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APA-Artikel 21. Mai 2015

Krankenhausinfektionen: Nicht nur Schlamperei und Resistenzen

Fast regelmäßig gibt es Schlagzeilen wegen Krankenhausinfektionen (nosokomiale Infektionen). Doch das Thema ist komplex. Höchstens 30 Prozent der Fälle sind vermeidbar. Die Arbeitssituation im Krankenhaus ist wesentlich an den Risiken beteiligt. Dies stellten Experten Mittwochabend bei einem Round-Table-Gespräch in Wien fest.

Das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC/Stockholm) geht von jährlich in der EU auftretenden 4,1 Millionen Infektionen aus, die "gesund" ins Krankenhaus gekommene Patienten dort erst erwerben. Das macht den Zahlen zufolge jährlich 37.000 Todesfälle. Die Mortalität kann bei Spitalspatienten dadurch um 50 Prozent steigen.

Schnell zitierte "Schlamperei" und resistente Keime sind nur ein Teil des Problems. "Es ist so, dass nicht alle nosokomialen Infektionen vermeidbar sind, es sind zwischen 20 und 30 Prozent. Es kommt darauf an, dass gemäß modernen Standards gearbeitet wird, dass sie 'gelebt' werden", sagte Thomas Hauer, Ärztlicher Leiter des deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Heidelberg.

Allerdings können die Folgen solcher Infektionen desaströs sein: Infektionen nach Operationen wegen eines künstlichen Hüftgelenks mit nicht funktionierendem Implantat und Reoperation, lebensbedrohlicher Sepsis in der Intensivstation und viele andere Konsequenzen. Schnell heißt es dann, die Infektion sei "schicksalshaft" eingetreten, resistente "Killer-Keime" machen Schlagzeilen. Auch das ist offenbar eine zu einfache Betrachtungsweise. Hauer: "Der Anteil der multiresistenten Keime, das sind vielleicht 15 Prozent." Die meisten nosokomialen Infektionen würden durchaus auf Antibiotika ansprechen, möglichst vermieden werden sollten sie trotzdem.

Österreich liegt hier im europäischen Durchschnitt. "Unsere (Spitals-)Infektionsrate liegt in etwa beim europäischen Durchschnitt von sechs Prozent. Pneumokokken, Harnwegs- und Wundinfektionen stehen im Vordergrund", zitierte Elisabeth Presterl, Chefin der Universitätsklinik für Hygiene und Infektionskontrolle im Wiener AKH (MedUni Wien) neue Daten aus einer österreichischen Studie ihres Referenzzentrums.

Immer mehr rücken Infektionen mit dem Durchfallkeim Clostridium difficile in den Blickpunkt von Hygienikern und Infektionsfachleuten. "Was wir gesehen haben, ist eine Mortalität von mehr als zehn Prozent", sagte AGES-Experte Franz Allerberger mit Blick auf österreichische Studien. Die Sterblichkeit könne bei solchen im Krankenhaus erworbenen Infektionen sogar bei 20 liegen. "Faktum ist, dass die Belagstage (Krankenhausaufenthalt; Anm.) in einem solchen Fall um zehn Tage steigen. Zehn bis 15 Prozent der Patienten erleiden später ein Rezidiv (Rückfall; Anm.)."

An sich wären alle Maßnahmen bekannt, mit denen man eine gute Krankenhaushygiene betreiben könnte. Es kommt aber darauf an, dass das Personal darin gut genug ausgebildet und trainiert wird. Schließlich muss es auch die Möglichkeit haben, die notwendigen Vorkehrungen jeweils im Rahmen eines geordneten Arbeitsablaufes zu treffen. "Das Gros des Personals ist ja motiviert. Es müssen aber die gesamten Abläufe durchführbar sein", sagte Hauer. Zeitarbeitskräfte mit schlechter Ausbildung (Out-Sourcing) und Arbeitsüberlastung rächen sich hier. Das haben auch Clostridium difficile-Ausbrüche in britischen Krankenhäusern gezeigt.

Für den Wiener Gynäkologen und Medizin-Sicherheitsexperten Norbert Pateisky liegt es vor allem an einem "vernünftigen Anreizsystem" für alle Beschäftigten im Krankenhaus. Noch mehr und noch restriktivere "Dienstanweisungen" hätten einfach keinen Effekt mehr. Im schlimmsten Fall werden die Gerichte bemüht. Die Juristin und Generalsekretärin der Wiener Plattform Patientensicherheit, Maria Kletecka-Pulker, verwies darauf, dass es nur wenige Fälle in Österreich gegeben hat, in denen die Schuldhaftigkeit von nosokomialen Infektionen ausjudiziert worden sei. "Das Problem ist, dass das der Patient beweisen muss, und das ist wahnsinnig schwierig."

apa.at

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