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APA-Artikel 24. August 2015

D: Pille danach in Apotheker-Hand - Viel Aufregung um nichts?

Es ging ein Aufschrei durch die Ärzteschaft, als die Hoheit über die Pille danach den Apothekern in die Hände gelegt wurde. Falsche Beratung, mehr Abtreibungen und anderes mehr wurde befürchtet. Doch so schlimm kam es dann wohl doch nicht.

Nein, die Pille danach ist kein buntes Smartie und auch keine Halsschmerztablette. Die Nebenwirkungen der Notfall-Verhütungsmittel nach ungeschütztem Sex lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie können Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen oder gar Unterbauchschmerzen verursachen. Denn die Präparate greifen - zum Teil heftig - in den Hormonhaushalt der Frauen ein.

Bis zuletzt hatte sich die Union und auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) dagegen gestemmt, die Pille danach ohne Rezept und Beratung durch einen Arzt an Frauen abzugeben. Wohl nicht nur wegen gesundheitlicher Bedenken, sondern auch wegen ethisch-moralischer. Mädchen und jungen Frauen könnten leichtsinniger werden, wenn ihnen auf diesem Wege nach ungeschütztem Sex Angst vor versäumter Verhütung genommen wird.

Doch dann wurde der Druck aus Brüssel zu groß. Nach einer recht deutlichen "Empfehlung" des EU-Arzneimittelausschusses war weiterer Widerstand zwecklos. Begleitet von einem Aufschrei vor allem der Frauenärzte musste Gröhe die Abgabe der Pille danach in die Hände der Apotheker legen - rezeptfrei und mit der Bitte, dass doch nun die Apotheker die Beratung der häufig jungen Frauen und Mädchen zwischen 16 und 20 übernehmen sollen.

Die Handlungsempfehlungen der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände für die Beratung sei lückenhaft, lautete eine Besorgnis von Berufsverbänden der Frauenärzte. So stehe nicht drin, dass die Wirkung der Präparate bei höherem Körpergewicht der Frauen abnehme. Allerdings: Um auf diese Idee zu kommen, muss man nicht zwingend Frauenarzt sein.

Eine fehlerhafte Beratung erhöhe die Gefahr unerwünschter Schwangerschaften dramatisch. Als Folge könnte die Rate von Schwangerschaftsabbrüchen bei Teenagern ansteigen, hieß es weiter. Die Debatte über die Rezeptfreiheit der Pille danach wurde sehr ideologisch geführt. Aus der konfessionellen Ecke kam gar der Verdacht, dass es sich nicht nur um eine Notfall-Verhütungs-, sondern um eine Abtreibungspille handle.

Nach Angaben von Experten verschiebt oder verhindert die Pille danach den Eisprung so, dass keine Befruchtung stattfinden kann. Sollte die Eizelle sich bereits im Eileiter oder in der Gebärmutter befinden, verhindere sie weder deren Befruchtung noch das Einnisten in die Gebärmutter. Sie verhüte Schwangerschaft, sie breche sie nicht ab. Je nach Präparat wirkt die Pille noch bis zu 72 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr.

Knapp ein halbes Jahr nach Einführung der Rezeptfreiheit verziehen sich langsam die Gewitterwolken. "Es sind keinerlei, wirklich keinerlei Sicherheitsprobleme aufgetaucht", versichert ABDA-Präsident Friedemann Schmidt der Deutschen Presse-Agentur. Das gelte auch für jüngere Frauen und Mädchen. Man setze die Frauen keinem Risiko aus.

Gut, es gebe Einzelfälle, dass Frauen nicht hinreichend über die Verfahren informiert seien. Dies sei aber mit einer vernünftigen Beratung aus der Welt zu schaffen. Auch dass Mädchen die Pille danach nicht als Notfall-, sondern als Dauerverhütungsmethode missverstehen könnten, sei kein wirkliches Problem.

Im Gegenteil: Die Frauen schätzten es, dass sie leichteren Zugang zur Pille danach hätten. Zugleich erlebten die Apotheker einen sehr verantwortungsvollen Umgang der Frauen mit dieser Möglichkeit, erläuterte Schmidt, der als Apotheker selbst noch im Nacht- und Notdienst Einsätze fährt.

Ohne Rezept müssen die Kundinnen selbst zahlen. Anspruch auf Kostenübernahme durch die Krankenkassen besteht nur nach Verschreibung und für Frauen und Mädchen unter 20 Jahren. Dennoch verzichten die allermeisten auf ärztliche Beratung und ein Rezept. 81 Prozent machen das mit sich alleine aus: Sie gehen nach ungeschütztem Sex einfach in die Apotheke, holen sich die Pille danach und übernehmen die Kosten selbst.

Erwartungsgemäß haben nach Abschaffung der Rezeptpflicht mehr Mädchen und Frauen zur Pille danach gegriffen. Von Februar bis Mai stieg die Packungsabgabe um fast 60 Prozent. Die Honorareinnahmen, die den Ärzten verlorengingen, könnten nun den Pharmaunternehmen mehr als zugutekommen.

Von Ruppert Mayr, dpa

apa.at

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