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APA-Artikel 20. Mai 2015

OP am gesunden Arm - Bei Ärztefehlern liegt vieles im Dunkeln

Auch Ärzte machen Fehler. Allein rund 3800 wurden bei Krankenkassen im vergangenen Jahr erfasst. Die körperlichen Folgen können immens sein - und die Entschädigung lässt oft lange auf sich warten.

Ein Schuljunge verletzt sich am Arm und lässt sich in einem Krankenhaus behandeln. Bereits einige Jahre zuvor war er dort wegen eines gebrochenen Arms versorgt worden. Die Ärzte röntgen nun die aktuelle Verletzung. Diagnose: Erneut ist der Arm gebrochen. Doch bei der Operation stellen die Mediziner überrascht fest, dass alles heil ist. Was war passiert? Die Ärzte hatten das alte und das neue Röntgenbild des Jungen vertauscht.

Doch nicht immer gehen die Behandlungsfehler so glimpflich aus wie in diesem Fall. Im vergangenen Jahr kamen Gutachter im Auftrag der Krankenversicherungen zum Schluss, dass 155 Patienten an direkten oder indirekten Folgen eines Fehlers starben. 1294 Patienten erlitten einen Dauerschaden. 14 663 Verdachtsfälle wurden insgesamt vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) begutachtet. In 3796 Fällen erkannten die Gutachter einen Behandlungsfehler - ein leichter Anstieg von 109 im Vergleich zu 2013.

In einem Fall starb beispielsweise eine Patientin, weil ein Darmverschluss viel zu spät diagnostiziert worden war. Sie wurde erst operiert, als der Darm schon gerissen war. Die Folge war eine Blutvergiftung. In 34 Fällen seien Fremdkörper bei Operationen im Patienten zurückgelassen worden, wie Tupfer, Drähte oder abgebrochenes OP-Besteck. 25 Mal erfolgten Maßnahmen oder Operationen am falschen Körperteil - all dies wäre vermeidbar gewesen. "Jeder Fehler ist einer zu viel und jeder Fehler zählt", sagt der beim MDK zuständige Leiter Patientensicherheit, Max Skorning. Die Ursachen dafür seien unglaublich vielfältig - "von mangelndem Fachwissen, Übermüdung und Abstimmungsproblemen".

Fazit der MDK-Analyse: Patienten werden zu schlecht vor solchen Fehlern geschützt. Die Kassen fordern deshalb eine umfassende, landesweite Registrierung der Fälle, um auch die Analyse nach Ursachen voranzubringen. "Sicherlich wird man dann auch eine gewisse Verbindlichkeit, möglicherweise über Gesetze dafür herstellen müssen", sagt Vize-Geschäftsführer Stefan Gronemyer. In den USA, England oder Irland seien diese Register bereits Pflicht.

Derzeit können sich Patienten nicht nur an die Krankenversicherungen wenden, sondern unter anderem an Gutachterstellen der Ärzteschaft oder direkt an Gerichte. Über die so bekanntwerdenden Fehler hinaus gibt es nach Einschätzung der Experten eine hohe Dunkelziffer.

Um Fehler möglichst zu vermeiden, wollen Experten auch bestehende anonyme Meldesysteme weiter voranbringen. Ärzte oder medizinisches Personal können so Behandlungsfehler nennen und beschreiben, ohne jemanden dabei an den Pranger stellen zu müssen. Ihre Kollegen sollen dann daraus lernen und weitere Probleme dieser Art vermeiden. Zahlreiche Krankenhäuser und auch zum Beispiel Zahnärzte setzen das bereits ein.

Nicht nur die körperlichen Schäden verbittern zahlreiche Patienten. Auch Entschädigungen zu bekommen, wird für viele zu einem nervenaufreibenden Prozess. Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse (WINEG) zeigt, dass es in 39 Prozent der untersuchten Fälle 5 bis 10 Jahre dauere, bis über eine Entschädigung entschieden ist. In 19 Prozent der Fälle dauert es demnach sogar noch länger.

Oft würden Gutachten etwa des MDK vor Gericht nicht anerkannt, kritisiert das Aktionsbündnis Patientensicherheit. Sein Geschäftsführer Hardy Müller fordert: "Wir dürfen die Menschen nicht zum zweiten Mal zu Opfern machen." Wenn es einen Schaden gibt, müssten die Patienten viel schneller und leichter rechtliche Klarheit und Entschädigung bekommen. Das Problem sei, dass viele Betroffene nach einem Schaden nicht mehr arbeiten können und das Leben existenziell bedroht ist. Müller: "Dann 10 bis 15 Jahre lang zu klären, wer haftet, ist unzumutbar."

apa.at

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