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APA-Artikel 17. Juni 2015

Cannabis als Medizin in Israel: "Wir sind erleichtert"

Die Wirkung von medizinischem Cannabis ist umstritten. Ausgerechnet im kleinen Israel schwören Tausende Patienten darauf. Auch Kinder bekommen das Mittel verschrieben - teils mit erstaunlichem Erfolg.

Es begann, als Jali vier Monate alt war. Der Junge wand sich unter Krämpfen, die Muskeln zuckten. Die epileptischen Anfälle sollten jahrelang wiederkehren: Immer wieder schlug der Körper des Kleinen plötzlich aus, oft mehrmals am Tag. Um sich nicht zu verletzen, trug Jali einen Sturzhelm. Die Eltern lebten ständig in Sorge, die beiden Brüder fühlten sich vernachlässigt. "Die Krankheit hat unser ganzes Leben bestimmt", sagt Mutter Jael Bracha.

Heute ist Jali sieben Jahre alt - und symptomfrei. Das verdankt er einem Mittel, das vielerorts illegal und überall umstritten ist: Cannabis. Dreimal am Tag bekommt Jali mehrere Tropfen, die die Wirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) enthalten. Seit er das Mittel nehme, erzählt die Mutter, habe er keinen einzigen Anfall mehr gehabt.

Um den medizinischem Einsatz von Cannabis ranken sich viele Mythen, vermischen sich Sorgen um das Patientenwohl und wirtschaftliche Interessen. Richtig dosiert kann Cannabis offenbar Schmerzen und Entzündungen lindern, den Appetit anregen und die Stimmung heben. Kritiker bemängeln dagegen, der Nutzen sei zu wenig erforscht, das Risiko zu groß.

In Deutschland erhalten nur wenige Patienten eine Erlaubnis zum Konsum des Mittels. Einziges hierzulande zugelassenes Medikament auf Cannabis-Basis ist Sativex. Viele Kassen übernehmen die Kosten. Schwerkranke Menschen dürfen mit einer Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auch Cannabisblüten oder -Extrakt über Apotheken beziehen. Bundesweit hätten derzeit 403 Patienten die Erlaubnis, sagt BfArM-Sprecher Maik Pommer. Seit 2005 wurden 740 Anträge gestellt, 449 davon genehmigt.

In Israel dagegen, wo Jali mit seiner Familie lebt, hat sich Cannabis für medizinische Zwecke etabliert. Mehr als 20 000 Patienten haben laut Gesundheitsministerium eine Lizenz für den Kauf solcher Medizin. Für viele ergänzt der Stoff konventionelle Medikamente. So auch für Jali.

Bevor der Junge Cannabis bekam, musste er sechs verschiedene Medikamente nehmen. Er wurde fahrig, konnte sich schlecht ausdrücken - und trotzdem blieben die epileptischen Anfälle nicht aus. Im Herbst 2014 krampfte er zwei volle Tage lang. Erst ein künstliches Koma stoppte den Schock. Die Angst um das Kind belastete die Familie. Bis einer der älteren Söhne im Internet auf einen Artikel stieß: Medien berichteten über Kinder in den USA, deren Epilepsie durch Cannabis gelindert wurde.

"Natürlich hatte ich Zweifel", sagt Jael Bracha. "Was, wenn mein Sohn in einen Drogenrausch fällt?" Erst als sie ihr Kind im Koma sah und damit "keine andere Chance", bat Bracha einen Arzt um ein Cannabis-Rezept.

Wer in Israel das erste Mal Cannabis verschrieben bekommt, landet oft bei Tikun Olam im Zentrum von Tel Aviv. Die Organisation - übersetzt bedeutet ihr Name "Die Welt heilen" - ist der größte Cannabis-Anbieter des Landes. Ihre Praxis liegt im Parterre eines Wohnhauses, gleich links von einem Pilates-Studio. An den Wänden hängen Bilder von den Blüten, daneben der Dankesbrief eines Patienten: "Cannabis hat mein Leben verändert."

Mehrere Tausend Menschen werden von Tikun Olam betreut, darunter rund 70 Kinder. Tikun Olam preist Cannabis als Wundermittel mit vergleichsweise wenig Nebenwirkungen: Es helfe unter anderem bei neurologischen Krankheiten, chronischen Schmerzen, posttraumatischer Belastung. "Wir finden, dass Cannabis schon viel früher verschrieben werden sollte", sagt eine Sprecherin.

Doch auch im aufgeschlossenen Israel erhält Cannabis nur, wer nachweisen kann, dass konventionelle Medizin bislang versagt hat. Allen Lobeshymnen zum Trotz: Es fehlen große Studien, die die Wirkung zweifelsfrei belegen.

So sieht es auch das israelische Gesundheitsministerium. "Viele Menschen berichten zwar, dass es ihnen mit Cannabis besser geht", sagt Boaz Lev, Leiter der Gesundheitsabteilung. "Aber es ist schwer, den objektiven Nutzen von Cannabis zu messen." Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass Patienten das Mittel öffentlich konsumierten oder mit Gesunden teilten. Mancher Patient verkaufe es gar weiter.

Allerdings zeigt eine US-Studie im Fachblatt "The Lancet", dass die Freigabe von Marihuana als Arznei den Freizeit-Konsum nicht anregt. Die Forscher der Columbia University in New York hatten Daten von mehr als einer Million Jugendlichen aus 48 US-Staaten zwischen 1991 und 2014 ausgewertet. Hinweise darauf, dass mehr gekifft wird, wenn Marihuana vom Arzt verordnet wird, fanden sie nicht.

Israel hat sich zwar dafür entschieden, Cannabis für Kranke zugänglich zu machen. Aber die Haltung ist klar: "Cannabis ist eine Droge", sagt Lev, "und kein Medikament."

Jael Bracha, die Mutter des Kranken Jali, würde sich immer wieder für die "Droge" entscheiden. Auch wenn die Familie die 370 Schekel - rund 85 Euro - pro Monat selbst zahlen muss. Doch seit der Junge das Mittel nehme, müsse er keinen Helm mehr tragen - die Gefahr der Stürze sei gebannt. "Wir sind erleichtert", sagt Bracha. Und Nebenwirkungen? Jael Bracha überlegt. "Jali kichert viel", sagt sie schließlich. Eine Folge, die sie gerne in Kauf nimmt.

Von Alexandra Rojkov, dpa

apa.at

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