zur Navigation zum Inhalt
 
APA-Artikel 16. Dezember 2014

CH: Tödliche Gefahr durch antibiotikaresistente Bakterien

Antibiotikaresistente Bakterien werden zur tödlichen Gefahr. Immer mehr Infektionen lassen sich nur noch schlecht oder gar nicht mehr therapieren. Nun wollen die Bundesbehörden den übermässigen und unsachgemässen Einsatz von Antibiotika eindämmen. Dafür wird ein Kulturwandel nötig sein.

25'000 Menschen sterben nach Schätzungen in der EU jedes Jahr an antibiotikaresistenten Bakterien. Dennoch ist von Verboten kaum die Rede im Entwurf für eine "Strategie Antibiotikaresistenzen" (StAR), der am Montag in die Anhörung geschickt worden ist. Dafür geht es um Prävention, Aufklärung und Beratung.

Beispielsweise von Medizinern: Noch immer verschreiben viele Ärzte Antibiotika gegen Atemwegserkrankungen, obwohl diese meist durch Viren verursacht werden und nicht mit Antibiotika behandelt werden können. Deren Einsatz beugt Sekundärinfektionen und Komplikationen vor, gleichzeitig werden dadurch aber resistente Bakterien gezüchtet.

Richtlinien zu Abgabe und Anwendung von Antibiotika sollen dieser Praxis ein Ende machen. Solche gibt es schon heute, diese werden aber von den medizinischen Fachgesellschaften erarbeitet und sind nicht verbindlich.

In der Humanmedizin dürfte es dabei bleiben: Die Schweiz habe kein zentralistisches Gesundheitssystem, vieles liege in der Verantwortung der Fachgesellschaften und der Ärzteschaft, sagte Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit (BAG), am Montag vor den Medien in Bern.

In der Tiermedizin hingegen sind verbindliche Richtlinien vorgesehen. Zudem sollen klare Kriterien definiert werden, unter welchen Bedingungen kritische Antibiotika eingesetzt werden dürfen. Als solche gelten Wirkstoffe, für die es keine Alternativen mehr gibt. Sobald sich dagegen Resistenzen entwickeln, ist die Medizin machtlos.

Trotzdem bekommen Bauern heute von den Tierärzten kritische Antibiotika auf Vorrat ausgehändigt, um bei Bedarf ihre Tiere behandeln zu können. Dies soll künftig verboten werden: Im Rahmen der Strategie ist geplant, verschiedene Wirkstoffklassen zu unterscheiden und den Einsatz kritischer Antibiotika gesetzlich einzuschränken.

Für solche Massnahmen sind heute die Datengrundlagen kaum ausreichend. Die "Strategie Antibiotikaresistenzen" setzt daher einen Schwerpunkt bei der Überwachung von Vertrieb, Verschreibung und Einsatz von Antibiotika sowie der Bildung von Resistenzen.

In der Humanmedizin werden solche Daten heute bereits erhoben, die Überwachung soll aber ausgebaut und verstärkt werden, wie Koch sagte. Dazu muss unter anderem ein Netz von Referenzlabors aufgebaut werden.

In der Tiermedizin hingegen wird nur der Vertrieb von Antibiotika erfasst. Die gesetzliche Grundlage für eine Antibiotika-Datenbank wurde letzte Woche vom Ständerat gutgeheissen, nun muss noch der Nationalrat zustimmen.

Zudem müssten Resistenzen bei kranken Tieren systematisch erfasst werden, um Therapierichtlinien erarbeiten zu können, sagte Dagmar Heim vom Bundesamt Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Weitere Themen in der Tierhaltung und in der Landwirtschaft sind Tierzucht, Tierhaltung oder die Verbreitung und Übertragung resistenter Erreger.

Die Strategie setzt auch bei der Prävention an. Je mehr Infektionserkrankungen verhindert werden könnten, umso weniger Antibiotika müssten zur Therapie eingesetzt werden, heisst es im Entwurf. Vermeiden liessen sich Infektionen etwa durch Hygienemassnahmen im Spital oder mit einer optimierten Tierhaltung in der Landwirtschaft.

Die geplanten Massnahmen sollen nicht von oben verordnet werden. Schon bei der Erarbeitung der Strategie, an der neben BAG und BLV auch das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) mitgearbeitet haben, wurden Medizin, Landwirtschaft, Industrie, Kantone und weitere wichtige Akteure beigezogen.

Interessierte Kreise haben nun bis zum 15. März 2015 Zeit, Stellung zu den vorgeschlagenen Massnahmen zu nehmen. Die Umsetzung läuft teilweise schon, etwa beim Ausbau der Überwachung von Resistenzen in der Humanmedizin. Andere Massnahmen sollen zusammen mit dem revidierten Epidemiengesetz Anfang 2016 in Kraft treten. Zudem soll die Strategie international abgestimmt werden. Allerdings müsse jedes Land zunächst seine eigenen Hausaufgaben machen, sagte Koch.

Wie viele Menschen heute in der Schweiz an antibiotikaresistenten Bakterien sterben, ist nicht bekannt. Diese entstehen durch Mutationen oder durch den Austausch von Resistenzgenen. Überleben einzelne Erreger eine Antibiotikabehandlung und vermehren sich, entsteht ein resistenter Stamm.

Wird dieser mit alternativen Antibiotika bekämpft, beginnt der Teufelskreis: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, umso mehr resistente Erreger entwickeln sich, die wiederum mit Antibiotika bekämpft werden.

Nicht nur der Mensch, auch die Massentierhaltung ist eine Brutstätte für resistente Keime. Allein in der Schweizer Nutztierhaltung werden jährlich zwischen 50 und 60 Tonnen Antibiotika eingesetzt. Problematisch sind beispielsweise MRSA-Erreger, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können und gegen die herkömmliche Therapien versagen. Dadurch verursachte Blutvergiftungen, Haut- oder Lungenentzündungen können tödlich enden.

Alarmierende Resistenzraten hat die Weltgesundheitsorganisation WHO auch bei Pneumokokken, dem Darmbakterium Escherichia coli oder Neisseria gonorrhoea, dem Auslöser von Tripper, festgestellt. Angesichts dieser Entwicklung warnte Keiji Fukuda, stellvertretender WHO-Direktor für Gesundheitssicherheit, im April in Genf vor der "Nach-Antibiotika-Ära".

apa.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben