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APA-Artikel 23. Juni 2015

Video-Dolmetsch-System in Wiener Arztpraxis

Erstmals gibt es jetzt ein Video-Dolmetschsystem in einer österreichischen Kassenarztpraxis. Bei Medico-Chirurgicum in Wien-Liesing des Chirurgen Friedrich Weiser wird bei Sprachproblemen im Rahmen des Aufklärungsgesprächs vor allem für Gastro- und Koloskopien ein Online-Dolmetsch-Service zugeschaltet. NÖ-Patientenanwalt Gerald Bachinger wünscht die flächendeckende Anwendung solcher Systeme.

"Wir Ärzte sind verantwortlich dafür, ein korrektes Aufklärungsgespräch mit dem Patienten zu führen. Der Video-Dolmetsch-Service gibt uns auch die rechtliche Sicherheit", sagte Weiser, der mit Kollegen in der Praxis pro Monat rund 1.200 Endoskopien durchführt, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. "15 bis 20 Prozent unserer Patienten haben Migrationshintergrund." Bei weitem nicht immer sei bei Sprachproblemen ein Ehepartner vorhanden, um eventuell als Übersetzer auftreten zu können. Weiser hat deshalb den selbst finanzierten Pilotversuch gestartet, für den er auch finanzielle Unterstützung sucht, weil 15 Minuten Übersetzer-Service fast schon das Quartals-Pauschale des Arztes für einen Patienten (36 Euro) ohne Sonderleistungen auffrisst.

Jeder medizinischen Behandlung muss ein zwischen Behandler und Kranken abgeschlossener "Behandlungsvertrag" zugrunde liegen. Hat der Patient die dafür notwendigen Informationen nicht oder nicht ausreichend verstanden, ist das nicht der Fall. Dann können rechtliche Konsequenzen drohen. Das kann bis zum strafrechtlichen Tatbestand der Körperverletzung durch den Arzt und natürlich auch zu jeder Menge Haftungsproblemen führen.

Das System selbst wurde ehemals von der Plattform Patientensicherheit unter Kooperation mit der Universität Wien, dem Gesundheitsministerium, Gesundheit Österreich Gmbh und Fonds Gesundes Österreich initiiert und im Rahmen eines Pilotversuchs getestet. So funktioniert es: Im Ordinationsraum des Arztes ist ein Bildschirm montiert, tippt der Arzt auf einem Menü die erforderliche Sprache an, meldet sich binnen höchstens 120 Sekunden per Videoleitung einer von rund 500 ausgebildeten Dolmetschern der SAVD Videodolmetschen GmbH. Er stellt sich vor, fragt, ob der Patient mit einer Übersetzung des Gesprächs einverstanden ist und dolmetscht dann. Die Datensicherheit ist gewährleistet.

Der Sprecher der österreichischen Patientenanwälte, Gerald Bachinger, sprach sich vehement für solche Systeme aus: "Kommunikationsprobleme ziehen sich wie ein Roter Faden durch das, was mich täglich beschäftigt. Was Patienten und Behandler oft trennt, ist die gemeinsame deutsche Sprache. Diese Problematik ist noch ungleich schärfer bei Menschen mit Migrationshintergrund."

Bachinger kritisierte die bisher nur punktweise Etablierung des Systems im österreichischen Krankenhauswesen: "Das AKH Linz ist flächendeckend dabei, auch das St. Anna-Kinderspital in Wien, SALK (Salzburger Krankenhausgesellschaft; Anm.) und Tilak (Tiroler Krankenhausträger; Anm.) überlegen. In Wien und in Niederösterreich ist das leider derzeit kein Thema."

Paradefall bei solchen Problemen war vor einiger Zeit ein englischsprachiger 16-jähriger Tourist, der nach einem Unterschenkelbruch in einem Spital in Niederösterreich offenbar nicht ausreichend mit leidlich Englisch sprechenden Ärzten kommunizieren konnte. Der Patient hätte sofort operiert werden müssen, um eine eventuelle Amputation zumeiden. Laut Bachinger schloss der Patient aus einer Formulierung der Ärzte, dass man bereits zur Amputation entschlossen wäre und verweigerte den Eingriff. Als am nächsten Tag, als eine Krankenschwester auf das Missverständnis stieß, war es bereits zu spät.

apa.at

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