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APA-Artikel 24. August 2015

Alpbacher Gesundheitsgespräche: Die soziale Kluft reißt auf

Der soziale Status ist die Hauptdeterminante für Gesundheit und Krankheit, für die Lebenserwartung insgesamt und die Lebensspanne bis zum Auftreten von gesundheitlichen Einschränkungen. Das sagte am Montag bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen Michael Marmot, Direktor des Instituts für Gleichheit bei Gesundheit und zukünftiger Präsident des Welt-Ärzteverbandes.

"Es ist nicht ein Mangel an Gesundheitswesen, der krank macht. Es ist nicht ein Versorgungsengpass an Aspirin, der Kopfweh verursacht. Der Grund für Krankheit liegt hauptsächlich in den sozialen Unterschieden", sagte Marmot, der in den kommenden Wochen quasi sein Epidemiologie-Lebenswerk als Buch (The Health Gap) herausbringt.

Die Verbindung zwischen Armut bzw. Reichtum und Gesundheit bzw. Krankheit ist laut den Daten des britischen Wissenschafters kein Gruppenphänomen, sondern ein Merkmal der gesamten Gesellschaft. Marmot hat für jeden britischen Bezirk den sozialen Status der Einwohner mit der Lebenserwartung insgesamt und der Lebenserwartung in Gesundheit korreliert. Das Ergebnis, laut dem Experten: Die sozial am schlechtesten gestellten Menschen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 72 Jahren, die reichsten eine von 82 Jahren. Die Ärmsten leben durchschnittlich 52 Jahre in Gesundheit und ohne Behinderung, die Reichsten um die 70 Jahre.

"Das ist kein Phänomen von 'uns' und den Anderen, den Armen. Das ist ein Gradient, der uns alle betrifft. Die etwas weniger Reichen haben schon eine geringere Lebenserwartung als die ganz Reichen, die ganz Armen haben eine geringere Lebenserwartung als die etwas weniger Armen. Ich kann in London mit dem Rad binnen einer halben Stunde von den reichsten Teilen zu den ärmeren Gebieten fahren. Es gibt einen Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung von 20 Jahren", sagte Marmot.

Die beschämende Entwicklung besteht darin, dass auch in den reichen europäischen Staaten die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten breiter und tiefer geworden ist. Der Epidemiologe berichtete: "In den Jahren 1991 bis 1995 gab es in Schweden einen Unterschied in der Lebenserwartung von Frauen von 3,2 Jahren - je nach sozialem Status. Im Zeitraum 2006 bis 2010 betrug dieser Unterschied bereits 4,1 Jahre." Bei den Männern erhöhte sich der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung von fünf auf sechs Jahre.

Das zeigt sich auch in den Indikatoren, wofür die Menschen in Großbritannien vor und nach der Finanzkrise zuvorderst ihr Geld ausgeben. Marmot: "Ursprünglich wendeten die Ärmsten 48,3 Prozent ihres Einkommens für Essen, Heizung etc. auf, bei den Topverdienern lag dieser Anteil bei 16,4 Prozent. Zwischen 2004 und 2009 stieg der Anteil Basis-Lebenskosten am Einkommen um 12,5 Prozent, bei den Reichsten reduzierte er sich um 7,1 Prozent.

"Wir brauchen keine Revolution. Wir wissen, was zu tun ist. Wir brauchen nur die Situation verbessern, in die Babys hineingeboren werden, in der sie als Kinder aufwachsen, später als Erwachsene arbeiten und altern", sagte Marmot. Das könne zum Teil auch mit einfachen und billigen Mitteln erfolgen. "In Großbritannien wird 40 Prozent der Kinder aus den ärmsten Schichten im Alter von drei Jahren täglich vorgelesen. In den sozial am besten gestellten Schichten sind es 70 Prozent. Die ärmsten Mütter haben nach der Entbindung zu 20 Prozent eine postnatale Depression, die Mütter in den am meisten begüterten Schichten sind nur zu sechs Prozent betroffen."

Alle diese Voraussetzungen beeinflussen den Gesundheitsstatus der Menschen mehr als die Medizin direkt, wenn man von der Hilfe bei akuten Erkrankungen absieht. Marmot betonte: "Menschen mit hohem Einkommen erreichen den selben Status, was Invalidität betrifft - nur halt 15 Jahre später als die Armen." Länder, die hier wenig täten, sollten irgendetwas tun, um die soziale Situation der Menschen zu verbessern, Staaten mit mittlerem Aktivitätsstatus sollten mehr tun - und Länder wie Schweden eben ihre Anstrengungen verbessern. Laut den Daten des britischen Wissenschafters gelingt es Österreich übrigens relativ gut, bei Kindern die Armutsgefährdung durch Sozialleistungen abzufedern.

apa.at

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