zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 9. Februar 2015

Spitalsärzte - Ausweichen in "Privatmedizin" 1

Die Gesundheitsreform und die neuen Ärzte-Dienstzeitenregelungen in Krankenhäusern haben Folgen. Der Patientenombudsmann der Wiener Ärztekammer, Franz Bittner, registriert mehr Beschwerden über Wartezeiten und Kapazitätsprobleme in Spitälern und Ordinationen. Eine Wiener "Privatmedizin"-Gesellschaft (MediClass) hat mehr Patientenanfragen und Anfragen von zur Mitarbeit bereitstehenden Ärzten.

Bittner ist seit Mitte 2013 Patientenombudsmann der Wiener Ärztekammer und war langjähriger Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). Er hat in den vergangenen Wochen und Monaten neue Erfahrungen gemacht. "Ich bemerke bei den Beschwerden zunächst einen Zuwachs bezüglich der Wartezeiten. Das geht schon seit einiger Zeit." Die Beschwerden betreffen auch OP-Verschiebungen und Kapazitätsprobleme in Ambulanzen und Ordinationen.

Ein Beispiel, so der Ombudsmann: Eine Patientin wollte sich für einen Ambulanz-Termin im Orthopädischen Spital Speising Wien anmelden. Die Antwort auf die Anfrage vom Oktober vergangenen Jahres war "November 2015". "Die Patientin meinte, man hätte sich beim Schreiben in der Jahreszahl geirrt. Das war nicht der Fall."

Im Rahmen der aktuellen österreichischen Gesundheitsreform sollen medizinische Leistungen am "Best Point of Service" erbracht werden. Zusammen mit den auf 48 Stunden Wochenarbeitszeit reduzierten Dienstzeiten der Ärzte in den Krankenhäusern geht hier offenbar eine Schere zwischen Bedarf an fachärztlicher Betreuung in Ambulanzen und den Ressourcen auf. Bittner über die Erfahrungen in Wien: "Speziell sieht man das in den Bereichen Neurologie, Nuklearmedizin, Orthopädie und bei bestimmten physikalischen Leistungen. Aber die Ambulanzen werden auch in anderen Bereichen reduziert. Das ist natürlich kostenwirksam."

Spezialambulanzen werde man aber in der niedergelassenen Praxis nie ersetzen können. Der Patientenombudsmann der Wiener Ärztekammer: "Die jetzt angekündigten Primary Health Care-Zentren in Wien sind dafür gedacht, jene Patienten, die zuerst in eine Spitalsambulanz (zur Erstversorgung, Anm.) gehen, abzufangen und damit die Ambulanzen zu entlasten. Man muss dazu sagen: Viele von diesen Patienten haben keinen Vertrauensarzt."

Ein weiterer in Wien spürbarer Effekt ist die Auslagerung von Untersuchungen für die bildgebende Diagnostik und anderer radiologischer Leistungen aus den Krankenhäusern. Bittner: "Da gibt es die österreichweite Deckelung der Honorare im CT und MRT-Bereich (Computer- und Magnetresonanztomografie) in der Radiologie." Die österreichischen Radiologen bekommen pro Jahr eine mit den Krankenkassen vereinbarte limitierte Gesamtsumme. Der Experte: "Das führt zu langen Wartezeiten. Und die Radiologen und Institute nehmen dann (wenn der Pool ausgeschöpft ist, Anm.) lieber die Privatpatienten." Wer sich's leisten kann, dem ist eine schnelle MR- oder CT-Untersuchung schon ein paar hundert Euro "wert".

Als "Zynismus der besonderen Art" bezeichnete Bittner gegenüber der APA die erfolgte Aufhebung der Chefarztpflicht für solche Untersuchungen. "Die Kassen loben sich, dass sie Hürden für ihre Versicherten beseitigen, die Radiologen vergeben ab einem bestimmten Zeitpunkt kaum mehr Termine - niemand arbeitet gerne kostenlos -, die Patienten beschweren sich, viele sind ratlos, haben keine 170 Euro für eine private Untersuchung. Die Kassen und der Hauptverband schieben diese - für Patienten untragbare - Situation auf die radiologischen Institute."

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben