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APA-Artikel 1. Juni 2015

Österreichische Ärztetage: "Big Data" 2 - Neue Präventionsstrategien

In Sachen Gesundheit der Österreicher ließen sich die neuen Erkenntnisse der komplexen Analyse von "Big Data"-Pools zum Beispiel in der Prävention anwenden. "Wir können 85 bis 95 Prozent der Krankheitsinzidenz (Häufigkeit des Neuauftretens pro Jahr; Anm.) innerhalb von zehn Jahren vorausberechnen", sagte MedUni-Wien-Experte Peter Klimek am Sonntag bei den Ärztetagen in Grado.

So könnte man beispielsweise viele der "vorprogrammierten" chronischen Erkrankungen beim Auftauchen ihrer Vorläufer noch verhindern bzw. zumindest deren Entstehen bremsen und zeitlich nach hinten verschieben. Aus der Analyse historischer Daten lassen sich auch frappierende Erkenntnisse zu bisher kaum belegbaren ursächlichen Beziehungen zwischen Lebensumständen und in der Generationenfolge auftretenden Erkrankungen ziehen. So zum Beispiel fanden die Wiener Wissenschafter heraus, dass Kinder, welche von Müttern unmittelbar nach den Hunger- bzw. Mangelernährungsperioden 1918/1919, 1938 und um 1946 geboren wurden, ein deutlich erhöhtes Diabetes-Risiko aufwiesen. Die Mangelernährung der Mütter wirkte auf deren Kinder weiter. Das zeigt, dass Kinder schon im Mutterleib auf spätere Erkrankungen "vorbereitet" werden können.

Auch "Beipackzettel der Zukunft" wären über die neuen Analysen möglich: So zum Beispiel zeigte die Analyse von Verschreibungs- und Krankheitsdaten, dass offenbar bestimmte bei Typ-2-Diabetes verwendete Medikamente (Sulfonylharnstoffe) häufiger mit folgenden Krebserkrankungen in Verbindung stehen als zum Beispiel der Wirkstoff Metformin. Eine andere Erkenntnis, die der Experte feststellte: "Gehirntumore sind offenbar rein genetisch bedingt. Krankheiten wie Morbus Hodgkin oder Hautkrebs werden überwiegend durch Umwelteinflüsse verursacht."

Ein ganz anderes Anwendungsgebiet ist die Strukturplanung im Gesundheitswesen. Hier kann mit "Big Data" aus den Krankenhäusern, Ambulanzen, den Überweisungsdaten von Allgemeinmedizinern und Fachärzten, das Netzwerk abgebildet werden, in dem sich in ganz Österreich, im jeweiligen Bundesland und/oder in der jeweils untersuchten Region die Gesundheitsversorgung abspielt. Erstmals lässt sich das auch quantitativ darstellen.

Anhand der Daten von 12.000 österreichischen Anbietern von Gesundheitsleistungen (Allgemeinmediziner, Fachärzte, Ambulanzen, Spitäler, Kinderärzte) aus dem Jahr 2006 konnten Klimek und seine Co-Autoren zum Beispiel zeigen, dass häufig die Gatekeeper-Funktion der Hausärzte durchaus funktioniert - allerdings nicht im "Speckgürtel" rund um Wien. Dort findet vermehrt eine völlig unstrukturierte Inanspruchnahme der verschiedenen Ebenen des Gesundheitswesens statt.

Allen Beteiligten ist klar, das bei "Big Data" auf jeden Fall ein erheblicher Anteil der Informationen nicht richtig ist. Doch das kann man herausrechnen. "Wenn 20 Prozent der Diagnosen nicht stimmen, kürzen sie sich insgesamt heraus", sagte Klimek. Irrtümer oder Fehlangaben in alle Richtungen bilden da ein "Grundrauschen", das durch die Millionen anderen Daten an Gewicht verlieren.

Klimek hat diese Methoden übrigens auch mit den Informationen aus der letzten Präsidentschaftswahl in Russland mit Wladimir Putin als Gewinner in einer Analyse angewendet. Fazit: Alles deutete auf "sehr starke Unregelmäßigkeiten" hin. Auch bei Wahlen mit den Informationen von Millionen Menschen verrät die komplexe Datenanalyse bis dahin nicht dokumentierbare Hintergründe.

apa.at

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