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APA-Artikel 3. September 2015

Offene Gaumenspalte: In Graz werden Babys im dritten Monat operiert

Bei manchen Babys mutet das erste Lächeln etwas seltsam an: Ein Spalt erstreckt sich unübersehbar von der Oberlippe bis zum Nasenloch und trennt in der Mundhöhle auch den weichen und harten Gaumen. Für die Neugeborenen bedeutet das im Normalfall regelmäßige Operationen bis ins Teenageralter. Am Grazer Uniklinikum wird die Fehlbildung schon drei Monate nach der Geburt vollständig verschlossen.

Österreichweit werden jährlich rund 160 Babys mit einer Spaltenbildung geboren, schilderte am Donnerstag Katja Schwenzer-Zimmerer von der Klinischen Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im Pressegespräch in Graz. Die gravierendste Ausprägung ist die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte: Lippe, Kiefer und Gaumen sind zwar vorhanden, allerdings nicht zusammengewachsen. Neben der Mimik und Ästhetik beeinträchtigt die Fehlbildung mehrere Körperfunktionen. Die Kinder haben Schwierigkeiten beim Trinken, Schlucken, Essen, bei der Lautbildung und auch das Hörvermögen kann leiden. Die Behandlungskonzepte sind unterschiedlich, mehrmalige Operationen gehören jedoch zum Standardprogramm.

Schwenzer-Zimmerer leitet seit dem Vorjahr die Abteilung am Grazer Uniklinikum und hat es sich vor 20 Jahren zum Ziel gesetzt, den kleinen Patienten so früh und effizient wie möglich zu helfen. Mittlerweile operiert die Professorin an der Medizinischen Universität Graz die Babys, sobald sie drei Monate alt sind und mindestens fünf Kilogramm wiegen. "Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten gehören zu den schlimmsten Fehlbildungen, weil sie fast alle Bereiche im Leben negativ beeinflussen, besonders stark leidet die soziale Entwicklung. Wir wollen die physische und psychische Belastung von Kind und Eltern so niedrig wie möglich halten", betonte die Chirurgin.

Die Fehlbildung kann in der 25. Schwangerschaftswoche im Zuge des Organscreenings diagnostiziert werden. "Ab diesem Zeitpunkt können sich die Eltern an uns wenden. Wir informieren genau, was die Diagnose bedeutet und was getan werden kann", schilderte die Medizinerin. Kurz nach der Geburt wird in Graz dem Neugeborenen eine Trink- und Gaumenplatte eingesetzt , die den Mund- vom Nasenraum trennt und die Zunge in die richtige Position bringt. Gleichzeitig hilft die Platte die Position der Kiefersegmente langsam zu korrigieren.

Nach drei Monaten erfolgt der Eingriff, der rund dreieinhalb Stunden dauert und die Spalte in einem Zug komplett schließt. "Nach dem Eingriff dürfen die Kinder bei uns sofort trinken, sie werden nicht fixiert und sollen gleich die Mama spüren", erklärte Schwenzer-Zimmerer den weiteren Verlauf. Die meisten kleinen Patienten würden am dritten oder vierten Tag - "sobald sie ordentlich trinken" - wieder entlassen.

Die bisher in Deutschland und der Schweiz tätige Medizinerin hat am Universitätsspital Basel in den vergangenen zehn Jahren das interdisziplinäre Zentrum für Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten und kraniofaziale Fehlbildungen aufgebaut und geleitet. Sie perfektionierte dort das weltweit innovative Konzept des einzeitigen Spaltverschlusses im frühen Säuglingsalter (sogenanntes Baseler Konzept) , das zu Beginn der 1980er-Jahre entwickelt wurde, weiter.

Jahrelange Forschung und Erfahrungen im interdisziplinären Team, eine spezielle Lagerung des Babys bei der Operation und optimale Kinderanästhesie tragen dazu bei, dass heute laut Uniklinikum Graz weltweit niemand die Fehlbildung so früh in einer einzigen Operation behebt wie die Grazer Medizinerin.

apa.at

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