, sei, so Uwe May, geradezu abenteuerlich und verkenne jegliche Realitäten, zumal der Selbstkauf von rezeptfreien Medikamenten hierzulande im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wenig verbreitet sei und auf Vorbehalte der Ärzteschaft treffe.

Gerade in der Selbstbehandlung müsse der Apotheker die Anwendungssicherheit der Therapie gewährleisten und bei Zweifeln den Patienten im Rahmen einer Lotsenfunktion an den Arzt verweisen, so Uwe May. Moderne europäische Gesundheitssysteme setzen genau da an und nützen die Schnittstelle von Arzt und Apotheke.

"Zukunftsweisende Reformen zielen auf eine Stärkung der apothekerlichen Kompetenzen und Aufgaben ab und nicht auf ihre Schwächung", sagt IGEPHA-Geschäftsführerin Christina Nagler. Als Lotsen im Gesundheitssystem können Apotheken wesentlich mehr Geld einsparen, als sie kosten.

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/5956/aom

apa.at

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