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APA-Artikel 26. Jänner 2015

Schweiz: Vereinbarkeit von Pflege kranker Kinder und Arbeit als Zwickmühle

Jedes Jahr erkranken in der Schweiz rund tausend Kinder schwer. Um sich um sie kümmern zu können, müssen die Eltern an ihrem Arbeitsplatz mit dem Unternehmen eine Lösung finden - manchmal mit schwerwiegenden finanziellen Konsequenzen. Firmen reagieren von Fall zu Fall. Eine allgemeine Regelung fehlt.

Gemäss Arbeitsrecht können Angestellte zur Pflege eines kranken Kindes bis zu drei Tage frei nehmen, die sie bezahlt erhalten. Das Obligationenrecht gewährt in solchen Fällen ein Recht auf Weiterbezahlung je nach Anstellungsdauer.

Die schwere Erkrankung eines Kindes etwa an Krebs kann aber eine monate- oder jahrelange Pflege und damit Abwesenheit vom Arbeitsplatz verursachen, wie die jurassische CVP-Ständerätin Anne Seydoux in einem von der kleinen Kammer überwiesenen Postulat geltend macht. Ihr Vorstoss verlangt darum einen ausreichenden bezahlten Urlaub in solchen Fällen.

Glücklicherweise seien derartige Tragödien selten, sagt Jean-Claude Darbellay, Sprecher bei der Grossbank Credit Suisse. Sein Institut handhabe derartige Situationen individuell und verfüge über diesbezügliche Angebote. Überhaupt berief sich die Mehrheit der von der Nachrichtenagentur sda befragten Unternehmen auf die Bereitschaft zu pragmatischen Lösungen.

Die dahinter steckenden Absichten seien gut, befindet Valérie Borioli Sandoz, Gleichstellungsspezialistin beim Gewerkschaftsdachverband Travail.Suisse. Gleichzeitig öffneten die "pragmatischen Lösungen" der Ungleichbehandlung aber Tür und Tor. Kurz: Die Situation für helfende Angehörige in der Schweiz sei katastrophal.

Heutzutage seien es vor allem die Frauen, die zur Pflege Kranker ihr Arbeitspensum reduzierten oder sich aus der Arbeitswelt zurückzögen, sagt die Gewerkschafterin. In Ermangelung einer allgemeinen Regelung müssten die Bedingungen für solche Engagements jeweils bei den Gesamtarbeitsverträgen (GAV) ausgehandelt werden.

So sind im jüngst zwischen der Travail.Suisse-Gewerkschaft Transfair und dem Telekomkonzern Swisscom ausgehandelten GAV verschiedene Möglichkeiten für eine Lösung zur Pflege kranker Kinder oder Angehöriger vorgesehen. Darunter fallen Arbeit im Home-Office, Jahresarbeitszeit, flexible Arbeitszeiten sowie unbezahlter oder bezahlter Urlaub in Notfällen.

Im GAV des Grossverteilers Migros sind ebenfalls gewisse Punkte festgelegt, wie Mediensprecher Tristan Cerf erklärt. Arbeitszeitanpassungen seien möglich, aber bei 94'000 Angestellten sei eine gemeinsame Lösung schwierig. Verwaltungsangestellte könnten von zu Hause aus arbeiten, bei Kassiererinnen oder Lageristen sei das nicht möglich.

Bei der SBB sieht der GAV vier bezahlte Freitage vor, sollte ein Kind krank werden. In ausserordentlichen Fällen und bei schweren Krankheiten lässt sich das gemäss Sprecherin Donatella Del Vecchio verlängern. Auch die Arbeit von zu Hause aus sei eine Option, aber nicht für alle.

Der GAV bei der Post bietet Eltern von schwer erkrankten oder verunfallten Kindern eine Woche bezahlten Urlaub. Der Detailhändler Coop gewährt nach Möglichkeit unbezahlte Urlaube. Direkte Vorgesetzte können bis zu 30 Tage bewilligen. Wer mehr braucht, muss sich an eine höhere Hierarchiestufe wenden.

Bei der Grossbank UBS ist unbezahlter Urlaub bis zu einem Jahr möglich. Sprecher Jean-Raphaël Fontannaz erklärt, die Beschäftigten könnten sich auch bis zu zwei Wochen zusätzliche Ferien kaufen. Im weiteren könnten mit den Vorgesetzten Lösungen ausgehandelt werden, die über das vorgesehene Maximum von drei bezahlten Pflegetagen hinausgingen.

Der Lebensmittelkonzern Nestlé setzt auf Arbeit vom Computer und zu Hause aus sowie flexible Arbeitszeiten. Sprecher Philippe Aeschlimann sagt, Eltern kranker Kinder könnten je nach Pflegeaufwand von einer gewissen Grosszügigkeit seitens der Firma ausgehen. Zudem ist ein Jahr unbezahlter Urlaub drin. Bei der Rückkehr hilft Nestlé beim Finden einer angemessenen Stelle.

Trotz des guten Willens seitens der Arbeitgeber ist die Einführung einer landesweiten gesetzlichen Regelung ein Thema. Aufgrund diverser parlamentarischer Vorstösse legte der Bundesrat im Dezember Vorschläge für die Besserstellung der Angehörigenpflege vor.

Zum einen geht es um bessere Rechtssicherheit bei kurzzeitigen Abwesenheiten vom Arbeitsplatz. Zum anderen werde für längere pflegebedingte Abwesenheiten die Einführung eines Betreuungsurlaubs mit oder ohne Lohnfortzahlung geprüft. Rechtliche Grundlagen will die Landesregierung in den kommenden zwei Jahren erarbeiten.

apa.at

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