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APA-Artikel 26. März 2015

ÖÄK-Steinhart gegen willkürliche Versorgungs- und Leistungsengpässe

"Weg mit den Deckeln im niedergelassenen Bereich", forderte Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) bei einer Pressekonferenz heute, Donnerstag. "Unser Krankenkassensystem beruht unter anderem auf Regelungen, die zu einer Leistungsverknappung und einem Herstellen von Engpässen führen. Und die nur ein Ziel haben, nämlich Sparen."

Deckelungen sind von den Sozialversicherungen willkürlich festgesetzte Plafondierungen bei ärztlichen Leistungen. Ist dieser Plafond ("Deckel") erreicht, honoriert die Kasse dem niedergelassenen Kassenarzt weitere Leistungen dieser Art nicht mehr. Und zwar unabhängig davon, wie hoch der Bedarf der Patienten tatsächlich ist. Degressionen sehen vor, dass ärztliche Leistungen mit steigender Zahl immer schlechter honoriert werden. "Deckelungen müssen ersatzlos gestrichen werden, ganz besonders jetzt, wo die Spitalskrise zu Leistungseinbrüchen in den Krankenhäusern führt und Patienten mehr denn je auf niedergelassene Ärzte angewiesen sind", so Steinhart.

Einige problematische Beispiele, die je nach Bundesland und Krankenkasse im Detail variieren können: Eine "ausführliche diagnostisch-therapeutische Aussprache" zwischen Arzt und Patient können Allgemeinmediziner mit Kassenpraxis nur in maximal 18 Prozent der Fälle pro Quartal verrechnen, ein "psychosomatisch orientiertes Diagnose- und Behandlungsgespräch" in maximal 20 Prozent. In der Gynäkologie ist die Anleitung zur Selbstuntersuchung der Brust nach gängigen Standards, die auf Frauen ab dem 25. Lebensjahr beschränkt ist, in maximal 15 Prozent der Fälle pro Arzt und Quartal verrechenbar. Ein frauenärztliches Beratungsgespräch für Jugendliche und Frauen zwischen dem 12. und dem 18. Lebensjahr wird in nur fünf Prozent der Fälle pro Quartal bezahlt. Und Kinderärzten wird ein Schnelltest auf A-Streptokokken bei Kindern und Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr in maximal zwei Prozent der Fälle honoriert.

ÖÄK-Vizepräsident Steinhart: "Solche Beispiele zeigen, dass viele Kassenärzte einen guten Teil ihrer Leistungen unentgeltlich erbringen, weil der tatsächliche Bedarf natürlich weit über der Deckelung liegt. Doch das Anbieten medizinischer Leistungen zum Nulltarif hat natürlich Grenzen, schon deshalb, weil es für Ärzte mit Zeit und Kosten verbunden ist. So wird mittels Deckelungen praktisch eine Flaschenhals-Situation geschaffen, und die Wartezeiten werden verlängert."

Dieses System führe bereits unter normalen Bedingungen zu Problemen beim Erbringen ärztlicher Leistungen. In einer Situation, in der es wegen der Umsetzung des Ärztearbeitszeitgesetzes zu gravierenden Leistungsreduktionen in den Spitälern komme, äußerten sich Deckelungen wegen der zusätzlichen Patientenströme von den Spitälern in die Arztpraxen besonders fatal. "Natürlich sind niedergelassene Ärzte bereit, möglichst viele Patienten bestmöglich zu betreuen. Doch eine Leistungsausweitung zum Nulltarif kann es nicht geben - keiner anderen Berufsgruppe würde man so etwas zumuten." Es müsse deshalb endlich eine Wende in der Gesundheitspolitik eingeleitet werden. Steinhart: "Dazu bedarf es neben einer sofortigen ersatzlosen Streichung von Deckelungen mindestens 1300 niedergelassener Kassenpraxen mehr als heute, um die Spitäler sinnvoll entlasten zu können. Tatsächlich gibt es derzeit aber um 900 weniger als vor 15 Jahren. Das passt alles nicht zusammen."

Magnetresonanz-Tomografie: Deckelungen verlängern Wartezeiten auf vier bis zwölf Wochen

Bei der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) werden steigende Untersuchungszahlen um sechs bis zehn Prozent pro Jahr (OECD) verzeichnet. Dem stehen allerdings seit 2010 Instituts-Deckelungen gegenüber, die bis 2013 eine jährliche Steigerung der bezahlten Untersuchungen um nur 0,5 Prozent ermöglicht haben und seit 2013 um zirka ein bis zwei Prozent gestiegen sind. Dieser Vertrag, der zwischen dem Hauptverband und der Wirtschaftskammer abgeschlossen wurde, "ist Ursache der wachsenden Wartezeiten auf MRT-Untersuchungen. Diese betragen derzeit in Vorarlberg etwa vier Wochen, in Ostösterreich bereits zwölf Wochen", so Friedrich Vorbeck, Obmann der Bundesfachgruppe Radiologie der ÖÄK.

Für die einzelnen Institute gebe es pro Jahr einen vorgeschriebenen Maximalbetrag für MRT. Die Tarife für Leistungen seien degressiv und würden ab dem Erreichen des Deckels null Euro betragen, so Vorbeck. Jede weitere Untersuchung müsste ein Institut also trotz laufender Geräte- und Personalkosten gratis durchführen. Vorbeck: "Wir lösen das in unserem Institut so, dass wir Montag bis Freitag ganztägig MRT-Untersuchungen durchführen und so über das Jahr innerhalb des Deckels bleiben. Es ist nachvollziehbar, dass wir - ebenso wie viele andere Institute - Mehrleistungen, die für uns einen immensen Kostenfaktor bedeuten würden, nicht anbieten können."

In der Folge komme es, so Vorbeck, notgedrungen zu einer Zwei-Klassen-MRT-Diagnostik, weil Patienten, die das Geld dafür hätten, in private MRT-Institute ausweichen würden: "Aus medizinischer Sicht ist die Situation eindeutig: Jeder Patient, der von einer MRT-Untersuchung profitieren kann, sollte diese innerhalb einer medizinisch akzeptablen Frist machen können, unabhängig davon, ob er viel oder wenig Geld hat."

Physikalische Medizin: Deckelungen bedingen lange Wartezeiten und Therapie-Verzicht

Die Gesamtkosten der ambulanten physikalischen Krankenbehandlungen in Wien in Ordinationen und Instituten sind für das Jahr 2015 mit 35,25 Millionen Euro gedeckelt. "2014 wurde die Deckelsumme gemäß einer aktuellen Schätzung um zehn bis 20 Prozent pro Ordination überschritten", berichtet Friedrich Hartl, Obmann der Bundesafachgruppe Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation der ÖÄK. "Trotzdem zeigte eine Stichprobenerhebung in den Ordinationen im November 2014, dass Patienten zwischen 23 und 27 Werktage auf den Beginn einer physikalischen Behandlung warteten, weil die vorgehaltenen Kapazitäten erschöpft waren. Physikalische Institute berichten über ähnliche Werte." Obwohl Leistungserbringer wesentlich mehr leisteten, als sie bezahlt bekämen, seien Engpässe in der physikalischen Behandlung und in der Folge überlange Wartezeiten programmiert, so Hartl. 17,5 Prozent der Patienten in dieser Stichprobe, die eine physikalische Krankenbehandlung angestrebt hatten, hätten aufgrund der Wartezeiten überhaupt Abstand davon genommen.

Die aktuelle "Versorgungsstudie Physikalische Medizin und Rehabilitation in Österreich Aktualisierung 2015" der Fachgesellschaft ÖGPMR unter fachlicher Unterstützung der Gesundheit Österreich GmbH berichte von einer "Unterversorgung im gesamten PMR Bereich, die zwangsweise zur Triagierung von PatientInnen führt, sodass notwendige Therapiemaßnahmen zum Teil unterbleiben" und berechne alleine aus demografischen Gründen eine Bedarfssteigerung von acht Prozent bis 2020. Hartl: "Mit Deckelungen wird man diesem Bedarf nicht entsprechen können."

Keine willkürlichen Obergrenzen - Patientenbedarf muss von Ärzten definiert werden

Deckelungen, so der Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte, Johannes Steinhart, zusammenfassend, seien willkürlich, würden ausschließlich dem Einsparen dienen und nicht den tatsächlichen Patienten-Bedarf berücksichtigen. Sie würden die Versorgung behindern und für unnötige und oft gefährlich lange Wartezeiten sorgen. "Sie zwingen viele Patienten dazu, in die private Medizin auszuweichen, um kurzfristig einen Diagnose- oder Behandlungstermin zu bekommen. Es kann deshalb im Interesse der Versorgung der Patienten nur eine Forderung geben: Deckelungen rasch und ersatzlos abzuschaffen", so Steinhart. Es könne nur einen Maßstab für bezahlte soziale Gesundheitsleistungen geben, und das sei der Bedarf der Patienten. Dieser könne einzig von Ärzten definiert werden, weil nur sie über ein entsprechendes medizinisches Wissen verfügten. Steinhart: "Gesundheit ist zu wichtig, um sie der Willkür von Kassenfunktionären und Gesundheitsökonomen zu überlassen." (b&k)

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/162/aom

apa.at

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