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APA-Artikel 8. September 2015

Retter am Limit: Wenn der Notarzt selbst in Not ist

Gleich zu Dienstbeginn steht Frank Koberne zwischen Leben und Tod. Der Freiburger Notarzt wird am frühen Morgen zu einem Mann mit Herzinfarkt gerufen. Es steht schlecht um den 46-Jährigen, der Familienvater schwebt in Lebensgefahr. Koberne kommt als Retter in der Not. Nicht einmal eine halbe Stunde später kämpft der Notfallmediziner um das Leben eines Rentners. Auch hier die Diagnose: Herzinfarkt. Vom Schlafzimmer des Mannes geht es im Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn ins Krankenhaus.

Kein ungewöhnlicher Tag für Koberne und seine Kollegen. Die Zahl der Notfalleinsätze steigt seit Jahren deutschlandweit stark an, Notärzte und Rettungsassistenten geraten deshalb immer häufiger an ihre Grenzen. Sie sind ein Gradmesser gesellschaftlicher Veränderungen. Zu spüren bekommen sie den demografischen Wandel. Weil es immer mehr alte und hochbetagte Menschen gibt, steigt das Risiko schwerer gesundheitlicher Komplikationen. Und der Tod, sagt Koberne, werde selbst im hohen Alter gesellschaftlich immer seltener akzeptiert.

Hinzu kommt eine größer werdende Erwartungshaltung, so die Retter. Sie werden gerufen, obwohl es sich oft gar nicht um einen echten Notfall handelt. Der schnelle Griff zum Handy und die Gewissheit, dass die Krankenkasse zahlt, machen den raschen Ruf nach dem Notarzt einfach - eine Dienstleistungsmentalität mache sich breit.

"Das Bild hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, die Anforderungen sind größer und vielfältiger geworden", sagt Koberne. Der 54 Jahre alte Mediziner ist Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in und um Freiburg. Seit 21 Jahren arbeitet er in der badischen Universitätsstadt, dem Sitz der drittgrößten Uniklinik Deutschlands, als Notarzt. So wie ihm ergeht es vielen Notärzten.

Die Zahl der Notarzteinsätze in seinem Gebiet hat sich seit 1994 mehr als verdoppelt - von 3500 auf mehr als 7500 jährlich. Und das bei nahezu gleichbleibenden Strukturen und unter unverändert hohem Finanzdruck. In dem Gebiet mit mehr als 270 000 Einwohnern und langen Anfahrtswegen in den Hochschwarzwald stehen zwei Notärzte rund um die Uhr für Notfälle bereit. Mit seiner hohen Einsatzzahl rangiert der Freiburger Notarztstandort landesweit in der Spitzengruppe.

"Früher gab es zwischendurch mal Pausen. Heute geht es Schlag auf Schlag", sagt Koberne. Zeit zum Durchatmen haben der Notarzt und seine Kollegin, die Rettungsassistentin Maren Gösling (43), auch an diesem Tag nicht. Erneuter Alarm für ihren Notarztwagen 1/82-1: Eine junge Frau ist beim Friseur mit Unterzuckerung zusammengebrochen und bewusstlos. Die Rettungsleitstelle alarmiert den Notarzt, schickt Informationen zum Einsatz per Satellitensystem auf einen Monitor im Einsatzfahrzeug. Nach wenigen Sekunden ist das Auto auf der Straße.

"Es ist Eile geboten, es geht um Minuten", sagt Gösling, die den Notarztwagen steuert. 15 Kilometer sind es bis zur Einsatzstelle. Bleibt eine Unterzuckerung länger unbehandelt, drohen Folgeschäden, die tödlich enden können. Nach zwei bis drei Minuten sterben Gehirnzellen. Doch rasche Hilfe ist nicht immer einfach: Gösling muss sich mit dem Einsatzwagen einen Weg durch den dichten Verkehr bahnen, fährt über rote Ampeln, beschleunigt - und wird immer wieder ausgebremst. Denn nicht alle machen Platz, viele Autofahrer sind überfordert. Oder schlichtweg nicht bereit, zur Seite zu fahren.

Das Risiko eines Unfalls ist bei Blaulichtfahrten 17 Mal höher als sonst, haben die Bundesanstalt für Straßenwesen und das Institut für Arbeits- und Gesundheitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ermittelt.

"Wir müssen stets mit Fehlern der anderen rechnen", sagt Gösling. Sicherheit gehe immer vor - auch wenn der Zeitdruck groß ist. Bei einem Kreislaufstillstand beispielsweise sinkt die Überlebenschance jede Minute um zehn Prozent. "Wir müssen schnell zum Patienten. Auf dem Weg zum Notfalleinsatz sind wir darauf angewiesen, dass uns freie Bahn gemacht wird", sagt Gösling.

Der Frau beim Friseur wird geholfen, nicht nur mit Medikamenten. Einer der Rettungsassistenten, die parallel zum Notarzt im Rettungswagen gekommen sind, geht zum Bäcker nebenan und kauft der Frau süßes Gebäck. Das bringt ihren Organismus wieder in Schwung. Zudem wird sie beraten, wie sie solche Situationen zukünftig vermeiden kann. Ins Krankenhaus muss die Frau nicht.

Das ist auch nicht das Ziel der Notfallrettung, sagt Notarzt Koberne. "Früher ging es darum, die Patienten so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu bringen. Heute ist zuerst eine umfassende und professionelle Hilfe vor Ort das Ziel." Der Notarztwagen ist bis auf den letzten Millimeter mit medizinischem Gerät ausgerüstet, eine rollende Intensivstation. Erst wenn der Patient gesundheitlich stabil ist, wird er ins Krankenhaus gebracht.

Nötig sind meist nicht nur Medikamente, sondern auch Einfühlungsvermögen und tröstende Worte. "Es gibt Einsätze, das sind wir eine Stunde und länger beim Patienten", sagt Kobernes Notarztkollege Dirk Markfeld. Im Gegensatz zu früheren Jahren bringen Verkehrsunfälle heute nicht mehr die Hauptarbeit: "Unfälle machen weniger als 30 Prozent der Einsätze aus."

Sogenannte internistische Notfälle halten die Retter häufig auf Trab. Herzinfarkte gehören ebenso dazu wie Kreislaufschwächen, Krampfanfälle oder allergische Reaktionen. Oder Freizeitunfälle, die es verstärkt gibt, weil immer mehr Menschen, auch Ältere, mobil und sportlich aktiv sind und sich dabei auch überfordern. Hinzu kommen Drogenopfer, Betrunkene und psychisch labile Menschen. Der Blick an den Rand der Gesellschaft gehört für Notärzte zum Berufsalltag.

Notarzt Markfeld erlebt dies mehrfach während seiner Schicht. Eine Frau, die sich schwach und angespannt fühlt, wählt den Notruf. Als die Retter eintreffen, sitzt sie auf ihrem Sofa - und will einfach nur mal reden. Und dabei noch den alten Wundverband am Bein gewechselt haben. Gesundheitlich ist alles in Ordnung, stellt sich schnell heraus. Dennoch haben die Retter ein offenes Ohr für die Frau, auch wenn wenige Minuten später der nächste Alarm ruft.

Jeder Weg zum Einsatz ist für Koberne und seine Kollegen eine Fahrt ins Ungewisse. "Wir wissen nie genau, was uns erwartet", sagt er. Zugenommen haben Fälle, die sich vor Ort als harmlos herausstellen. Patienten, die schon seit Tagen oder Wochen Schmerzen haben oder Unwohlsein verspüren, den Weg zum Hausarzt oder zur Notfallambulanz aber nicht auf sich nehmen. "Solche Einsätze sind ärgerlich, weil wir uns und andere gefährden und gleichzeitig für echte Notfälle, die sich zu dieser Zeit ereigneten, blockiert sind."

Koordiniert wird die Arbeit von der Rettungsleitstelle. Mehr als 1000 Anrufe täglich gehen allein in der Notrufzentrale in Freiburg ein, sagt Notrufdisponent German Hummel. Nur wenige stellen sich als echte Notfälle heraus. "Die Erwartungshaltung ist größer geworden, es wird immer häufiger schnell nach dem Notarzt gerufen", sagt Hummel. So komme es vor, dass Anrufer wegen einer verstopften Nase, durch die sie schlecht Luft bekommen, den Notruf betätigen. "Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, ob wirklich Rettungsfahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn losgeschickt werden müssen oder ob andere Hilfe besser ist." Nicht immer stoße dies beim Anrufer auf Verständnis.

Für Koberne ist es dennoch der richtige Job, den er täglich macht - auch nach 21 Jahren als Notarzt. "Ich kann Menschen direkt helfen", sagt er. Zudem komme er als Notfallmediziner täglich in neue Situationen, die es in einem Krankenhaus nicht gebe. In den meisten Fällen begleitet er seine Patienten bis in die Klinik und übergibt sie dort an Kollegen. Dann trennen sich die Wege. Was aus seinen Patienten wird, kann der Notarzt nur selten verfolgen. Mit dem nächsten Einsatz kommen neue Herausforderungen.

Dennoch hat er es auch mit regelmäßigen "Kunden" zu tun, sagt der Mediziner. "Es gibt sehr viele alte Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Da kommt es schon vor, dass wir immer und immer wieder gerufen werden." Ob bei ihnen oder in anderen Fällen: Dem Tod dürfe man als Notarzt nicht aus dem Weg gehen: "Ich habe gelernt, Endlichkeit anzuerkennen", sagt Koberne. Nicht jeder Patient, um den es schlecht stehe, könne zurück ins Leben geholt werden.

"Den Kampf gegen den Tod können wir nicht nur gewinnen", sagt er. Dies sei Teil seiner täglichen Arbeit. Diese Erkenntnis gebe es immer seltener, er wünsche sie sich in der Gesellschaft. "Nämlich zu akzeptieren, dass der Tod genauso zum Leben gehört wie die Geburt."

apa.at

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