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APA-Artikel 25. Juni 2015

Darmkrebs-Screeningprogramm wirkt - Daten aus Vorarlberg

Das in Vorarlberg über sieben Jahre hinweg durchgeführte Darmkrebs-Screeningprogramm per Koloskopie hat Menschenleben gerettet und Leid erspart. Das zeigt die Auswertung des Programms. Trotz dieser Zahlen existiere aber bei beim Hauptverband der Sozialversuchungsträger eine "Blockadehaltung" bei solchen Programmen, beklagten Ärztekammervertreter am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien.

In Österreich erkranken pro Jahr rund 4.350 Menschen an Dickdarmkrebs. "96 Prozent dieser Erkrankungen sind verhinderbar", sagte Vorarlbergs Ärztekammerpräsident Michael Jonas. Per Koloskopie ("Darmspiegelung") bei Menschen über 50 alle sieben bis zehn Jahre ließen sich gefährliche Darmpolypen, aus denen Karzinome entstehen können, gut feststellen und rechtzeitig entfernen. Die Koloskopie ist wahrscheinlich eine der genauesten Früherkennungs- bzw. Vorsorgeuntersuchungen. Doch es gibt in Österreich - im Gegensatz zum Brustkrebsscreening - kein flächendeckendes und qualitätsgesichertes Programm dafür.

In Vorarlberg haben Ärztekammer, Gebietskrankenkasse und Bundesland (Spitalserhalter) 2007 ein solches Programm etabliert. Die Zahlen bis Ende 2013 wurden gemeinsam ausgewertet. Laut Jonas lassen sich die gesundheitlichen und ökonomischen Vorteile eindeutig belegen: "Wir haben 23.881 Vorsorgekoloskopien durchgeführt. Daran nahmen 21 Prozent der Versicherten aus der Zielgruppe der über 50-Jährigen teil."

Während vor dem Programm in Vorarlberg etwa jeder zweite Dickdarmkrebs bei der Diagnose bereits metastasiert war, war in dem Programm für drei Viertel der Patienten mit gefährlichen Darmpolypen die Sache mit dem Abtragen bei der Koloskopie erledigt. 1,3 Prozent hatten ein Frühkarzinom, 0,5 Prozent bereits Darmkrebs. Doch selbst die echten Karzinomerkrankungen wurden zu 70 Prozent im Frühstadium festgestellt. Der Vorarlberger Ärztekammerpräsident: "Das ist ein gewaltiger medizinischer Fortschritt. Nur noch 8,8 Prozent der Darmkrebserkrankungen (statt wie früher die Hälfte; Anm.) wurden im Stadium der Metastasierung (unheilbar; Anm.) vorgefunden."

Wie Jonas betonte, lassen sich durch ein solches Programm allein an medizinischen Kosten in Vorarlberg pro Jahr knapp sechs Millionen Euro einsparen. "Im Vollausbau könnten in Österreich 150 Millionen Euro eingespart werden."

Doch laut dem Vizepräsidenten der Österreichischen Ärztekammer, Johannes Steinhart, bläst solchen Programmen beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger heftiger Gegenwind entgegen. "Mit großer Sorge müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir im Bereich der Vorsorge in eine Gefahrenzone kommen. (...) Bei den Gesundenuntersuchungen ist seit 20 Jahren keine Leistungsanpassung (Honorare; Anm.) vorgenommen worden. Wir haben dabei Verluste von rund 120 Millionen Euro allein in den letzten zehn Jahren gehabt." Die Krankenkassen würden eher auf Verkomplizierung des Zugangs für die Versicherten und auf eine Reduktion der Untersuchungsfrequenz statt auf die sinnvolle Ausweitung setzen.

Heftige Ärztekritik

Für den Vizepräsidenten der Österreichischen Ärztekammer, Johannes Steinhart, gibt es gleich mehrere Problempunkte bezüglich der Gesundenuntersuchungen und der Früherkennung in Österreich. Zunächst müsse das Ärztehonorar für die Gesundenuntersuchung nach 20 Jahren angepasst werden.

"Mit 1.000 Schilling hat es angefangen. Geblieben sind es jetzt 75 Euro", sagte der Kammervertreter. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat offenbar eine Erhöhung auf 82 Euro angeboten. Die Ärztekammer steht bei einer Verhandlungsposition von 95 Euro. Geändert werden sollte auch das Brustkrebsscreeningprogramm, wie Steinhart betonte. Hier hätte man durch den Wegfall der Überweisungen von Frauen durch ihre Ärzte zu der Untersuchung einen deutlichen Frequenzrückgang zu verzeichnen. Warten will der Kammerpolitiker nicht: "Wenn der gelieferte Kühlschrank nicht funktioniert, wartet man auch nicht zwei Jahre."

Schließlich sollte in Österreich jenes Darmkrebs-Früherkennungsprogramm per Koloskopie-Screening flächendeckend etabliert werden, über das seit rund zehn Jahren diskutiert wird. "Die Inanspruchnahme solcher Untersuchungen in Österreich ist mit weniger als zehn Prozent (bei den über 50-Jährigen; Anm.) extrem niedrig. (...) Mit einem verhinderten Darmkrebsfall erreicht man eine Ersparnis von 250.000 Euro", sagte der Vorarlberger Ärztekammerpräsident, Michael Jonas.

Steinhart nannte die mangelnde Forcierung solcher Programme ein "schlechtes Geschäft bei den Gesundheitskosten" und fügte bezüglich des ersparten Leids und der verhinderbaren Todesfälle hinzu: "Es ist eine unglaubliche ethische und moralische Haltung, dass man hier nicht mit Vollgas investiert." Auch bei den Vorsorgekoloskopien gibt es seit Jahren ein Gezerre zwischen den Ärzten und den Krankenkassen wegen des Honorars. Die Koloskopien nach dem "State of the Art" sind personal- und zeitintensiv. Weiters müssen die technischen Einrichtungen von hoher Qualität sein.

In Vorarlberg bekommen die teilnehmenden Ärzte pro Früherkennungs-Koloskopie 250 Euro. Zusätzlich wird die Entfernung von ein bis vier Polypen per Schlinge mit 40 Euro bezahlt. Finanziert werden auch die Abführmittel, Verbrauchswaren und das Beruhigungsmittel. Laut den Ärztevertretern haben speziell in Wien in jüngerer Vergangenheit einige Ärzte mit den Koloskopien aufgehört, weil sich die Sache nicht mehr rechne. Die Spitäler könnten den Bedarf aber nicht abdecken. Erst vor kurzem hat der Berufsverband der Gynäkologen darauf hingewiesen, dass das Honorar für eine Mutter-Kind-Pass-Untersuchung mit einem Zeitaufwand von 30 Minuten seit 20 Jahren 18 Euro betrage.

apa.at

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