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APA-Artikel 22. April 2015

Tschernobyl - Ärztin erinnert sich an Arbeit in der Todeszone

Auch fast 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kämpfen Menschen mit den Langzeitfolgen des Unglücks vom 26. April 1986. Eine Betroffene ist die Ukrainerin Natalija Tereschtschenko, die mehr als 30 Tage beim ukrainischen AKW verbringen musste. "Du bist Ärztin. Du bist Parteimitglied", bekam die heute 64-Jährige zu hören, als sie damals in die verstrahlte Todeszone kommandiert wurde.

Über die wahren Umstände und Auswirkungen der Katastrophe wusste die Laborärztin damals genau so wenig Bescheid, wie ihre ebenfalls am Unglücksort als "Liquidatoren" eingesetzten Patienten, deren Blutwerte sie im Akkordtempo zu kontrollieren hatte. "Im August 1986 habe ich einen Dienstreiseausweis in die Region Kiew bekommen", erinnerte sich Tereschtschenko im Gespräch mit der APA in Wien - dass der Zielort Tschernobyl heißen sollte, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Später wurde dann klar, dass sie die nächsten 20 Tage in einem städtischen Krankenhaus verbringen würde - weniger als zehn Kilometer vom Reaktor entfernt in einem Gebiet, das auch heute nach wie vor eine Sperrzone ist. 32 Tage sollte sie schließlich dort fast 18 Stunden pro Tag ihren Dienst versehen. Die Folgen: Ein Geschwulst an ihrer Hand, das später mehrfach operiert werden musste und das Faktum, noch heute auf starke Medikamente angewiesen zu sein.

"Wir hatten nur theoretische Kenntnisse über die Strahlenkrankheit, aber nicht über die tatsächlichen, katastrophalen Auswirkungen auf unsere Gesundheit", sagte die Laborärztin. Als sich im Laufe der Zeit die Folgeerkrankungen schließlich einstellten, hätten die Behörden mit Verschleierungstaktiken reagiert: "Es wurden keine korrekte Diagnosen gestellt, sondern man versuchte, die Folgen zu verheimlichen. So war es etwa verboten, die Strahlenkrankheit als solche zu diagnostizieren."

Doch die Auswirkungen von Kernschmelze und Explosion des Reaktormantels waren eindeutig und tödlich: Tereschtschenko war eine von insgesamt 54 einberufenen Ärzten und Krankenpflegern aus ihrer Brigade - nur drei dieser "Liquidatoren" waren rund drei Jahrzehnte später noch am Leben. Die Betroffenen mussten lange darum kämpfen, bis sie wenigstens kleine Entschädigungen in Form von vergünstigten Mieten oder kostenlosen Medikamenten bekommen sollten. "Der Staat hat die Beweislast praktisch umgedreht. Ein stückweises Einlenken gab es erst nach Protesten und Demonstrationen", ergänzte Christoph Otto, Leiter des Global 2000-Hilfsprojekts "Tschernobyl-Kinder", während des von der Umweltschutzorganisation initiierten Interviews.

In der Todeszone bekamen die Leute immerhin Schutzmasken zu ihrer Sicherheit. "Einige ignorierten anfangs aber selbst diese Maßnahme", schilderte Tereschtschenko ihre damals ersten Eindrücke. Ein Umdenken erfolgte, als man die Auswirkungen der unsichtbaren Strahlung wahrnahm. Als etwa frisch geschlüpfte Küken bereits nach einem Tag verstarben, oder Kätzchen mit Missbildungen zur Welt kamen: "Als wir die Küken erblickten, freuten wir uns zuerst, dass das Leben den Tod besiegt hatte", schilderte die Zeitzeugin.

Fauna und Flora wiesen vier Monate nach dem Unglück zahlreiche Veränderung auf: "Das Gras wuchs rund um den Reaktor ungewöhnlich dicht, die Apfelbäume trugen riesige Früchte. Uns war die Gefahr bewusst, doch einige Männer haben trotzdem davon gekostet", sagte die Laborärztin, deren gegenwärtiger Gesundheitszustand weiterhin prekär ist: "Ich muss zweimal im Jahr eine Therapie machen, denn ohne diese ist es unklar, wie lange ich noch leben werde."

Wut über dieses Schicksal empfindet Tereschtschenko keine: "Ich liebe das Leben und kämpfe dafür. Ich habe noch eine Tochter und Enkelkinder und möchte weiter für diese da sein." Klarerweise ist die Laborärztin - "nach dieser Katastrophe mit ihren Auswirkungen in ganz Europa und Folgen, die noch Hunderte Jahre andauern werden" - inzwischen eine Atomkraftgegnerin.

apa.at

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